Diese Repor­tage erschien erst­mals in 11FREUNDE #168. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Es sind die kleinen Schwä­chen, die Legenden in der Rück­schau erst über­le­bens­groß erscheinen lassen. Ernst Happel war bei Spie­lern nie bekannt dafür, dass er mehr als das Nötigste vor dem Spiel zu ihnen sprach. An diesem Tag jedoch hatte der Alte offen­kundig einen Hänger. Jakobs, du passt auf den …na, auf den … na den, na, wie heißt er …?“

Im Raum hielten alle den Atem an. Jedem war klar, dass der Coach nie­mand anderen als Klaus Allofs meinen konnte, den aktuell Füh­renden in der Tor­schüt­zen­liste, auf den Ditmar Jakobs im Spiel gegen den 1. FC Köln sein Augen­merk legen sollte. Doch kein Profi des Ham­burger SV traute sich den Mund auf­zu­ma­chen, bis Co-Trainer Alek­sandar Ristic seinen Chef erlöste: „… na, deeen Aaaal­offs“. Die Spieler atmeten auf und Happel endete mit dem obli­ga­to­ri­schen Gehen’s raus und spielen’s seriös“, das der HSV-Kader damals noch als Befehl ver­stand. Die Partie in Mün­gers­dorf ent­schieden die Han­seaten mit 4:1 für sich.

Im Kar­tei­kasten der Trai­ner­flos­keln steht heut­zu­tage ein Satz ganz vorne an: Wir schauen nicht auf den Gegner, wir schauen nur auf uns.“ Doch ange­sichts der Hilf­lo­sig­keit, mit der selbst ambi­tio­nierte Bun­des­li­gisten ver­su­chen, sich dem FC Bayern zur Wehr zu setzen, sind diese Worte frei­lich oft nur vor­ge­täuschtes Selbst­be­wusst­sein, an das kaum ein Profi wirk­lich glaubt. Nun wäre es leicht, Hap­pels Aus­setzer auf das schlechte Namens­ge­dächtnis des damals 58-Jäh­rigen zurück­zu­führen.

Ob ich gewinne, liegt ja an mir“

Doch die Anek­dote aus der Kabine illus­triert anschau­lich, wie bedin­gungslos der Öster­rei­cher auf seine urei­gene Idee von Fuß­ball ver­traute. Happel inter­es­sierte ein­fach nicht, wie geg­ne­ri­sche Spieler hießen. Wie am Poker­tisch blickte er auch beim Fuß­ball nur ins eigene Blatt und ent­wi­ckelte eine Vor­stel­lung, wie er das Spiel für sich ent­scheiden konnte. Und hatte er sich auf einen Weg fest­ge­legt, ging er diesen mit aller Kon­se­quenz zu Ende. Ohne Angst, ohne Zweifel. Ob ich gewinne, liegt ja an mir“, sagte Happel einst über seine Lei­den­schaft fürs Kar­ten­spiel, und mache ich einen Fehler, ärgert’s mich.“ Diese Men­ta­lität über­trug sich auf seine Teams, die fortan bemüht waren, jeden Fehler zu ver­meiden. Nicht zuletzt, um den schwei­genden Ket­ten­rau­cher dort auf der Bank nicht zu ent­täu­schen. 

Ernst Happel war ein Frei­geist. Wenn Weg­ge­fährten über die beson­deren Eigen­schaften der Trai­ne­rikone spre­chen, fällt wie­der­holt der Begriff Unab­hän­gig­keit“. Klaus Der­mutz, Autor der Bio­grafie Genie und Grantler“, sagte Happel 1986: Ich will von nie­mandem abhängig sein, ich will mein eigener Herr sein, mein eigener Mensch, das ist für mich ein Grund­prinzip. Wenn ich abhängig wär’, hab ich kein Leben mehr.“ Keine Laune war ihm zu ver­rückt, um ihr nicht nach­zu­geben. Kein Zwang zu stark, um sich diesem zu unter­werfen. Kein Star war groß genug, um von ihm nicht abge­sägt zu werden. Ein Mil­lio­nen­an­gebot des SSC Neapel schlug er aus, weil er keine Lust auf die Extra­würste hatte, die Mara­dona dort gebraten bekam. Happel hat immer getan, was er für richtig hielt.

