Miquel Roue, der FC Bar­ce­lona ist bekannt­lich Més que un club“, mehr als nur ein Klub. Woran zeigt sich das?
Der Klub ist für Kata­lo­nien von großer Bedeu­tung. Viele der kata­la­ni­schen Anhänger sind auch Unab­hän­gig­keits­be­für­worter, sogar Barça-Prä­si­dent Sandro Rosell hat man schon an Unab­hän­gig­keits­de­mons­tra­tionen ange­troffen. Am 25. November gab es Wahlen in Kata­lo­nien, die kata­la­ni­schen Natio­na­listen (CiU) hatten auf viele Stimmen gehofft, um später ihr Unab­hän­gig­keits­re­fe­rendum durch­zu­setzen. Im Vor­feld haben wir am 7. Oktober 2012 im Clá­sico gegen Real Madrid exakt nach 17:14 Minuten Independència“-Rufe ange­stimmt. Wir sind keine Spa­nier, wir sind Kata­lanen! Und das mussten wir allen Madri­lenen und der ganzen Welt mit diesen Rufen zeigen.

Und euer Fan­klub hat diese Rufe ini­zi­iert?
Ja, das waren die Almo­gà­vers. Wir hatten das im Sep­tember in der Partie gegen Spartak Moskau geprobt“. Dazu passt die erste Strophe unserer Klub-Hymne Cant del Barça“. Da heißt es: Das ganze Sta­dion macht gemeinsam Lärm. Wir sind die Leute von Barça.“

Wenn im Camp Nou rund 98.000 Fans beginnen Inde­pen­dència“ zu rufen, was ist das für ein Gefühl?
Das ist Gän­se­haut pur! Wir erin­nern uns dabei an unsere Kind­heit, unsere Eltern und Groß­el­tern. Wir mussten leiden. Uns wurde schließ­lich ver­boten, unsere eigene Sprache zu spre­chen. Real Madrid reprä­sen­tiert für uns die­je­nigen, die uns unsere Rechte genommen haben. Im Clá­sico denken wir: Wir müssen Spa­nien besiegen!“. Das patrio­ti­sche Gefühl kommt bei dieser Begeg­nung auto­ma­tisch in jedem Barça-Fan hoch. Ein Sieg gegen Madrid ist auch immer ein poli­ti­scher Sieg.

Sehen das die Spieler auch so?
Sicher, aber sie würden das ver­neinen. Sie dürfen natür­lich nichts anderes behaupten, weil viele für Spa­nien spielen. Wir Kata­lanen wissen es aber besser.

Warum wurden die Rufe eigent­lich nach 17:14 Minuten ange­stimmt?
Am 11. Sep­tember 1714 wurde Kata­lo­nien Teil von Spa­nien und starb als eigenes freies Land. Uns wurde alles genommen. Der spa­ni­sche König Felipe V. annul­lierte alle kata­la­ni­schen Gesetze und löste die Regie­rung auf, schloss unsere Uni­ver­si­täten und ver­brannte alle Bücher, die auf Kata­la­nisch geschrieben waren. Er wollte unsere Tra­di­tionen, Sprache, die ganze Kultur ver­schwinden lassen.

Sprecht ihr auf den Rängen noch viel über die kata­la­ni­sche Ver­gan­gen­heit? 
Wir reden viel über Politik, aber wir denken im Grunde alle gleich, weil wir Kata­lanen sind. Mehr noch: Wir sind alle Unab­hän­gig­keits­be­für­worter. Am 11. Sep­tember 2012 gab es eine große Demons­tra­tion in Bar­ce­lona, zwei Mil­lionen Men­schen gingen für die Unab­hän­gig­keit auf die Straße.

Und euer Fan­klub mit­ten­drin?
Natür­lich, ganz Almo­gà­vers war Teil davon. Einige von uns sind auch Mit­glieder in politischer´n Par­teien.

Die Wahlen vom 25. November ver­liefen nicht ganz nach Wunsch der Unab­hän­gig­keits­be­für­worter.
Es besteht im kata­la­ni­schen Par­la­ment noch Hoff­nung auf eine Koali­tion der zwei stärksten Par­teien, die beide die Unab­hän­gig­keit wollen. Sie werden vor­aus­sicht­lich ein Gesetz erstellen, das Refe­renda lega­li­siert. Schon 2013 soll das Refe­rendum dann folgen.
 
Im Falle einer Unab­hän­gig­keit: Würden die Kata­lanen der spa­ni­schen Natio­nal­aus­wahl in die kata­la­ni­sche Natio­nal­mann­schaft wech­seln?
90 Pro­zent der Kata­lanen würden das ganz sicher tun.

