Seite 4: „Ich bin Patriot, aber kein Idiot“

Im Büro von Dietmar Bei­ers­dorfer im Volks­park­sta­dion hängt ein rie­siges Foto, auf dem die Euro­pa­cup­sieger von 1983 in Zivil über den Rasen schlen­dern. Hie­ro­nymus trägt ein Hawaii­hemd, Hru­besch eine Stoff­hose mit Dis­co­gürtel, Felix Magath linst schel­misch durch die Gläser einer Horn­brille. Ein Bild, das das Selbst­be­wusst­sein dieser Elf, das Glück dieser Zeit, auf magi­sche Weise ein­fängt. Bei­ers­dorfer schaut auf ein Foto von Happel, auf dem der Alte ein T‑Shirt mit der Auf­schrift No Pro­blem!“ trägt. Der Vor­stands­chef des HSV kam 1986 zum Pro­be­trai­ning nach Ham­burg. Beim Betrachten des Bildes erwacht in ihm das schwär­me­ri­sche Jung­ta­lent: Er hatte ein unglaub­li­ches Cha­risma. Er strahlte diese totale Unab­hän­gig­keit aus, die uns Spie­lern signa­li­sierte: Es kann kommen, was will. Euch kann nix pas­sieren.“

Bei­ers­dorfer bezieht 1986 ein Apart­ment im Dach­ge­schoss eines Hauses im Lüt­jen­moor 44 in Nor­der­stedt, wo Happel im Erd­ge­schoss wohnt. Obwohl sie Nach­barn sind, gibt es kaum pri­vaten Kon­takt. Erst als Bei­ers­dorfer einen neuen Ver­trag unter­schreiben soll und mit den Kon­di­tionen unzu­frieden ist, klin­gelt er beim Trainer und fragt um Rat. Der Fern­seher läuft, der Grantler liegt auf dem Sofa, auf dem Tisch Zettel mit tak­ti­schen Auf­zeich­nungen. Als Bei­ers­dorfer sein Anliegen geschil­dert hat, schweigt Happel lange, dann sagt er: Ich kann dir nicht sagen, was du machen sollst. Ich kann dir nur raten: Wenn du von etwas über­zeugt bist, musst du deinen Weg gehen!“ Bei­ers­dorfer nimmt es sich zu Herzen – und bekommt die gefor­derte Gehalts­an­pas­sung. Ist Ernst Happel der größte Trainer in der Geschichte des HSV? Ich sehe keinen, der an ihn her­an­rei­chen könnte“, sagt Didi Bei­ers­dorfer.

Damals ist Ernst Happel bereits an Krebs erkrankt. Die Krank­heit, die er lange als Virus abgetan hat, zehrt an ihm. Vom Rau­chen kann er den­noch nicht lassen. Unter 30 Belga-Ziga­retten am Tag macht er es nicht. Der Arzt kann mir das nicht ver­bieten. Mein Glück ist, dass ich immer unter jungen Leuten bin“, beschwich­tigt er, und in der fri­schen Luft. Würde ich sitzen in einem Kontor – wie der Netzer – und würde so viel rau­chen, ginge ich kaputt.“ Doch er geht kaputt. Das Ein­ge­ständnis erfolgt wie so oft bei ihm: lautlos. Er kehrt in seine Heimat zurück und über­nimmt den FC Tirol.

Genießen, das ist ein Wort!“

Ganz Öster­reich feiert die Heim­kehr des Trai­ner­fürsten, der sich nach 26 Jahren in der Bel­etage des Fuß­balls in die Nie­de­rungen der öster­rei­chi­schen Liga zurück­zieht, um der dar­benden Alpen­re­pu­blik Start­hilfe zu geben. Er stählt die Spieler wie eh und je, streicht Urlaub, lässt auch im Hoch­sommer mit langen Hosen trai­nieren. Als Peter Pacult fragt, warum das nötig sei, grunzt Happel: Weil’s so is!“ Obwohl er mit dem Klub zwei Mal Meister wird – es sind der 17. und 18. Titel in seiner Trai­ner­lauf­bahn – weiß er doch, dass seine Zeit als inter­na­tional erfolg­rei­cher Coach vorbei ist.

Im März 1990 unter­liegt sein Team bei Real Madrid mit 1:9 – die höchste Nie­der­lage seiner Kar­riere. Eine Woche lang schweigt er sich über die Schmach aus. Erst dann kommt es zu einem zwei­stün­digen Don­ner­wetter. Sechs Spieler werden auf die Tri­büne ver­bannt. Tor­wart Klaus Lin­den­berger kann sich einen neuen Verein suchen. Die Frei­heit, die Happel stets auf seine Spieler aus­ge­strahlt hat, hat auch eine dunkle Seite. Einem Reporter gesteht er, wie Nie­der­lagen an ihm nagen: Genießen, das ist ein Wort! Sehr schwer für einen Trainer, der auf der Bank sitzt.“

Als er nach einer 0:6‑Schlappe der öster­rei­chi­schen Natio­nalelf 1991 gegen Schweden gefragt wird, ob er dem ÖFB nicht helfen wolle, gran­telt er: Ich bin Patriot, aber kein Idiot.“ Da weiß er längst, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Als kurz darauf Walter Zeman stirbt, sagt er zu Freunden: Ich bin der Nächste.“ Was inter­es­siert ihn also sein Geschwätz von ges­tern? Happel ist schwer krank, und doch so frei wie eh und je. Wie in einem sen­ti­men­talen Film wird der beste Trainer, den Öster­reich je her­vor­ge­bracht hat, im Schlussakt Team­chef. Die Spieler sind stolz, von ihm berufen zu werden. Ein letztes Mal gelingt es dem Zau­berer, ein Team neu auf­zu­stellen und ange­schla­genes Selbst­be­wusst­sein zu kurieren.

Drei Wochen vor seinem Tod im November 1992 erlebt er einen 5:2‑Sieg seiner Elf gegen Israel auf der Bank des Wiener Pra­ter­sta­dions, das bald seinen Namen tragen wird. Er kann nicht lassen vom Fuß­ball, der größten Liebe seines so reich­hal­tigen Lebens. Ich kann mir nicht vor­stellen, dass ich eine Woche nicht zum Fuß­ball gehe“, hat Ernst Happel gesagt. Wenn das eine oder andere Spiel abge­sagt wird, weiß ich gar nicht, was ich mit dem Tag beginnen soll. Das ist alles in Fleisch und Blut.“,

—-
Die Repor­tage Zau­berer“ erschien in 11FREUNDE #168. Ihr könnt sie wei­terhin in unserem Shop oder im App-Store kaufen.