Der Ernstl war ein Ich-Mensch“

Einer, der ein Lied davon singen kann, ist Alfred Körner, einer der beiden noch lebenden WM-Teil­nehmer Öster­reichs von 1954. Schon in den Drei­ßi­gern kickte der heute 89-Jäh­rige mit Happel in der Jugend von Rapid Wien. Der Ernstl war ein Ich-Mensch“, sagt Körner, der hat Dinge gemacht, die keiner erwar­tete. Damals hat auch keiner gedacht, dass er je ein Trainer wird.“ Körner sitzt an einem Eck­tisch im Café Grün-Weiß“. Es riecht nach Ziga­retten, Melange und G’spritztem. Seit 50 Jahren orga­ni­siert der Fuß­ball­rentner den Stamm­tisch der Alt­in­ter­na­tio­nalen, der sich jeden Freitag hier im Hin­ter­zimmer der Fan­kneipe an der Hüt­tel­dorfer Straße trifft. Unter ver­gilbten Wim­peln, Schals und Mann­schafts­fotos sitzt ein Dut­zend alter Herren und schwelgt in Erin­ne­rungen. Die Gar­di­nen­k­neipe passt zur Patina, die die große Wiener Fuß­ball­tra­di­tion in den ver­gan­genen Jahr­zehnten ange­setzt hat.

Hier im 15. Bezirk ist Happel bei seiner böh­mi­schen Oma auf­ge­wachsen. Der unehe­liche Sohn einer Knei­piers­frau, der seinen leib­li­chen Vater nie ken­nen­lernt. Der Stamm­tisch ist eine Remi­nis­zenz an die gedie­genen Kaf­fee­h­aus­runden, die die Stars des legen­dären Wun­der­teams“ in den Drei­ßi­gern unter­hielten, als Öster­reich auf Welt­ni­veau kickte und beim großen Braunen und Linzer Torte Siege aus­dis­ku­tiert wurden. Als Happel noch lebte, schaute er bei Wien-Besu­chen gern vorbei. Viel gespro­chen hat er nie. Auch in der eigenen Misch­poke ist der Wöd­masta“ eher Ein­zel­gänger geblieben.

Körner und er haben die­selbe Initia­tion durch­laufen. Mitten im Zweiten Welt­krieg werden die Jung­ta­lente, beide gerade 16, für die Kampf­mann­schaft“ von Rapid rekru­tiert. Das Glück ist nur von kurzer Dauer. Mit der Voll­jäh­rig­keit ruft das Militär. Körner kommt nach Eng­land, Happel nach Borissow in Weiß­russ­land, wo die Nazis in dieser Zeit auch Todes­lager unter­halten. Wir haben soviel Krieg gesehen, so viel Ver­derben, das reicht für drei Leben“, sagt Körner II“, der gemeinsam mit Bruder Robert in den Fünf­zi­gern die Stur­machse von Rapid und in der Natio­nalelf bil­dete.

Nach Kriegs­ende bringt allein der Fuß­ball die Lebens­freude zurück. Rapid ist ein Spit­zen­team im euro­päi­schen Fuß­ball. Fesche Buam, die alles noch vor sich haben und den Horror ver­gessen wollen. Happel inter­pre­tiert die neu gewon­nene Frei­heit ganz anders als sein Spezi Körner. Die Stelle bei der Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­re­gie­rung, die beide par­allel zum Fuß­ball antreten, gibt Happel schon kurz darauf wieder auf. Er hat genug davon, sich her­um­kom­man­dieren zu lassen. Körner jedoch, Sohn eines Finanz­be­amten, macht den Job im Amt bis zur Pen­sio­nie­rung. Schauen’s mich an, so an krummen Rücken hat der Ernstl nie g’habt“, scherzt er, der hat nie an Diener machen müssen so wie i: Guten Morgen, Herr Minis­te­ri­alrat!“

