Frank­reich, ach was, Europa, ach was, die Welt konnte auf­atmen. Nach Monaten der Hoff­nungs­lo­sig­keit, voll ängst­li­cher Blick auf die Staats­oberen, die mit Hilfs­pa­keten und Euro-Hebeln die marode Uni­ons­wäh­rung und damit die Sta­bi­lität eines Völ­ker­bundes retten wollten, nach all den stillen Gebeten am Nacht­tisch, der bei­spiellos naiven Hoff­nung auf eine bes­sere, gerech­tere Welt, tauchte scheinbar der Retter am Ende des Hori­zonts auf. Noch war er nur eine Sil­hou­ette, aber man erkannte sofort, dass er den Men­schen den längst ver­lo­renen Glauben wieder schenken kann. Allein sein Äußeres: Groß, kantig, schön, beharrt bis an die Wim­pern – kein Mann, eine Erschei­nung. Eine Mischung aus Bud Spencer und Barack Obama. Eric Can­tona, Säu­len­hei­liger des fran­zö­si­schen Fuß­balls, Gott­heit von Man­chester United, Klas­sen­kämpfer, Kung-Fu-Fighter, King Eric, wollte mit Pauken und Trom­peten in der Palais de l’E­lysee, der Resi­denz des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­denten, ein­ma­schieren. Er wollte Nicolas Sar­kozy beerben, ersetzen, ver­gessen machen. Der Wahn­sinn!

10. Januar, 10:11 Uhr: Die New­sti­cker glühen heiß, eine Nach­richten-Super­nova bricht in den grauen Vor­mittag. Der Scoop: Eric Can­tona will Prä­si­dent von Frank­reich werden!“ Augen nehmen die Infor­ma­tion auf, über­mit­teln die Nach­richt blitz­schnell ans Groß­hirn, das Groß­hirn kabelt zum Klein­hirn, Hor­mone kommen in Wal­lung, das Herz rast, die Haut wird warm, heiß, schwitzig. Ist das Freude? Ist das Angst? Ist das die Sen­sa­tion des Jahres?

Vor dem inneren Auge spielt sich schon alles ab: Can­tona grätscht David Cameron aus dem Europa-Par­la­ment, brüllt: Fuck off, bas­tard!“ Schnitt. King Eric baut sich vor Angela Merkel auf, den Kragen hoch­ge­klappt: Wir müssen den Leuten die Wahr­heit sagen“, raunt er ihr mit sonorer Stimme zu. Die eiserne Kanz­lerin knickt ein. Das erste Mal erfährt die Mensch­heit alle schmut­zigen Details über Ban­ken­ret­tungen, Euro-Bonds, Insider-Geschäfte. Schnitt. Can­tona stellt sein Kabi­nett vor: Außen­mi­nister Thierry Henry, Innen­mi­nister Zine­dine Zidane, Finanz­mi­nister Lau­rent Blanc, Fami­li­en­mi­nister Fabien Bar­thez – jene legen­dären WM-Helden von 1998, Inte­gra­tions-Role-Models, Schlichter, geliebt von Mil­lionen. Schnitt.

King Eric bringt Nord­korea zur Ver­nunft

Auf den Straßen der Ban­lieues liegen sich frus­trierte Jugend­liche und Poli­zisten in den Armen, tau­schen Kau­gummis, Blumen und Witz­chen aus. Bänker und andere Ganoven ver­richten gemein­nüt­zige Arbeit. Im Louvre wird moderne Street Art aus­ge­stellt. Frank­reich blüht auf und wird zum Vor­bild für das einst dahin dar­benden Europa. Schnitt. Eric Can­tona tritt vor die UN-Voll­ver­samm­lung und ver­kündet den Welt­frieden. In einer flam­menden Rede rührt er die letzten kalt­blü­tigen Dik­ta­toren, Des­poten und Nord­ko­reaner zu Tränen. Die Welt öffnet die Arme, geht auf­ein­ander zu. Die Welt ist zu Gast bei sich selbst. Bei Freunden. Schnitt. Eric Can­tona im Weißen Haus. Prä­si­dent Barack Obama emp­fängt herz­lich den fran­zö­si­schen Pre­mier, im Oval Office gibt es Joints, Dosen­bier und High Five. Die neue Locker­heit. Am Ende treten beide vor die Presse. Obama stam­melt in gebro­chenem Fran­zö­sisch: Eric, Du hast der Welt bewiesen: Yes, we Can­tona.“

10. Januar, 15:30 Uhr: Die New­sti­cker werden kalt, ein Nach­richten-Tief zeichnet sich ab. Der Scoop: Eric Can­tonas Prä­si­dent­schafts­kan­di­datur war nur ein rie­siger PR-Gag. Ein guter. Ein ver­dammt guter. In Wahr­heit wollte King Eric nur auf seine Arbeit für die Stif­tung Abbé Pierre“ auf­merksam machen, die sich um Obdach­lose küm­mert. Das ist ihm gelungen. Das ist aller Ehren wert.

Zurück bleibt eine Welt in Trüm­mern. Grau, trist, hoffn­unglos, kurz vor dem Knall. Bäng! Bitte über­legen Sie es sich doch noch einmal, Mon­sieur Eric Can­tona!