Pierre-Emile Hojb­jerg, Sie sind 18 Jahre alt und haben bereits ihr drittes Som­mer­trai­nings­lager beim FC Bayern absol­viert. Was hat sich in den letzten zwei Jahren ver­än­dert?
Es ist schon ein Unter­schied, ob man als Jugend­spieler mal mit den Profis trai­nieren darf oder aktiv als Profi dabei ist. Diesen Über­gang habe ich im letzten Jahr end­lich geschafft, wes­halb die letzte Saison auch unglaub­lich wichtig für mich war.

Was war Ihr per­sön­li­ches High­light?
Ganz klar das DFB-Pokal­fi­nale. Ich habe hart dafür trai­niert, in so einem wich­tigen Spiel auf dem Platz zu stehen. Dass das dann aus­ge­rechnet das letzte Sai­son­spiel und so ein wich­tiges Finale ist, das war mehr als ein Traum.

Wie war das, als 18-Jäh­riger auf einmal vor über 70.000 Zuschauern im Ram­pen­licht zu stehen?
Das war super! End­lich durfte ich auf so einer großen Bühne zeigen, was ich drauf habe. Über uns junge Spieler heißt es oft: ›Die sind zwar ganz talen­tiert, müssen sich aber noch beweisen.‹ Ich wollte zeigen, dass ich mit den Großen mit­halten kann. Ich glaube, das ist mir zumin­dest in diesem Spiel gut gelungen.

Nach dem Spiel standen Sie plötz­lich im Live-Inter­view mit Rein­hold Beck­mann und Ihrem ehe­ma­ligen Reserve-Trainer Mehmet Scholl. Waren Sie auf­ge­regt?
Ich kannte Mehmet bereits, das hat mir eine gewisse Auf­re­gung genommen. Nach diesem Finale, inklu­sive Ver­län­ge­rung, ist noch so viel Adre­nalin im Körper, da ver­gisst man die Mil­lionen TV-Zuschauer ohnehin. Trotzdem war das ein unglaub­li­ches Erlebnis.

Mit­spieler wie Arjen Robben oder Bas­tian Schwein­s­teiger über­schüt­teten Sie nach dem Spiel mit Lob. Wie stolz macht das einen 18-jäh­rigen Youngster?
Die Aus­sagen habe ich erst im Nach­hinein wahr­ge­nommen. Was soll ich dazu sagen? Das sind große Spieler, die schon eine Menge erlebt haben. Jetzt ist das Pokal­fi­nale aber vorbei und eine neue Saison steht bevor. Daher kann ich mir davon nichts mehr kaufen.

Gibt es Spieler beim FC Bayern, zu denen Sie auf­schauen?
Ich arbeite täg­lich mit den Jungs zusammen, da wäre es nicht gut Idole oder Vor­bilder in der eigenen Mann­schaft zu suchen. Trotzdem spielen bei uns natür­lich einige große Per­sön­lich­keiten, die fast alles erlebt haben. Es wäre unge­schickt von mir, nicht zu Robben, Lahm oder Schwein­s­teiger auf­zu­schauen. Von diesen Spie­lern will jeder junge Bun­des­li­ga­profi lernen.

Als Vor­bild nannten Sie immer wieder Ihren Vater. Er ver­starb im April. Wie haben Sie diesen Schick­sals­schlag ver­kraftet?
Ich wün­sche nie­mandem, wirk­lich nie­mandem, dass er diese Situa­tion erlebt. Du wirst kom­plett aus deinem Alltag her­aus­ge­rissen, bist nicht richtig bei der Sache. Trotzdem muss man irgendwie nach vorne schauen. Ich hatte kurz nach dem Tod meines Vaters ein sehr gutes Gespräch mit Karl-Heinz Rum­me­nigge. Er hat mich zur Seite genommen und schöne Worte gefunden.

Was sagte Rum­me­nigge?
Er erklärte mir, dass Krisen zum Leben dazu­ge­hören. Es sei ganz mensch­lich, dass der Tod meines Vaters mich runter ziehen würde. Rum­me­nigge sagte aber, er glaube fest daran, dass ich aus dieser Krise auch stark hervor gehen könnte – wenn der Wille da ist. Dar­aufhin habe ich ver­sucht, mich wieder zu moti­vieren und da wieder raus zu beißen. Meine The­rapie hieß Fuß­ball. Auf dem Platz war ich frei und konnte allen Ärger ver­gessen.