Im Gegen­teil. Der tech­nisch ver­sierte Aus­putzer im Abwehr­zen­trum von Rapid ist in der Lage, Spiele ganz allein zu ent­scheiden. Aber er neigt auch zu Über­sprung­hand­lungen. Wenn ihm danach ist, nimmt er den Ball mit dem Hin­ter­teil an oder schießt Elf­meter mit der Ferse. Immer wieder stellt er seinen besten Freund, Keeper Walter Zeman, auf die Probe, indem er mitten im Spiel aufs eigene Tor bal­lert. Die Frei­heit nimmt er sich ein­fach. Und wenn Zeman am Abend die Cham­pa­gner­korken knallen lässt, sitzt Happel oft daneben. Ich bin ein schwerer Junge gewesen für einen Trainer“, gibt Happel Jahr­zehnte später zu, ein unan­ge­nehmer Patron.“

Bei der WM 1954 trifft Öster­reich im Halb­fi­nale auf die DFB-Elf. Für die Buch­ma­cher ist die Aus­tria der klare Favorit. Doch die Deut­schen gewinnen sen­sa­tio­nell mit 6:1. Medien kol­por­tieren, Happel und Zeman hätten sich bestechen lassen. Später stellt sich heraus, dass der Tor­wart ein Alko­hol­pro­blem hatte und betrunken ins Spiel gegangen ist. Und auch Happel hat sich am Tag vor dem Semi­fi­nale nicht so ver­halten, wie es von einem Natio­nal­spieler zu erwarten wäre. Die Ver­däch­ti­gungen pariert der Grantler mit einer cha­rak­te­ris­ti­schen Mischung aus Ver­wun­de­rung und Gleich­gül­tig­keit.

Dieses Ver­halten wird er später auch an den Tag legen, wenn er sich von seinen Spie­lern im Stich gelassen fühlt. Er nimmt ein Angebot des Racing Club de Paris an, tritt zwi­schen­zeit­lich aus der Natio­nalelf zurück. Er trägt jetzt einen schmalen Schnauz, sieht aus wie der junge Clark Gable und genießt das Nacht­leben in der fran­zö­si­schen Metro­pole. Happel ver­kehrt in Künst­ler­kreisen, nach Fei­er­abend sieht man ihn nur noch in Nadel­streifen, Bou­le­vard­blätter dichten ihm Tête-à-Têtes an. Selbst Film­diva Gina Lol­lo­bri­gida soll seinem Schmäh erlegen sein. Er frönt einem exklu­siven Life­style, den er – in ein­ge­schränkter Form – bis zu seinem Tod bei­be­halten wird. Das ganze Leben ist ein Spiel. Tags­über rollt das Leder, nach Ein­bruch der Dun­kel­heit die Rou­let­te­kugel.

Happel liebt die Nacht. Er speist mit Leuten aus der Halb­welt, den nicht ganz Echten“. Nicht etwa, weil er mit ihnen Geschäfte macht, son­dern weil ihn das Milieu fas­zi­niert. Jahre später, zu seiner Zeit in Rot­terdam, wird er schwer alko­ho­li­siert am Steuer von der Polizei auf­ge­griffen und kommt einige Tage in Haft. Mit­in­sassen aber sind so ent­zückt von seinem Schmäh, dass sie seine Arbeiten mit über­nehmen, damit Happel sich der Zei­tungs­lek­türe widmen kann. Selbst in seiner Ham­burger Zeit hält Manager Günter Netzer den Coach bei Laune, indem er Trai­nings­la­ger­ho­tels in unmit­tel­barer Umge­bung von Casinos bucht.

