Seite 3: „Ich hab’ wenig Zeit, ich muss nach Velden ins Casino“

Happel will kon­di­ti­ons­starke Ath­leten, die in der Lage sind, dem Gegner über die gesamte Spiel­zeit einen Stil auf­zu­zwingen. Wenn heute davon die Rede ist, dass eine Mann­schaft hoch steht“, dass offensiv ver­tei­digt“ wird und Roger Schmidt, der ehe­ma­lige Trainer von Bayer Lever­kusen, einst for­derte, seine Elf solle jagen“, ist dies das Ver­mächtnis von Ernst Happel.

Bei Feye­noord Rot­terdam lässt er ab 1968 einen Fuß­ball spielen, der seiner Zeit um Jahre voraus ist. Das ganze Team ist in Bewe­gung, alle Akteure sind an Vor- und Rück­wärts­be­we­gung betei­ligt, so dass überall die Räume auf­gehen. Die Abwehr steht kurz vor der Mit­tel­linie, man­cher Gegner kriegt regel­recht Platz­angst, so eng wird es in der eigenen Hälfte. Und ständig schnappt die Abseits­falle zu.

Für diesen Stil braucht er Leute, die sich bedin­gungslos seinen Ideen unter­werfen. Hier­ar­chien inner­halb der Mann­schaft sind ihm herz­lich egal, solange die Spieler tun, was er von ihnen ver­langt. Diese Erfah­rung muss auch Franz Hasil machen, den Happel 1969 nach Rot­terdam holt. Die phy­sisch starken Hol­länder unter­ziehen den schmäch­tigen Ope­ret­ten­ki­cker aus Wien einer Spe­zi­al­be­hand­lung. Abwehr­chef Rinus Israel bricht Hasil beim Tack­ling im Trai­ning das Nasen­bein. Als der sich beim Coach über die rüde Gangart beschwert, lässt Happel den Lands­mann auf­laufen: Zau­berer, i kann dir net helfen, des kannst nur allein. Lauf halt beim nächsten Mal schneller.“ Kein Jahr später gewinnt Feye­noord den Lan­des­meis­tercup und den Welt­pokal. Hasil wird zum besten Legionär gewählt, der je in der Ehren­di­vi­sion gespielt hat. Ein Ver­dienst von Ernst Happel? Ja“, sagt Franz Hasil, es war gut, dass er mir damals nicht ent­gegen gekommen ist. Er gab mir das Gefühl von Ver­bun­den­heit, aber ich musste mich ohne seine Hilfe durch­setzen.“

Happel eilt von Erfolg zu Erfolg. ADO Den Haag hat er zum Pokal­sieger gemacht. Rot­terdam ver­lässt er 1973 mit den Worten: Mit zu viel Siegen geht die Dis­zi­plin zurück. Wir werden zu sehr Freunde.“ Den FC Sevilla führt er aus der zweiten Liga in einem Jahr fast auf einen UEFA-Cup-Rang. Aus dem bel­gi­schen Mit­tel­klas­se­klub FC Brügge macht er ein Spit­zen­team, das zwei Mal in Folge ins Euro­pa­cup­fi­nale vor­dringt. Der Wiener ist längst ein Welt­bürger, der die lan­des­ty­pi­schen Ein­flüsse seiner Sta­tionen absor­biert und mit seiner Spiel­phi­lo­so­phie ver­schmelzen lässt. Kein Wunder, dass sich der nie­der­län­di­sche Ver­band kurz vor der WM 1978 ent­schließt, ihn zum Bondscoach zu ernennen. Es fehlt nur ein Hauch, damit der Wöd­masta“ seinem Spitz­namen gerecht wird. Die Elftal unter­liegt Gast­geber Argen­ti­nien erst in der Ver­län­ge­rung des End­spiels.

Happel ist über das Ergebnis und die Umgangs­formen der Aus­richter so erzürnt, dass er die Pres­se­kon­fe­renz schwänzt und mit­teilt, er habe einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch erlitten. Im Vor­griff auf Nach­fragen ergänzt er: Gerne reiche ich den Ver­an­stal­tern ein schrift­li­ches Attest meiner Ärzte ein.“ Und als die nie­der­län­di­sche Königin ihn tags drauf beim Emp­fang der Mann­schaft im Palast warten lässt, nimmt er Prinz Willem Alex­ander bei­seite und flüs­tert: Wann kommt denn die Oma? Ich hab’ wenig Zeit, ich muss nach Velden ins Casino.“