Welche Rolle hat Ihr Vater für Ihre Fuß­ball­kar­riere gespielt?
Mein Vater wusste von klein auf, wo meine Stärken liegen und welche Schwä­chen ich habe. Er hat mich gefor­dert und geför­dert, ob bei meinem ersten Verein BK Skjold oder im hei­mi­schen Garten. Seine Bedeu­tung kann ich gar nicht beschreiben. Auch wenn mein Vater phy­sisch nicht mehr da ist, ist er immer noch in meinem Kopf und Herzen dabei. Ich bringe meine Leis­tung auch für ihn.

Die Medien berich­teten über ein sehr emo­tio­nales Gespräch mit Pep Guar­diola. Sie beide sollen geweint haben. Welche Rolle spielte der Trainer in dieser Phase?
Diese Geschichte wurde natür­lich etwas über­trieben dar­ge­stellt. Sicher waren in dem Gespräch Emo­tionen dabei, das ist aber doch ganz normal, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Ich bin Pep Guar­diola wie auch Karl-Heinz Rum­me­nigge und dem ganzen Verein jeden­falls von Herzen für die Unter­stüt­zung dankbar.

Zurück zum Sport: Ist Guar­diola der per­fekte Trainer für Ihre Ent­wick­lung?
Pep ist unglaub­lich. Es stimmt nicht nur die mensch­liche Kom­po­nente, wie in der Situa­tion nach dem Tod meines Vaters, er ist auch fach­lich top. Pep nimmt uns junge Spieler häufig zur Seite. Ich kann mir momentan keinen bes­seren Trainer vor­stellen.

Im Pokal­fi­nale setzte Guar­diola Sie auf dem rechten Flügel ein – eigent­lich kommen Sie aber aus dem zen­tralen Mit­tel­feld. Wo sehen Sie sich am stärksten?
Im Mit­tel­feld­zen­trum. Die defen­sive Sechs“, das ist meine Posi­tion. Wenn Pep Guar­diola mich aber rechts außen auf­stellt, mache ich auch das. Er ist der Trainer.

Ihre Mutter ist Fran­zösin, Sie nennen Zine­dine Zidane als fuß­bal­le­ri­sches Vor­bild. Früher sollen Sie rei­hen­weise Bücher über ihn ver­schlungen haben.
Nein, das ist eine Legende. (lacht) Ich habe mir aber viele Videos von ihm ange­sehen. Anschlie­ßend habe ich tage­lang ver­sucht, seine Tricks im Garten oder auf der Straße nach­zu­ma­chen. Zidane hat mich fas­zi­niert. Wie er den Ball kon­trol­lierte, wie er das Spiel kre­ierte – das war ein­fach stark.

Wie haben Sie Zidanes Abtritt von der großen Fuß­ball­bühne 2006 erlebt?
Sie meinen sicher seine Rote Karte im WM-Finale. Das war ein trau­riger Tag für mich. Wir waren bei der Familie in Frank­reich und saßen vor dem Fern­seher – ich ganz stolz als kleiner Zehn­jäh­riger in der ersten Reihe mit Zidane-Trikot. Als er vom Platz flog, war ich unheim­lich wütend und habe geweint. Nach zwei Tagen war die Sache aber wieder ver­gessen und ich habe ver­sucht, wie Zidane zu spielen.

Zwei Jahre später hatten Sie beim FC Kopen­hagen einen Durch­hänger. Sie wollten damals sogar mit dem Fuß­ball auf­hören.
Ich war knapp 13, mein Trainer hat mich im Sturm auf­ge­stellt. Damit war ich nicht ein­ver­standen und habe keine Lust mehr auf Fuß­ball gehabt. Ich bin nur noch zum Fuß­ball gegangen, um meine Mann­schafts­ka­me­raden zu sehen, nicht um zu spielen. Gerade weil in diesem Alter ohnehin die Hor­mone im Kopf ver­rückt­spielen, war das keine leichte Zeit.

Wie haben Sie den Spaß wie­der­ge­funden?
Ich habe den FC Kopen­hagen ver­lassen. Es gab zwei Optionen: Ent­weder ich gehe zurück zu meinem Hei­mat­klub, einem Dorf-Verein, oder wechsle zum großen Rivalen Bröndby. Ich hatte oft gegen sie getroffen, der Verein wollte mich gerne haben. Schließ­lich habe ich das gemacht.