Seine Urlaube ver­bringt Happel nach ein- und dem­selben Strick­muster: Die erste Hälfte widmet er den alten Wiener Spezln im Café Ritter im 16. Bezirk, wo der Velt­liner fließt und ab mit­tags die Karten auf die Tische knallen. Für die rest­li­chen Tage reist er nach Velden, wo er tags­über am Wör­thersee spa­ziert und abends frisch geduscht mit Ein­steck­tuch im Casino Platz nimmt. Doch so sehr ihn das Glück­spiel in seinen Bann zieht, so dis­zi­pli­niert ver­fährt er bei der Berech­nung des Risikos. Ich kann stoppen. Ob ich jetzt ver­lier’ oder gewinn’. Ich werd’ mein Hab und Gut nie ver­lieren“, erklärt er seine Stra­tegie.

Mit kal­ku­liertem Risiko ope­riert er auch auf dem Rasen. Dass er als Libero über ein her­aus­ra­gendes Stel­lungs­spiel und spek­ta­ku­läre Technik ver­fügt, ist unbe­stritten. Um seine Lauf­faul­heit zu kom­pen­sieren, ent­wi­ckelt er eine neue Form der Abseits­falle. Ein Pfiff reicht aus, um die Ver­tei­di­gung zwei Schritte nach vorne treten zu lassen. Diese Inno­va­tion wird den Trainer Happel in der Welt berühmt machen. Als seine Spie­ler­kar­riere zu Ende geht, ist längst klar, dass er dem Fuß­ball erhalten bleibt. Wir hatten unsere Arbeits­stellen“, erklärt Alfred Körner, der Ernstl aber hatte nur den Fuß­ball. Frauen, gut, Frauen hat er viel­leicht die eine oder andere g’habt, aber wirk­lich geliebt hat er die nicht. Geliebt hat er nur den Fuß­ball.“

Happel wird zunächst Sek­ti­ons­leiter bei Rapid und treibt die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Klubs voran. Doch die Funk­ti­ons­träger der Grün-Weißen sind mit den Plänen des for­schen Jung­ma­na­gers nicht d’accord. Also sagt der sture Wöd­masta“ den Seinen nach zwei Jahren erneut Arri­ve­derci“. Er ahnt nicht, dass es der Auf­bruch zu einer lang­jäh­rigen Odyssee ist, die ihn quer durch Europa führt und die größten Erfolg beschert, die ein Klub­trainer erringen kann.

Darum brauche ich keine Peit­sche!“

Seinen ersten Trai­ner­posten über­nimmt er bei ADO Den Haag. Der Legende nach tritt er dort zur ersten Ein­heit im blü­ten­weißen Dress und mit Slip­pern an, stellt eine Dose aufs Kreuzeck des Tores, nimmt am Sech­zehner Anlauf, schießt das Blech auf Anhieb her­unter und befiehlt: Nach­ma­chen!“ Inwie­weit die Geschichte stimmt, lässt sich nicht mehr prüfen. Sicher aber ist, dass Happel in dem Moment, in dem er zum Übungs­leiter auf­steigt, zur abso­luten Respekts­person mutiert.

Der Wiener ver­langt seinen Kickern abso­lute Dis­zi­plin ab. Pünkt­lich­keit geht ihm über alles. Kommt ein Spieler Sekunden zu spät zur Abfahrt, sieht er nur noch die Staub­wolke des Busses. Beim Trai­ning gibt er den rau­chenden Grand­sei­gneur, dem ein gutes Auge und wenige Worte rei­chen, um das Team zu Höchst­leis­tungen zu pushen. Ich bin eine Respekts­person“, weiß er, darum brauche ich keine Peit­sche!“

Happel will kon­di­ti­ons­starke Ath­leten, die in der Lage sind, dem Gegner über die gesamte Spiel­zeit einen Stil auf­zu­zwingen. Wenn heute davon die Rede ist, dass eine Mann­schaft hoch steht“, dass offensiv ver­tei­digt“ wird und Roger Schmidt, der ehe­ma­lige Trainer von Bayer Lever­kusen, einst for­derte, seine Elf solle jagen“, ist dies das Ver­mächtnis von Ernst Happel.

