Die Sze­nerie ist ein biss­chen gespens­tisch. Ein ver­las­senes kleines Sta­dion in einem Indus­trie­ge­biet am Rande von Sofia, keine zwei Kilo­meter vom Flug­hafen ent­fernt. Die grünen Scha­len­sitze künden schüch­tern von Auf­bruch, doch der Rest könnte pro­blemlos als Kulisse für einen Film über die Acht­ziger dienen. Like Pere­stroika never hap­pened. Noch ist nicht viel los, ledig­lich ein paar Männer ver­teilen sich über den Ein­gangs­be­reich. Viel­leicht der Platz­wart, Ver­eins­of­fi­zi­elle und ein paar ört­liche Jour­na­listen? Doch ein Detail passt nicht ins Bild: Alle Männer tragen einen Knopf im Ohr. Nach einer Weile schreitet einer das Gelände ab, in der Hand einen Plas­tik­klotz mit Antenne, der aus­sieht wie eine Kreu­zung aus Trafo und Wün­schel­rute. Das wird tat­säch­lich ein Spreng­stoff­de­tektor sein.

Ehe­ma­liger Minis­ter­prä­si­dent und ältester Profi Europas

Ende August gab es eine selt­same Mel­dung aus dem bul­ga­ri­schen Fuß­ball. Ein gewisser Bojko Borissow hatte beim Auf­steiger Wito­scha Bistritsa sein erstes Zweit­li­ga­spiel absol­viert. Nor­ma­ler­weise wäre das nichts, was aus­län­di­sche Medien inter­es­sieren würde, doch in diesem Fall ergab sich der Nach­rich­ten­wert aus dem Alter und dem Status des Fuß­bal­lers. Bojko Borissow war zum Zeit­punkt seines Debüts 54 Jahre, zwei Monate und zwölf Tage alt und damit angeb­lich der älteste Profi Europas. Und er war bis Februar 2013 Minis­ter­prä­si­dent von Bul­ga­rien.

Nach und nach tru­deln die Spieler von Wito­scha Bistritsa zum Nach­mit­tags­trai­ning ein. Drah­tige junge Männer, die meisten von ihnen zwi­schen Anfang und Mitte 20. Eigent­lich ist der Verein in einem Ort außer­halb der bul­ga­ri­schen Haupt­stadt behei­matet, doch seine Heim­spiele trägt er meist im Sta­dion von Loko­mo­tive Sofia aus. Trai­niert wird mal hier und mal da und heute in der Nähe des Flug­ha­fens. Die meisten Spieler kommen mit Autos, die wenig gemein haben mit den Luxus­fahr­zeugen, die in Deutsch­land auch unter Zweit­li­ga­profis die Regel sind. Als einer mit einem neuen Mer­cedes vor­fährt, weckt das die Neu­gier der Kol­legen, von denen einige rüber­kommen und sich pro­be­weise hin­ters Steuer setzen. Bald erscheinen wei­tere Autos und mehr Männer mitt­leren Alters mit Knopf im Ohr. Gleich muss er kommen.

Der Meister lässt bitten

Die Anfrage lief über seinen Refe­renten, einen Mann namens Nikola. Gerne könnten wir Bojko Borissow in seinem Büro in Sofia inter­viewen, hieß es. Fotos im Fuß­ball­trikot? Schwierig. Wir seien aber ein Fuß­ball­ma­gazin. Ach so. Nach einigem Hin und Her kam die Nach­richt, viel­leicht sei ein Termin beim Trai­ning am Dienstag mög­lich. Borissow würde daran teil­nehmen.

Nikola ist bereits da, Borissow lässt noch auf sich warten. Mit­tags hat er ein neues Sport­zen­trum im 150 Kilo­meter ent­fernten Plowdiw eröffnet und ist nun auf dem Weg. Die Männer mit den Knöpfen im Ohr dürfen wir nicht foto­gra­fieren, Glei­ches gilt für den Wagen von Borissow, wenn er denn kommt. Wäh­rend die ersten Fuß­baller von Wito­scha Bistritsa bereits den Rasen betreten, nähert sich durch das benach­barte Park­stück ein kleiner Auto­konvoi dem Sta­di­on­ein­gang. Borissow steigt aus und ver­schwindet mit seiner Entou­rage in der Umklei­de­ka­bine. Nach ein paar Minuten gibt Nikola Zei­chen: Der Meister lässt bitten.