Ab 1981 beschert er auch dem HSV die größte Ära seiner Geschichte. Der Kader, der von Branko Zebec mit teils aus­uferndem Kon­di­ti­ons­trai­ning auf Vor­der­mann gebracht worden ist, wun­dert sich über die kurzen, inten­siven Ein­heiten, die Happel anordnet. Bei jeder Übung ist plötz­lich der Ball mit im Spiel. Nach einer Stunde schickt der Alte das Team zum Duschen. Felix Magath glaubt, dass ein Geheimnis von Hap­pels Erfolg auch in den knappen Anspra­chen lag: Meis­tens hat er gar nicht gespro­chen. Und wenn, dann nur in einem Kau­der­welsch, das so schwer zu ver­stehen war, dass wir uns sehr kon­zen­trieren mussten, um alles mit­zu­kriegen.“ Nach gut zwanzig Jahren im Aus­land, hat der Coach sich einen kruden Slang aus wie­ne­ri­schen, nie­der­län­di­schen, flä­mi­schen und eng­li­schen Ele­menten ange­eignet.

Hru­besch wird sein ver­län­gerter Arm, sein Cowboy“

Wenn Happel von Kon­dizi“ spricht, davon, dass man auf Hin und Her“ spielen wolle und Magath für den Cor­ner­ball“ zuständig sei, muss sich jeder HSV-Spieler seinen eigenen Reim darauf machen. Die Abwehr­reihe schiebt er ein­fach mal um 15 Meter nach vorne. Außen­stürmer Bernd Weh­meyer, eine Pfer­de­lunge, lobt er über Nacht zum linken Ver­tei­diger aus. Im Spiel wird Horst Hru­besch sein ver­län­gerter Arm, sein Cowboy“, der bei Ball­be­sitz des Geg­ners plötz­lich wie ein wilder Stier auf die Abwehr zuprescht und damit die Jagd eröffnet, an der sich minu­ten­lang die gesamte Mann­schaft betei­ligt. Der HSV spielt Fore­che­cking in Per­fek­tion. Pres­sing. Er ließ die Mann­schaft so offensiv agieren, dass es den Spie­lern manchmal fast zu viel wurde“, erklärt Günter Netzer, die waren es schlichtweg nicht gewohnt, so viele Tor­chancen zuzu­lassen.“ Ernst Happel bedeutet ein 6:5‑Sieg mehr als ein schnödes 1:0. Er sagt: Ich lebe mit dem Risiko, ich liebe Risiko. Das ist mein Natu­rell!“

Dinge, die nur mit­telbar mit dem Spiel zu haben, sind ihm lästig. Als er für seine Woh­nung Ein­rich­tung braucht, geht er in eine Buch­hand­lung am Neuen Wall, deutet auf ein Regal mit Schul­bü­chern und sagt: I hätt gern an halben Meter von die Gelben und an halben von die Roten.“ Pres­se­ter­mine sind ihm ein Graus. Auf Fragen ant­wortet er mit Ein­wort­sätzen, viel­fach nur mit Schweigen. Günter Netzer hält öfter mal den Atem an, weil ihn die beklem­mende Stille fer­tig­macht. Nach dem letzten Spiel vor der Win­ter­pause gibt Happel die kür­zeste Pres­se­kon­fe­renz der Geschichte. Auf die Frage nach seiner Ana­lyse ant­wortet er: Ich wün­sche allen Anwe­senden geseg­nete Fei­er­tage. Auf Wie­der­sehen.“

Als nach dem Sieg im Euro­pacup 1983 Dieter Schatz­schneider und Wolfram Wuttke, die damals begehr­testen Offen­siv­spieler Deutsch­lands zum HSV wech­seln, offen­bart der Coach jedoch ein Defizit in seiner Team­füh­rung. Seine Art zu kom­mu­ni­zieren dringt zu den allü­ren­haften Jung­stars nicht durch. Er wollte mün­dige Spieler, keine, denen er nach­laufen musste, um sie zu moti­vieren“, sagt Günter Netzer, das war ihm offenbar zu dumm.“ Wuttke ist ein Begna­deter, aber ständig schlägt er über die Stränge. Schatz­schneider fehlt es schlichtweg an Ehr­geiz. Der Stürmer ist als Nach­folger von Horst Hru­besch vor­ge­sehen, das Talent hat er allemal, doch die Per­sön­lich­keit, als ver­län­gerter Arm des Trai­ners zu fun­gieren, besitzt er nicht. Mit Wuttke unter­hält Happel zunächst noch eine Klab­ber­jass-Runde, ein biss­chen erkennt er sich wieder in dem Schlitzohr, das sich nicht ein­fangen lässt. Erst schimpft er ihn noch fröh­lich Zau­berer“, bald abschätzig Wurschtl“, irgend­wann nur noch Oarsch“.