Bei Feye­noord Rot­terdam lässt er ab 1968 einen Fuß­ball spielen, der seiner Zeit um Jahre voraus ist. Das ganze Team ist in Bewe­gung, alle Akteure sind an Vor- und Rück­wärts­be­we­gung betei­ligt, so dass überall die Räume auf­gehen. Die Abwehr steht kurz vor der Mit­tel­linie, man­cher Gegner kriegt regel­recht Platz­angst, so eng wird es in der eigenen Hälfte. Und ständig schnappt die Abseits­falle zu.

Für diesen Stil braucht er Leute, die sich bedin­gungslos seinen Ideen unter­werfen. Hier­ar­chien inner­halb der Mann­schaft sind ihm herz­lich egal, solange die Spieler tun, was er von ihnen ver­langt. Diese Erfah­rung muss auch Franz Hasil machen, den Happel 1969 nach Rot­terdam holt. Die phy­sisch starken Hol­länder unter­ziehen den schmäch­tigen Ope­ret­ten­ki­cker aus Wien einer Spe­zi­al­be­hand­lung. Abwehr­chef Rinus Israel bricht Hasil beim Tack­ling im Trai­ning das Nasen­bein. Als der sich beim Coach über die rüde Gangart beschwert, lässt Happel den Lands­mann auf­laufen: Zau­berer, i kann dir net helfen, des kannst nur allein. Lauf halt beim nächsten Mal schneller.“ Kein Jahr später gewinnt Feye­noord den Lan­des­meis­tercup und den Welt­pokal. Hasil wird zum besten Legionär gewählt, der je in der Ehren­di­vi­sion gespielt hat. Ein Ver­dienst von Ernst Happel? Ja“, sagt Franz Hasil, es war gut, dass er mir damals nicht ent­gegen gekommen ist. Er gab mir das Gefühl von Ver­bun­den­heit, aber ich musste mich ohne seine Hilfe durch­setzen.“

Happel eilt von Erfolg zu Erfolg. ADO Den Haag hat er zum Pokal­sieger gemacht. Rot­terdam ver­lässt er 1973 mit den Worten: Mit zu viel Siegen geht die Dis­zi­plin zurück. Wir werden zu sehr Freunde.“ Den FC Sevilla führt er aus der zweiten Liga in einem Jahr fast auf einen UEFA-Cup-Rang. Aus dem bel­gi­schen Mit­tel­klas­se­klub FC Brügge macht er ein Spit­zen­team, das zwei Mal in Folge ins Euro­pa­cup­fi­nale vor­dringt. Der Wiener ist längst ein Welt­bürger, der die lan­des­ty­pi­schen Ein­flüsse seiner Sta­tionen absor­biert und mit seiner Spiel­phi­lo­so­phie ver­schmelzen lässt. Kein Wunder, dass sich der nie­der­län­di­sche Ver­band kurz vor der WM 1978 ent­schließt, ihn zum Bondscoach zu ernennen. Es fehlt nur ein Hauch, damit der Wöd­masta“ seinem Spitz­namen gerecht wird. Die Elftal unter­liegt Gast­geber Argen­ti­nien erst in der Ver­län­ge­rung des End­spiels.