Bojko Borissow wurde am 13. Juni 1959 als Sohn eines Feu­er­wehr­manns und einer Grund­schul­leh­rerin im Kurort Bankja in der Nähe von Sofia geboren. Sein Groß­vater, der Bür­ger­meister von Bankja, war 1944 von kom­mu­nis­ti­schen Kämp­fern getötet worden, was Borissow von Jugend an zu einem fana­ti­schen Anti­kom­mu­nisten werden ließ. Seiner Bio­grafie war das aber lange nicht anzu­sehen. In den Acht­zi­gern war er Feu­er­wehr­mann, Mit­ar­beiter des bul­ga­ri­schen Innen­mi­nis­te­riums und Dozent an der Poli­zei­aka­demie von Sofia. Nach der poli­ti­schen Wende grün­dete er eine Sicher­heits­firma und machte noch­mals Kar­riere im Innen­mi­nis­te­rium, das er aber wegen Kon­flikten mit der sozia­lis­tisch geführten Regie­rung wieder ver­ließ. 2006 grün­dete er die Mitte-Rechts-Partei GERB (Bürger für eine euro­päi­sche Ent­wick­lung Bul­ga­riens) und wurde zum Bür­ger­meister von Sofia gewählt. Nachdem GERB aus den Par­la­ments­wahlen 2009 als stärkste Frak­tion her­vor­ge­gangen war, wurde Borissow Minis­ter­prä­si­dent von Bul­ga­rien.

Grüße an Horst See­hofer! Ein guter Freund von mir!„

Der Fuß­baller, der neu­lich im Alter von 54 Jahren sein erstes Spiel in der zweiten Liga gemacht hat, sitzt in der Umklei­de­ka­bine und ist fast umge­zogen. Phy­sisch unter­scheidet er sich in ekla­tanter Weise von seinen Mit­spie­lern. Er ist größer als die meisten und wiegt fast dop­pelt so viel wie manch anderer. Ein Bär von einem Mann, und das hat sicher nicht nur mit der Ernäh­rung und dem Alter zu tun. Man kann von den Händen und Füßen eines Men­schen ganz gut auf seine all­ge­meine Kon­sti­tu­tion schließen. Wer die flei­schigen Füße von Bojko Borissow sieht, der weiß, dass er Zeit seines Lebens eher der grob­schläch­tige Typ war. Wäh­rend Borissow Stutzen und Schuhe anzieht, beant­wortet er die ersten Fragen. Ja, er spiele täg­lich Fuß­ball, es sei die beste Mög­lich­keit, den Kopf frei zu bekommen. Nein, er sei weit davon ent­fernt, sich mit echten Profis zu ver­glei­chen. Im Übrigen ermög­liche ihm der Fuß­ball, Kon­takt zum nor­malen Volk zu halten. Dass der erste Teil des Inter­views in der engen Kabine unter seinen Kame­raden statt­findet, macht es für ihn zum Heim­spiel. Man kommt sich als Fra­ge­steller auto­ma­tisch wie ein Ein­dring­ling vor. Borissow gibt der­weil noch immer den Staats­mann: Ich sende Grüße an Horst See­hofer! Ein guter Freund von mir!“

Bojko Borissow war Ende 2012 der erste Regie­rungs­chef, den Barack Obama nach seiner Wie­der­wahl emp­fing. Innen­po­li­tisch ging es zu diesem Zeit­punkt aller­dings bereits bergab. Der von ihm voll­mundig pro­pa­gierte Kampf gegen die Kor­rup­tion in Bul­ga­rien kam kaum voran, meh­rere seiner Minister waren in Skan­dale ver­wi­ckelt und das Volk schimpfte wegen der hohen Ener­gie­preise. Als es Anfang 2013 zu Mas­sen­pro­testen mit gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen der Polizei und Demons­tranten kam, trat Borissow über­ra­schend von seinem Amt zurück, nicht ohne in der Rück­tritts­er­klä­rung noch einmal seine Qua­li­täten als Volks­tribun zu beweisen: Auf den Straßen, die ich bauen ließ, soll kein Blut fließen.“ Tat­säch­lich ist er in Bul­ga­rien noch immer ziem­lich populär als Mann der Tat und des direkten Wortes, und es wird all­ge­mein ange­nommen, dass er bald einen neuen Anlauf auf das Amt des Regie­rungs­chefs starten wird.

Warum aber ver­treibt sich der Mann die Zeit als Zweit­li­ga­fuß­baller? Borissow lächelt: Nur, um mich fit zu halten. Und wegen des Adre­na­lins bei den Pflicht­spielen.“ Er steht jetzt am Spiel­feld­rand, wäh­rend vor ihm das Trai­ning in vollem Gange ist. Auch hier ver­fügt er über einen inter­es­santen Trick, um den Inter­view­partner klein­zu­halten: Wenn er etwas mit Nach­druck sagen will, legt er einem seine große Pranke auf die Schulter und drückt einen merk­lich nach unten. Ob ihn die Gegen­spieler schonen? Ach was, die sind sogar aggres­siver!“ Ist der Effekt seines Enga­ge­ments kal­ku­liert? Ich hätte nie gedacht, dass das eine Nach­richt sein könnte. Ich hatte so viele Treffen mit Merkel, Obama und Sar­kozy, ich brauche solch eine Wer­bung nicht.“ Aber leidet nicht die Auto­rität des Trai­ners ange­sichts des Alpha­tieres in seinem Kader? Borissow grinst: Fragen wir ihn selbst!“ Er zitiert Yas­sine Mis­saoui herbei, doch was soll der arme Mann ant­worten? Letzt­lich zieht er sich leid­lich ele­gant aus der Affäre und sagt: Es ist nicht ein­fach, die Stars unter Kon­trolle zu behalten. Aber bis jetzt schaffen wir das ganz gut.“

