Es sind die kleinen Schwä­chen, die Legenden in der Rück­schau erst über­le­bens­groß erscheinen lassen. Ernst Happel war bei Spie­lern nie bekannt dafür, dass er mehr als das Nötigste vor dem Spiel zu ihnen sprach. An diesem Tag jedoch hatte der Alte offen­kundig einen Hänger. Jakobs, du passt auf den …na, auf den … na den, na, wie heißt er …?“

Im Raum hielten alle den Atem an. Jedem war klar, dass der Coach nie­mand anderen als Klaus Allofs meinen konnte, den aktuell Füh­renden in der Tor­schüt­zen­liste, auf den Ditmar Jakobs im Spiel gegen den 1. FC Köln sein Augen­merk legen sollte. Doch kein Profi des Ham­burger SV traute sich den Mund auf­zu­ma­chen, bis Co-Trainer Alek­sandar Ristic seinen Chef erlöste: „… na, deeen Aaaal­offs“. Die Spieler atmeten auf und Happel endete mit dem obli­ga­to­ri­schen Gehen’s raus und spielen’s seriös“, das der HSV-Kader damals noch als Befehl ver­stand. Die Partie in Mün­gers­dorf ent­schieden die Han­seaten mit 4:1 für sich.

Im Kar­tei­kasten der Trai­ner­flos­keln steht heut­zu­tage ein Satz ganz vorne an: Wir schauen nicht auf den Gegner, wir schauen nur auf uns.“ Doch ange­sichts der Hilf­lo­sig­keit, mit der selbst ambi­tio­nierte Bun­des­li­gisten ver­su­chen, sich dem FC Bayern zur Wehr zu setzen, sind diese Worte frei­lich oft nur vor­ge­täuschtes Selbst­be­wusst­sein, an das kaum ein Profi wirk­lich glaubt. Nun wäre es leicht, Hap­pels Aus­setzer auf das schlechte Namens­ge­dächtnis des damals 58-Jäh­rigen zurück­zu­führen.

Ob ich gewinne, liegt ja an mir“

Doch die Anek­dote aus der Kabine illus­triert anschau­lich, wie bedin­gungslos der Öster­rei­cher auf seine urei­gene Idee von Fuß­ball ver­traute. Happel inter­es­sierte ein­fach nicht, wie geg­ne­ri­sche Spieler hießen. Wie am Poker­tisch blickte er auch beim Fuß­ball nur ins eigene Blatt und ent­wi­ckelte eine Vor­stel­lung, wie er das Spiel für sich ent­scheiden konnte. Und hatte er sich auf einen Weg fest­ge­legt, ging er diesen mit aller Kon­se­quenz zu Ende. Ohne Angst, ohne Zweifel. Ob ich gewinne, liegt ja an mir“, sagte Happel einst über seine Lei­den­schaft fürs Kar­ten­spiel, und mache ich einen Fehler, ärgert’s mich.“ Diese Men­ta­lität über­trug sich auf seine Teams, die fortan bemüht waren, jeden Fehler zu ver­meiden. Nicht zuletzt, um den schwei­genden Ket­ten­rau­cher dort auf der Bank nicht zu ent­täu­schen. 

Ernst Happel war ein Frei­geist. Wenn Weg­ge­fährten über die beson­deren Eigen­schaften der Trai­ne­rikone spre­chen, fällt wie­der­holt der Begriff Unab­hän­gig­keit“. Klaus Der­mutz, Autor der Bio­grafie Genie und Grantler“, sagte Happel 1986: Ich will von nie­mandem abhängig sein, ich will mein eigener Herr sein, mein eigener Mensch, das ist für mich ein Grund­prinzip. Wenn ich abhängig wär’, hab ich kein Leben mehr.“ Keine Laune war ihm zu ver­rückt, um ihr nicht nach­zu­geben. Kein Zwang zu stark, um sich diesem zu unter­werfen. Kein Star war groß genug, um von ihm nicht abge­sägt zu werden. Ein Mil­lio­nen­an­gebot des SSC Neapel schlug er aus, weil er keine Lust auf die Extra­würste hatte, die Mara­dona dort gebraten bekam. Happel hat immer getan, was er für richtig hielt.

Der Ernstl war ein Ich-Mensch“

Einer, der ein Lied davon singen kann, ist Alfred Körner, einer der beiden noch lebenden WM-Teil­nehmer Öster­reichs von 1954. Schon in den Drei­ßi­gern kickte der heute 89-Jäh­rige mit Happel in der Jugend von Rapid Wien. Der Ernstl war ein Ich-Mensch“, sagt Körner, der hat Dinge gemacht, die keiner erwar­tete. Damals hat auch keiner gedacht, dass er je ein Trainer wird.“ Körner sitzt an einem Eck­tisch im Café Grün-Weiß“. Es riecht nach Ziga­retten, Melange und G’spritztem. Seit 50 Jahren orga­ni­siert der Fuß­ball­rentner den Stamm­tisch der Alt­in­ter­na­tio­nalen, der sich jeden Freitag hier im Hin­ter­zimmer der Fan­kneipe an der Hüt­tel­dorfer Straße trifft. Unter ver­gilbten Wim­peln, Schals und Mann­schafts­fotos sitzt ein Dut­zend alter Herren und schwelgt in Erin­ne­rungen. Die Gar­di­nen­kneipe passt zur Patina, die die große Wiener Fuß­ball­tra­di­tion in den ver­gan­genen Jahr­zehnten ange­setzt hat.

Hier im 15. Bezirk ist Happel bei seiner böh­mi­schen Oma auf­ge­wachsen. Der unehe­liche Sohn einer Knei­piers­frau, der seinen leib­li­chen Vater nie ken­nen­lernt. Der Stamm­tisch ist eine Remi­nis­zenz an die gedie­genen Kaf­fee­h­aus­runden, die die Stars des legen­dären Wun­der­teams“ in den Drei­ßi­gern unter­hielten, als Öster­reich auf Welt­ni­veau kickte und beim großen Braunen und Linzer Torte Siege aus­dis­ku­tiert wurden. Als Happel noch lebte, schaute er bei Wien-Besu­chen gern vorbei. Viel gespro­chen hat er nie. Auch in der eigenen Misch­poke ist der Wöd­masta“ eher Ein­zel­gänger geblieben.