Happel ist über das Ergebnis und die Umgangs­formen der Aus­richter so erzürnt, dass er die Pres­se­kon­fe­renz schwänzt und mit­teilt, er habe einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch erlitten. Im Vor­griff auf Nach­fragen ergänzt er: Gerne reiche ich den Ver­an­stal­tern ein schrift­li­ches Attest meiner Ärzte ein.“ Und als die nie­der­län­di­sche Königin ihn tags drauf beim Emp­fang der Mann­schaft im Palast warten lässt, nimmt er Prinz Willem Alex­ander bei­seite und flüs­tert: Wann kommt denn die Oma? Ich hab’ wenig Zeit, ich muss nach Velden ins Casino.“

Ab 1981 beschert er auch dem HSV die größte Ära seiner Geschichte. Der Kader, der von Branko Zebec mit teils aus­uferndem Kon­di­ti­ons­trai­ning auf Vor­der­mann gebracht worden ist, wun­dert sich über die kurzen, inten­siven Ein­heiten, die Happel anordnet. Bei jeder Übung ist plötz­lich der Ball mit im Spiel. Nach einer Stunde schickt der Alte das Team zum Duschen. Felix Magath glaubt, dass ein Geheimnis von Hap­pels Erfolg auch in den knappen Anspra­chen lag: Meis­tens hat er gar nicht gespro­chen. Und wenn, dann nur in einem Kau­der­welsch, das so schwer zu ver­stehen war, dass wir uns sehr kon­zen­trieren mussten, um alles mit­zu­kriegen.“ Nach gut zwanzig Jahren im Aus­land, hat der Coach sich einen kruden Slang aus wie­ne­ri­schen, nie­der­län­di­schen, flä­mi­schen und eng­li­schen Ele­menten ange­eignet.

Hru­besch wird sein ver­län­gerter Arm, sein Cowboy“

Wenn Happel von Kon­dizi“ spricht, davon, dass man auf Hin und Her“ spielen wolle und Magath für den Cor­ner­ball“ zuständig sei, muss sich jeder HSV-Spieler seinen eigenen Reim darauf machen. Die Abwehr­reihe schiebt er ein­fach mal um 15 Meter nach vorne. Außen­stürmer Bernd Weh­meyer, eine Pfer­de­lunge, lobt er über Nacht zum linken Ver­tei­diger aus. Im Spiel wird Horst Hru­besch sein ver­län­gerter Arm, sein Cowboy“, der bei Ball­be­sitz des Geg­ners plötz­lich wie ein wilder Stier auf die Abwehr zuprescht und damit die Jagd eröffnet, an der sich minu­ten­lang die gesamte Mann­schaft betei­ligt. Der HSV spielt Fore­che­cking in Per­fek­tion. Pres­sing. Er ließ die Mann­schaft so offensiv agieren, dass es den Spie­lern manchmal fast zu viel wurde“, erklärt Günter Netzer, die waren es schlichtweg nicht gewohnt, so viele Tor­chancen zuzu­lassen.“ Ernst Happel bedeutet ein 6:5‑Sieg mehr als ein schnödes 1:0. Er sagt: Ich lebe mit dem Risiko, ich liebe Risiko. Das ist mein Natu­rell!“

Dinge, die nur mit­telbar mit dem Spiel zu haben, sind ihm lästig. Als er für seine Woh­nung Ein­rich­tung braucht, geht er in eine Buch­hand­lung am Neuen Wall, deutet auf ein Regal mit Schul­bü­chern und sagt: I hätt gern an halben Meter von die Gelben und an halben von die Roten.“ Pres­se­ter­mine sind ihm ein Graus. Auf Fragen ant­wortet er mit Ein­wort­sätzen, viel­fach nur mit Schweigen. Günter Netzer hält öfter mal den Atem an, weil ihn die beklem­mende Stille fer­tig­macht. Nach dem letzten Spiel vor der Win­ter­pause gibt Happel die kür­zeste Pres­se­kon­fe­renz der Geschichte. Auf die Frage nach seiner Ana­lyse ant­wortet er: Ich wün­sche allen Anwe­senden geseg­nete Fei­er­tage. Auf Wie­der­sehen.“