Wie schnell fanden Sie wieder in die Spur?
Zunächst gar nicht. Sie müssen wissen: Der Wechsel von Kopen­hagen zu Bröndby ist mit einem Transfer von 1860 zu den Bayern zu ver­glei­chen. Glauben Sie mir, von Freunden und Bekannten konnte ich mir schon ein paar Sprüche anhören. Sport­lich lief es aber schnell wieder. Ich habe den Spaß wie­der­ge­funden und richtig gute Spiele gezeigt. Durch meine kurze Sinn­krise bin ich in Bröndby auf jeden Fall schneller gereift.

Wissen Sie, wie dann der FC Bayern 2012 auf Sie gekommen ist?
Bayern-Scout Björn Andersson hat mir einmal erzählt, er habe im Sommer 2011 ange­fangen, mich zu beob­achten. Anfang Dezember 2011 ist Jugend-Chef Michael Tarnat dann zu einem Spiel gekommen. Ich habe drei Tore geschossen und ihn anschei­nend über­zeugt. Am 17. Dezember saß ich im Büro von Karl-Heinz Rum­me­nigge. Ich war zwar nervös, das Gespräch war aber sehr offen und nett. Einen Monat später habe ich einen Drei­jahres-Ver­trag ab der Saison 2012/13 unter­schrieben.

Sie wech­selten als 16-Jäh­riger nach Mün­chen – in eine voll­kommen fremde Stadt. Hatten Sie Angst?
Angst ist das fal­sche Wort. Respekt. Aller­dings war es ein­fa­cher, als ich dachte. Ich habe mich nicht ver­stellt, war wei­terhin der Pierre, der ich auch vorher war. In diesem Geschäft muss man frech sein, außerdem Härte und Klug­heit mit­bringen. Das hat bei mir ganz gut gepasst.

Wer hat Ihnen in Ihrer Mün­chener Anfangs­zeit beson­ders geholfen?
Die Familie von Michael Tarnat. Ich habe zunächst fast zwei Jahre lang dort gewohnt und eine unglaub­liche Unter­stüt­zung erfahren. Michael ist wirk­lich ein Glücks­fall für den FC Bayern, er tut alles für den Klub.

Es ist ja schon unge­wöhn­lich, bei seinem Chef zu wohnen. Was war Ihre lus­tigste Geschichte im Hause Tarnat?
(lacht) Nachdem ich im Sommer 2012 sams­tags mit den Profis aus dem Trai­nings­lager gekommen bin, gab uns Jupp Heynckes den Sonntag frei. Das Wetter war wun­derbar und Michaels Frau Nicole trom­melte die ganze Familie zusammen. Sie sagte: Jungs, heute fahren wir eine Runde Fahrrad.“ Ich habe mich auf ein biss­chen Ablen­kung und ein lockeres Stünd­chen auf dem Rad gefreut.

Aber?
Vier Stunden! Wir sind vier Stunden durch die Gegend gera­delt. Anschlie­ßend konnte ich mich fünf Tage kaum noch bewegen, hatte einen richtig schlimmen Mus­kel­kater. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder so lange Fahrrad zu fahren. Bis heute hat’s geklappt.

Pierre-Emile Hojb­jerg, was nehmen Sie sich für diese Saison vor?
Das ist eine gefähr­liche Frage. Ich habe sehr hohe Erwar­tungen an mich selbst, weiß aber um die Kon­kur­renz beim FCB. Mein Motto ist ganz ein­fach: Ich stehe jeden Tag auf und sage mir: ›Heute will ich besser werden!‹ Der Rest ergibt sich dann.

Viel­leicht haben Sie ja doch ein kon­kretes Ziel für 2014/15. Ein Wett­be­werb fehlt Ihnen ja gänz­lich in Ihrer Vita.
(Über­legt) Die Cham­pions League.

Exakt. Sie haben noch kein Spiel in der Königs­klasse bestritten. Wäre das nicht ein Ziel für die neue Saison?
Mein Ziel ist es, nicht nur ein Spiel zu machen, son­dern irgend­wann den Cham­pions-League-Pokal auf dem Mari­en­platz zu prä­sen­tieren. Aber ich weiß, dass ich erst einmal mit dem ersten Spiel anfangen muss. Auch wenn es schwer ist: Ich muss Geduld haben, auch wenn es natür­lich sein kann, dass ich bald schon in der Cham­pions League auf­laufen werde. Das war im Pokal­fi­nale ja auch nicht anders.