Was würde mit den übrigen zehn Pro­zent geschehen?
Wir würden uns gegen diese Spieler wenden. Kata­lanen wie Xavi, Puyol, Piqué und Valdez wissen das aller­dings. Aber für sie wäre dieser Wechsel selbst­ver­ständ­lich. Ich weiß aller­dings nicht, ob die Fifa und die Spa­ni­sche Fuß­ball­fö­de­ra­tion das zulassen werden.

Bist du dir da sicher? Spa­nien ist das beste Team der Welt.
Immer wenn Bar­ce­lona Titel zu feiern hatte, riefen alle Barça-Spieler in den Inter­views Visca el Barça! Visca Catalunya!“. Beim Feiern des Welt­meis­ter­ti­tels Spa­niens trugen Xavi und Puyol auch die kata­la­ni­sche Flagge. Auf eine Art sind sie natür­lich gezwungen für Spa­nien zu spielen, weil die kata­la­ni­sche Aus­wahl nicht als rich­tige Natio­nal­aus­wahl spielen darf.

Wäre Kata­lo­nien kom­plett unab­hängig, hättet ihr aller­dings keine eigene starke Liga, Bar­ce­lona müsste sich mög­li­cher­weise einer anderen anschließen. Als Vor­bild für Bar­ce­lona gäbe es hier den FC Vaduz aus Liech­ten­stein, der in der Schweizer Super League spielt und den AS Monaco in der fran­zö­si­schen Ligue 2. Käme so ein Wechsel für euch über­haupt in Frage?
Klar, das wäre absolut kein Pro­blem.

Würdet ihr den Clá­sico nicht ver­missen?
Den Clá­sico gäbe es dann ein­fach in der Cham­pions League. Ich habe gehört, dass die fran­zö­si­sche Liga dem FC Bar­ce­lona bereits einen Angebot unter­breitet haben soll. Angeb­lich will uns auch die Pre­mier League. Kein Wunder, Barça ist der attrak­tivste Klub der Welt, alleine das spa­ni­sche Fern­sehen bezahlt dem Verein jähr­lich 140 Mil­lionen Euro. Doch die Pri­mera Divi­sion will uns natür­lich um jeden Preis behalten.

Es gibt über 1400 Fan­klubs, der Klub der Almo­gà­vers“ soll mit 190 Mit­glie­dern einer der Größten sein. Wo ist euer Platz im großen Camp Nou?
Seit 1989 haben wir unseren festen Platz im Kur­ven­ab­schnitt direkt hinter dem süd­li­chen Tor. Unsere Rolle im Sta­dion ist daher absolut zen­tral, wir machen die Stim­mung.

Was bedeutet Almo­gà­vers“ eigent­lich?
Kata­lo­nien war 1200 noch ein Land mit einem eigenen König, Jaume I. Als dieser Sar­di­nien, Sizi­lien und die Balearen eroberte, setzte er die Almo­gà­vers“ ein. Das waren außer­or­dent­lich gute Sol­daten. Wir sind also die starken Sol­daten mit der Auf­gabe, Barça anzu­feuern.

Sind die Almo­gà­vers für eine spe­zi­elle Choreo bekannt?
(lacht) Muss ich jetzt singen? Wir haben eigene Lieder. Der Wich­tigste ist wohl: Wir sind das rote Heer von Barça und nie­mand kann uns auf­halten. Unseren Name kennt jeder. Barça Barça Barça“. Ich denke, das geht zurück auf das rote Heer, wel­ches im spa­ni­schen Bür­ger­krieg gegen Franco kämpfte.

Es gibt das Gerücht, dass der FC Bar­ce­lona in der nächsten Saison mit einem Trikot in den Farben der Senyera (Flagge Kata­lo­niens, d.Red.) auf­läuft. Ist da was dran?
Soweit ich weiß: ja. Es gibt eine Web­seite, die diese Tri­kots anbietet. Die ist aller­dings nicht offi­ziell. Weil das Shirt bei den Fans so beliebt ist, soll Klub-Prä­si­dent Sandro Rosell angeb­lich das Ersatz­trikot für die kom­mende Saison in diesen Farben anfer­tigen lassen.

Königs­frage: Was war dein bisher auf­re­gendster Clá­sico?
Es sind alle immer der Wahn­sinn, aber ganz spe­ziell war das Spiel, als Luís Figo nach seinem Wechsel zu Real wieder ins Camp Nou zurück­kehrte. Fünf Jahre war er bei uns, wir hatten diesen Kerl echt ins Herz geschlossen! Wie viele Fuß­baller ist er nur wegen des Geldes nach Madrid gewech­selt. Die Leute beschimpften ihn übel und warfen sogar einen Schwei­ne­kopf aufs Feld. Ich sah sogar einen Typen mit dem Banner: Figo, wegen dir muss ich jetzt meinen Hund töten!“ Er hatte, wie so manch anderer Anhänger auch, sein Haus­tier nach Figo benannt.