Als nach dem Sieg im Euro­pacup 1983 Dieter Schatz­schneider und Wolfram Wuttke, die damals begehr­testen Offen­siv­spieler Deutsch­lands zum HSV wech­seln, offen­bart der Coach jedoch ein Defizit in seiner Team­füh­rung. Seine Art zu kom­mu­ni­zieren dringt zu den allü­ren­haften Jung­stars nicht durch. Er wollte mün­dige Spieler, keine, denen er nach­laufen musste, um sie zu moti­vieren“, sagt Günter Netzer, das war ihm offenbar zu dumm.“ Wuttke ist ein Begna­deter, aber ständig schlägt er über die Stränge. Schatz­schneider fehlt es schlichtweg an Ehr­geiz. Der Stürmer ist als Nach­folger von Horst Hru­besch vor­ge­sehen, das Talent hat er allemal, doch die Per­sön­lich­keit, als ver­län­gerter Arm des Trai­ners zu fun­gieren, besitzt er nicht. Mit Wuttke unter­hält Happel zunächst noch eine Klab­ber­jass-Runde, ein biss­chen erkennt er sich wieder in dem Schlitzohr, das sich nicht ein­fangen lässt. Erst schimpft er ihn noch fröh­lich Zau­berer“, bald abschätzig Wurschtl“, irgend­wann nur noch Oarsch“.

Im Büro von Dietmar Bei­ers­dorfer im Volks­park­sta­dion hängt ein rie­siges Foto, auf dem die Euro­pa­cup­sieger von 1983 in Zivil über den Rasen schlen­dern. Hie­ro­nymus trägt ein Hawaii­hemd, Hru­besch eine Stoff­hose mit Dis­co­gürtel, Felix Magath linst schel­misch durch die Gläser einer Horn­brille. Ein Bild, das das Selbst­be­wusst­sein dieser Elf, das Glück dieser Zeit, auf magi­sche Weise ein­fängt. Bei­ers­dorfer schaut auf ein Foto von Happel, auf dem der Alte ein T‑Shirt mit der Auf­schrift No Pro­blem!“ trägt. Der Vor­stands­chef des HSV kam 1986 zum Pro­be­trai­ning nach Ham­burg. Beim Betrachten des Bildes erwacht in ihm das schwär­me­ri­sche Jung­ta­lent: Er hatte ein unglaub­li­ches Cha­risma. Er strahlte diese totale Unab­hän­gig­keit aus, die uns Spie­lern signa­li­sierte: Es kann kommen, was will. Euch kann nix pas­sieren.“

Bei­ers­dorfer bezieht 1986 ein Apart­ment im Dach­ge­schoss eines Hauses im Lüt­jen­moor 44 in Nor­der­stedt, wo Happel im Erd­ge­schoss wohnt. Obwohl sie Nach­barn sind, gibt es kaum pri­vaten Kon­takt. Erst als Bei­ers­dorfer einen neuen Ver­trag unter­schreiben soll und mit den Kon­di­tionen unzu­frieden ist, klin­gelt er beim Trainer und fragt um Rat. Der Fern­seher läuft, der Grantler liegt auf dem Sofa, auf dem Tisch Zettel mit tak­ti­schen Auf­zeich­nungen. Als Bei­ers­dorfer sein Anliegen geschil­dert hat, schweigt Happel lange, dann sagt er: Ich kann dir nicht sagen, was du machen sollst. Ich kann dir nur raten: Wenn du von etwas über­zeugt bist, musst du deinen Weg gehen!“ Bei­ers­dorfer nimmt es sich zu Herzen – und bekommt die gefor­derte Gehalts­an­pas­sung. Ist Ernst Happel der größte Trainer in der Geschichte des HSV? Ich sehe keinen, der an ihn her­an­rei­chen könnte“, sagt Didi Bei­ers­dorfer.

