Seite 2: „Ich bin ein schwerer Junge gewesen für einen Trainer“

Körner und er haben die­selbe Initia­tion durch­laufen. Mitten im Zweiten Welt­krieg werden die Jung­ta­lente, beide gerade 16, für die Kampf­mann­schaft“ von Rapid rekru­tiert. Das Glück ist nur von kurzer Dauer. Mit der Voll­jäh­rig­keit ruft das Militär. Körner kommt nach Eng­land, Happel nach Borissow in Weiß­russ­land, wo die Nazis in dieser Zeit auch Todes­lager unter­halten. Wir haben soviel Krieg gesehen, so viel Ver­derben, das reicht für drei Leben“, sagt Körner II“, der gemeinsam mit Bruder Robert in den Fünf­zi­gern die Stur­machse von Rapid und in der Natio­nalelf bil­dete.

Nach Kriegs­ende bringt allein der Fuß­ball die Lebens­freude zurück. Rapid ist ein Spit­zen­team im euro­päi­schen Fuß­ball. Fesche Buam, die alles noch vor sich haben und den Horror ver­gessen wollen. Happel inter­pre­tiert die neu gewon­nene Frei­heit ganz anders als sein Spezi Körner. Die Stelle bei der Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­re­gie­rung, die beide par­allel zum Fuß­ball antreten, gibt Happel schon kurz darauf wieder auf. Er hat genug davon, sich her­um­kom­man­dieren zu lassen. Körner jedoch, Sohn eines Finanz­be­amten, macht den Job im Amt bis zur Pen­sio­nie­rung. Schauen’s mich an, so an krummen Rücken hat der Ernstl nie g’habt“, scherzt er, der hat nie an Diener machen müssen so wie i: Guten Morgen, Herr Minis­te­ri­alrat!“

Im Gegen­teil. Der tech­nisch ver­sierte Aus­putzer im Abwehr­zen­trum von Rapid ist in der Lage, Spiele ganz allein zu ent­scheiden. Aber er neigt auch zu Über­sprung­hand­lungen. Wenn ihm danach ist, nimmt er den Ball mit dem Hin­ter­teil an oder schießt Elf­meter mit der Ferse. Immer wieder stellt er seinen besten Freund, Keeper Walter Zeman, auf die Probe, indem er mitten im Spiel aufs eigene Tor bal­lert. Die Frei­heit nimmt er sich ein­fach. Und wenn Zeman am Abend die Cham­pa­gner­korken knallen lässt, sitzt Happel oft daneben. Ich bin ein schwerer Junge gewesen für einen Trainer“, gibt Happel Jahr­zehnte später zu, ein unan­ge­nehmer Patron.“

Bei der WM 1954 trifft Öster­reich im Halb­fi­nale auf die DFB-Elf. Für die Buch­ma­cher ist die Aus­tria der klare Favorit. Doch die Deut­schen gewinnen sen­sa­tio­nell mit 6:1. Medien kol­por­tieren, Happel und Zeman hätten sich bestechen lassen. Später stellt sich heraus, dass der Tor­wart ein Alko­hol­pro­blem hatte und betrunken ins Spiel gegangen ist. Und auch Happel hat sich am Tag vor dem Semi­fi­nale nicht so ver­halten, wie es von einem Natio­nal­spieler zu erwarten wäre. Die Ver­däch­ti­gungen pariert der Grantler mit einer cha­rak­te­ris­ti­schen Mischung aus Ver­wun­de­rung und Gleich­gül­tig­keit.

Dieses Ver­halten wird er später auch an den Tag legen, wenn er sich von seinen Spie­lern im Stich gelassen fühlt. Er nimmt ein Angebot des Racing Club de Paris an, tritt zwi­schen­zeit­lich aus der Natio­nalelf zurück. Er trägt jetzt einen schmalen Schnauz, sieht aus wie der junge Clark Gable und genießt das Nacht­leben in der fran­zö­si­schen Metro­pole. Happel ver­kehrt in Künst­ler­kreisen, nach Fei­er­abend sieht man ihn nur noch in Nadel­streifen, Bou­le­vard­blätter dichten ihm Tête-à-Têtes an. Selbst Film­diva Gina Lol­lo­bri­gida soll seinem Schmäh erlegen sein. Er frönt einem exklu­siven Life­style, den er – in ein­ge­schränkter Form – bis zu seinem Tod bei­be­halten wird. Das ganze Leben ist ein Spiel. Tags­über rollt das Leder, nach Ein­bruch der Dun­kel­heit die Rou­let­te­kugel.