Ors Rubes!„

Auch wenn man es ihm nicht ansieht, war Borissow immer ein talen­tierter und vor allem begeis­terter Sportler. Er hat den schwarzen Gürtel in Karate und war jah­re­lang Coach des bul­ga­ri­schen Natio­nal­teams. Zusammen mit Lju­boslaw Penew, dem Trainer der Fuß­ball­na­tio­nalelf, tritt er außerdem als Ten­nis­doppel bei Wohl­tä­tig­keits­tur­nieren auf. Zeu­gen­aus­sagen zufolge läuft sich Penew an der Grund­linie die Seele aus dem Leib, wäh­rend Borissow am Netz steht und die Bälle ver­wertet. Aber immerhin. Ist er also viel­leicht doch ein später Stern am bul­ga­ri­schen Fuß­ball­himmel?

Nach den Ein­drü­cken der Trai­nings­ein­heit: ein­deutig nein. Auch wenn Borissow gar nicht wirk­lich mit dem Team trai­niert hat. Der­weil die Kol­legen den Ernst­fall proben, übt der Poli­tiker mit einem abge­stellten Keeper Tor­schüsse und Kopf­bälle. Wäh­rend er mit seinem Qua­drat­schädel die Bälle aufs Tor wuchtet, blickt er her­über und ruft: Ors Rubes!“ Dann noch mal: Ors Rubes!“ Und noch mal. Nach einer Weile wird klar, was oder besser wen er meint: Horst Hru­besch. Boris­sows Schuss­technik ist solide, doch die Kör­per­span­nung fehlt. Nein, der Mann ist nie und nimmer ein Zweit­li­ga­spieler. Viel­leicht 20 Jahre jünger und ebenso viele Kilos leichter, aber so nicht. Es heißt, die Mit­spieler nennen ihn Xavi“, angeb­lich wegen seiner zen­ti­me­ter­ge­nauen Pässe. Da muss ein Hauch Ironie dabei sein. Den­noch hat Borissow bei meh­reren Sai­son­spielen als Sturm­spitze auf dem Platz gestanden, einmal für statt­liche 54 Minuten. Auch wenn die Mann­schaft etwa die Qua­lität eines deut­schen Regio­nal­li­gisten hat, bedeutet der Ein­satz eines über­ge­wich­tigen Mitt­fünf­zi­gers eine ein­deu­tige Schwä­chung, wes­halb es ein Rätsel ist, wieso die Tiger“ – so Wito­schas Spitz­name – ihn mit­spielen lassen. Ein Rätsel, für das es bestimmt hand­feste Gründe gibt. Und Borissow selbst, diese Mischung aus Boris Jelzin und Silvio Ber­lus­coni? Wa- rum spielt er in einer Liga, in der er nicht mit­halten kann? Viel­leicht ist dieser Kick seine keu­sche Vari­ante des Bunga Bunga“, um sich der ewigen Jugend zu ver­si­chern.

Von den Fans zum Fuß­baller des Jahres gewählt

Seinen größten Moment hat der Fuß­baller Borissow übri­gens bereits 2011 erlebt. Da lan­dete er in der von den Fans durch­ge­führten Vor­auswahl zu Bul­ga­riens Fuß­baller des Jahres“ auf Platz eins, vor Dimitar Ber­batow. Es spricht für Boris­sows Instinkt, dass er sich von der Short­list strei­chen ließ, mit der Begrün­dung, es sei keine Wahl für ihn, son­dern gegen die Zustände im bul­ga­ri­schen Fuß­ball gewesen. Natür­lich wusste er auch, dass er bei der anschlie­ßenden Jour­na­lis­ten­wahl chan­cenlos gewesen wäre.

An jenem Dienstag geht Borissow nach einer halben Stunde Tor­schuss­trai­ning vom Platz, packt die Entou­rage ein und fährt zum nächsten Fuß­ball­platz: Kicken mit dem Alt­her­ren­team. Was bleibt, ist der Ein­druck, Teil einer Insze­nie­rung gewesen zu sein. Bojko Borissow ist kein groß­ar­tiger Fuß­baller mehr, ver­mut­lich nie einer gewesen. Aber in der Politik wird man noch mal von ihm hören, ganz sicher.