Damals ist Ernst Happel bereits an Krebs erkrankt. Die Krank­heit, die er lange als Virus abgetan hat, zehrt an ihm. Vom Rau­chen kann er den­noch nicht lassen. Unter 30 Belga-Ziga­retten am Tag macht er es nicht. Der Arzt kann mir das nicht ver­bieten. Mein Glück ist, dass ich immer unter jungen Leuten bin“, beschwich­tigt er, und in der fri­schen Luft. Würde ich sitzen in einem Kontor – wie der Netzer – und würde so viel rau­chen, ginge ich kaputt.“ Doch er geht kaputt. Das Ein­ge­ständnis erfolgt wie so oft bei ihm: lautlos. Er kehrt in seine Heimat zurück und über­nimmt den FC Tirol.

Genießen, das ist ein Wort!“

Ganz Öster­reich feiert die Heim­kehr des Trai­ner­fürsten, der sich nach 26 Jahren in der Bel­etage des Fuß­balls in die Nie­de­rungen der öster­rei­chi­schen Liga zurück­zieht, um der dar­benden Alpen­re­pu­blik Start­hilfe zu geben. Er stählt die Spieler wie eh und je, streicht Urlaub, lässt auch im Hoch­sommer mit langen Hosen trai­nieren. Als Peter Pacult fragt, warum das nötig sei, grunzt Happel: Weil’s so is!“ Obwohl er mit dem Klub zwei Mal Meister wird – es sind der 17. und 18. Titel in seiner Trai­ner­lauf­bahn – weiß er doch, dass seine Zeit als inter­na­tional erfolg­rei­cher Coach vorbei ist.

Im März 1990 unter­liegt sein Team bei Real Madrid mit 1:9 – die höchste Nie­der­lage seiner Kar­riere. Eine Woche lang schweigt er sich über die Schmach aus. Erst dann kommt es zu einem zwei­stün­digen Don­ner­wetter. Sechs Spieler werden auf die Tri­büne ver­bannt. Tor­wart Klaus Lin­den­berger kann sich einen neuen Verein suchen. Die Frei­heit, die Happel stets auf seine Spieler aus­ge­strahlt hat, hat auch eine dunkle Seite. Einem Reporter gesteht er, wie Nie­der­lagen an ihm nagen: Genießen, das ist ein Wort! Sehr schwer für einen Trainer, der auf der Bank sitzt.“

Als er nach einer 0:6‑Schlappe der öster­rei­chi­schen Natio­nalelf 1991 gegen Schweden gefragt wird, ob er dem ÖFB nicht helfen wolle, gran­telt er: Ich bin Patriot, aber kein Idiot.“ Da weiß er längst, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Als kurz darauf Walter Zeman stirbt, sagt er zu Freunden: Ich bin der Nächste.“ Was inter­es­siert ihn also sein Geschwätz von ges­tern? Happel ist schwer krank, und doch so frei wie eh und je. Wie in einem sen­ti­men­talen Film wird der beste Trainer, den Öster­reich je her­vor­ge­bracht hat, im Schlussakt Team­chef. Die Spieler sind stolz, von ihm berufen zu werden. Ein letztes Mal gelingt es dem Zau­berer, ein Team neu auf­zu­stellen und ange­schla­genes Selbst­be­wusst­sein zu kurieren.

Drei Wochen vor seinem Tod im November 1992 erlebt er einen 5:2‑Sieg seiner Elf gegen Israel auf der Bank des Wiener Pra­ter­sta­dions, das bald seinen Namen tragen wird. Er kann nicht lassen vom Fuß­ball, der größten Liebe seines so reich­hal­tigen Lebens. Ich kann mir nicht vor­stellen, dass ich eine Woche nicht zum Fuß­ball gehe“, hat Ernst Happel gesagt. Wenn das eine oder andere Spiel abge­sagt wird, weiß ich gar nicht, was ich mit dem Tag beginnen soll. Das ist alles in Fleisch und Blut.“,

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Die Repor­tage Zau­berer“ erschien in 11FREUNDE #168. Ihr könnt sie wei­terhin in unserem Shop oder im App-Store kaufen.