Happel liebt die Nacht. Er speist mit Leuten aus der Halb­welt, den nicht ganz Echten“. Nicht etwa, weil er mit ihnen Geschäfte macht, son­dern weil ihn das Milieu fas­zi­niert. Jahre später, zu seiner Zeit in Rot­terdam, wird er schwer alko­ho­li­siert am Steuer von der Polizei auf­ge­griffen und kommt einige Tage in Haft. Mit­in­sassen aber sind so ent­zückt von seinem Schmäh, dass sie seine Arbeiten mit über­nehmen, damit Happel sich der Zei­tungs­lek­türe widmen kann. Selbst in seiner Ham­burger Zeit hält Manager Günter Netzer den Coach bei Laune, indem er Trai­nings­la­ger­ho­tels in unmit­tel­barer Umge­bung von Casinos bucht.

Seine Urlaube ver­bringt Happel nach ein- und dem­selben Strick­muster: Die erste Hälfte widmet er den alten Wiener Spezln im Café Ritter im 16. Bezirk, wo der Velt­liner fließt und ab mit­tags die Karten auf die Tische knallen. Für die rest­li­chen Tage reist er nach Velden, wo er tags­über am Wör­thersee spa­ziert und abends frisch geduscht mit Ein­steck­tuch im Casino Platz nimmt. Doch so sehr ihn das Glück­spiel in seinen Bann zieht, so dis­zi­pli­niert ver­fährt er bei der Berech­nung des Risikos. Ich kann stoppen. Ob ich jetzt ver­lier’ oder gewinn’. Ich werd’ mein Hab und Gut nie ver­lieren“, erklärt er seine Stra­tegie.

Mit kal­ku­liertem Risiko ope­riert er auch auf dem Rasen. Dass er als Libero über ein her­aus­ra­gendes Stel­lungs­spiel und spek­ta­ku­läre Technik ver­fügt, ist unbe­stritten. Um seine Lauf­faul­heit zu kom­pen­sieren, ent­wi­ckelt er eine neue Form der Abseits­falle. Ein Pfiff reicht aus, um die Ver­tei­di­gung zwei Schritte nach vorne treten zu lassen. Diese Inno­va­tion wird den Trainer Happel in der Welt berühmt machen. Als seine Spie­ler­kar­riere zu Ende geht, ist längst klar, dass er dem Fuß­ball erhalten bleibt. Wir hatten unsere Arbeits­stellen“, erklärt Alfred Körner, der Ernstl aber hatte nur den Fuß­ball. Frauen, gut, Frauen hat er viel­leicht die eine oder andere g’habt, aber wirk­lich geliebt hat er die nicht. Geliebt hat er nur den Fuß­ball.“

Happel wird zunächst Sek­ti­ons­leiter bei Rapid und treibt die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Klubs voran. Doch die Funk­ti­ons­träger der Grün-Weißen sind mit den Plänen des for­schen Jung­ma­na­gers nicht d’accord. Also sagt der sture Wöd­masta“ den Seinen nach zwei Jahren erneut Arri­ve­derci“. Er ahnt nicht, dass es der Auf­bruch zu einer lang­jäh­rigen Odyssee ist, die ihn quer durch Europa führt und die größten Erfolg beschert, die ein Klub­trainer erringen kann.

Darum brauche ich keine Peit­sche!“

Seinen ersten Trai­ner­posten über­nimmt er bei ADO Den Haag. Der Legende nach tritt er dort zur ersten Ein­heit im blü­ten­weißen Dress und mit Slip­pern an, stellt eine Dose aufs Kreuzeck des Tores, nimmt am Sech­zehner Anlauf, schießt das Blech auf Anhieb her­unter und befiehlt: Nach­ma­chen!“ Inwie­weit die Geschichte stimmt, lässt sich nicht mehr prüfen. Sicher aber ist, dass Happel in dem Moment, in dem er zum Übungs­leiter auf­steigt, zur abso­luten Respekts­person mutiert.

Der Wiener ver­langt seinen Kickern abso­lute Dis­zi­plin ab. Pünkt­lich­keit geht ihm über alles. Kommt ein Spieler Sekunden zu spät zur Abfahrt, sieht er nur noch die Staub­wolke des Busses. Beim Trai­ning gibt er den rau­chenden Grand­sei­gneur, dem ein gutes Auge und wenige Worte rei­chen, um das Team zu Höchst­leis­tungen zu pushen. Ich bin eine Respekts­person“, weiß er, darum brauche ich keine Peit­sche!“