Vor­der­gründig war es ein Lob, aus­ge­spro­chen durch den alt­ge­dienten ita­lie­ni­schen Fuß­ball­jour­na­listen Luciano Pas­si­rani an die Adresse von Inter-Tor­jäger Romelu Lukaku (26): Er ist einer der stärksten Spieler über­haupt, und des­halb mag ich ihn“, sagte Pas­si­rani offenbar beein­druckt von der kör­per­li­chen Wucht des bel­gi­schen Natio­nal­stür­mers im TV-Studio des Strea­ming-Anbie­ters TopCalcio24“. Und weiter: Lukaku ist min­des­tens dop­pelt so stark wie Duvan Zapata von Ata­lanta. Solche Spieler ver­kör­pern etwas Beson­deres, sie tragen ein Team und sie machen die Tore.“

Bis dahin war die Ana­lyse des Gast-Experten Pas­si­rani kor­rekt, auch poli­tisch. Aber was er dann über Lukaku sagte, zeugt von einem min­des­tens bedenk­li­chen Men­schen­bild: Wenn du Eins-gegen-Eins gegen solche Spieler spielen musst, bist du tot, du gehst zu Boden“, wit­zelte der Experte mit behänder Gestik, um süf­fi­sant hin­zu­zu­fügen: Gib ihnen zehn Bananen, die sie essen können, dann bist du okay. Aber sonst…“

Und da war es wieder, dieses dumpfe, dröh­nende Gefühl. Wie ein unan­ge­kün­digter Faust­hieb in die Magen­grube. Für Lukaku. Für alle dun­kel­häu­tigen Fuß­baller. Für alle Men­schen, die ver­meint­lich anders sind als die Mehr­heit der Gesell­schaft. Und für alle, die diesen tumben Ras­sismus ver­achten und die uner­müd­lich dagegen ankämpfen.

Ein ele­ganter Salon-Ras­sist

Dabei war der Übel­täter diesmal einer der ver­meint­lich Kul­ti­vierten: Luciano Pas­si­rani, Typ pen­sio­nierter Bank­di­rektor, trug edlen dun­kel­blauen Zwirn, wäh­rend er sich im heißen Stu­dio­licht von TopCalcio24“ sonnte und drauflos dozierte. Sein Hemd­kragen war blü­ten­weiß und gut gestärkt, die dun­kel­blaue Sei­den­kra­watte akkurat gebunden, das schnee­weiße Haar schnur­ge­rade geschei­telt. Pas­si­rani ist kein tumber Steh­tri­bünen-Schrei­hals. Eher ein ele­ganter Salon-Ras­sist – einer, der hier und da mal ein kleines ras­sis­ti­sches Witz­chen fällen lässt.

Dass so einer jedoch auf offener TV-Bühne der­ar­tigen Müll von sich gibt, zeigt zwei­erlei: Ers­tens, der Ras­sismus im Umfeld des ita­lie­ni­schen Profi-Fuß­balls exis­tiert kei­nes­wegs nur unter stramm-rechten Ultras in den anonymen Weiten der Kurven. Er ist tief in der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft ver­wur­zelt. Sicher nicht bei allen Ita­lie­nern, ver­mut­lich nicht einmal bei den meisten von ihnen, aber doch in sämt­li­chen Gesell­schafts­schichten und in allen Alters­klassen.

Doch diese jüngste Epi­sode aus einer langen Geschichte an beschä­menden ras­sis­ti­schen Vor­fällen rund um die Serie A macht auch Mut – und das ist Signore Fabio Rave­z­zani zu ver­danken. Der Pro­gramm­di­rektor des Mai­länder Spar­ten­sen­ders reagierte näm­lich umge­hend. Und er reagierte kon­se­quent. Noch wäh­rend der lau­fenden Sen­dung schal­tete sich Rave­z­zani ins Pro­gramm ein und gab bekannt, dass Luciano Pas­si­rani aus dem Studio hinaus kom­pli­men­tiert werde. Und dass es auch künftig kei­nerlei Gast-Auf­tritte des geschei­telten Salon-Ras­sisten mehr geben werde.

Zwar rela­ti­vierte der Pro­gramm­di­rektor später auf Twitter den Auf­tritt Pas­si­ranis und erklärte: Die Über­tra­gung der Sen­dung wurde unter­bro­chen, dadurch wurde die kurz darauf fol­gende Ent­schul­di­gung des Studio-Gastes, er sei nur für einen Moment ver­wirrt gewesen und habe einen Witz machen wollen, nicht aus­ge­strahlt.“ Doch in der Sache blieb der TopCalcio24“-Boss hart: Die Trag­weite seines Kom­men­tares bleibt bestehen und erfor­dert dem­zu­folge ernst­hafte Maß­nahmen.“

Soli­da­rität mit Lukaku

Und so dürfte dieser jüngste Vor­fall auch für Romelu Lukaku zwei­erlei bedeuten: Zum einen war der Ex-Man­chester-United-Star erneut Ziel­scheibe eines ras­sis­tisch moti­vierten Angriffs. Schon vor der jüngsten Län­der­spiel­pause war der Profi mit afri­ka­ni­schen Wur­zeln wäh­rend Inters 2:1‑Sieg in Cagliari von Heim­fans mit Affen­lauten bedacht worden. Schlimmer noch: Inters eigene Fan­szene rela­ti­vierte die ras­sis­ti­schen Aus­fälle später in einem offenen Brief an Lukaku.

Zum andern aber erfährt Lukaku nun, dank des ent­schlos­senen Ein­schrei­tens von Signore Rave­z­zani, dass dun­kel­häu­tige Profis in Ita­lien kei­nes­wegs vogel­frei sind. Dass auch ihre Würde unan­tastbar ist – und dass es durchaus Men­schen gibt, die offen und beherzt dafür ein­treten. Wobei das Thema Fuß­ball und Ras­sismus in Ita­lien weiter ein sehr kom­plexes bleibt, wie die Reak­tionen auf Rave­z­zanis Reak­tion offen­baren.

Das Thema bleibt kom­plex

In den Kom­men­tar­leisten des Inter­nets erntet der Pro­gramm­di­rektor näm­lich kei­nes­falls nur Lob für seine gelebte Zivil­cou­rage. Neben einigen offen ras­sis­ti­schen Schimpf­ti­raden gegen Rave­z­zani, Lukaku und die Afri­kaner“ gibt es eine breite Front derer, die Luciano Pas­si­ranis Bananen“-Analyse ver­harm­losen. Motto: War doch nicht so böse gemeint.“ Oder: Jeder sagt mal etwas Dummes.“

Und so stimmt diese jüngste Epi­sode einer­seits hoff­nungs­froh, ande­rer­seits macht sie auch betroffen. Denn sie zeigt eines ganz deut­lich: Die Ratte Ras­sismus nistet weiter in den Köpfen vieler Men­schen. Und sie ernährt sich dort offenbar von deren Hirn­masse.