Seite 3: „Die Nase ist sechsmal gebrochen“

Wie kamen Sie mit Lothar Mat­thäus klar?
Eines muss man wissen: Ich bin wegen ihm nicht zu Bayern Mün­chen gegangen. Bei einem U21-Spiel im Jahr 1981 hatte er in die Rich­tung des Schieds­rich­ters gespuckt, doch ich bekam statt Mat­thäus die Rote Karte und wurde des­halb für alle inter­na­tio­nalen Spiele gesperrt. Die Bayern, vor allem Hoeneß, hatten mir schon ein dickes Angebot gemacht, aber es wegen der Sperre zurück­ge­zogen. So lan­dete ich schließ­lich bei Borussia Mön­chen­glad­bach.

Aber Sie und Mat­thäus sehen sich doch nicht gerade ähn­lich.
Der Schiri hatte den Über­blick ver­loren und wollte irgendwem die Rote geben. Und ich war nun mal immer mit­ten­drin, das sehen Sie an meiner Nase – die ist sechs Mal gebro­chen. So machte er mich zum Schul­digen. Mat­thäus hat den Irrtum nicht auf­ge­löst, trotzdem wurde meine Sperre hin­terher zurück­ge­nommen. Ich habe heute mit Mattes ein gutes Ver­hältnis, triffst du dich mit ihm alleine, ist alles in Ord­nung.

Eine Ver­wechs­lung ver­hin­derte also den Bayern-Transfer. Wie war es bei jenen nach Ita­lien?
Erst wollte mich Hellas Verona 1983 und dann der AC Mai­land 1984. Die stellten ein sil­bernes Köf­fer­chen auf den Tisch im Hotel in Glad­bach, darin steckten unge­logen 500 000 Mark. Ich dachte immer, dass man dafür mehr Scheine bräuchte. Daneben legten sie den Vor­ver­trag. Die Ita­liener erfüllten bei einem ein­zigen Treffen alle Kli­schees. Ich habe abge­lehnt, weil ich mit meiner Familie nicht ins Aus­land wollte. Meine Kinder waren damals noch sehr klein. Im Nach­hinein war diese Ent­schei­dung wohl der ein­zige Fehler meiner Lauf­bahn, den ich bis heute bereue. Später sind alle Natio­nal­spieler nach Ita­lien gegangen, Briegel wurde mit Verona ita­lie­ni­scher Meister.

Bleiben wir beim Thema Reue: In Ihrem Buch schreiben Sie davon, vor einem Spiel gedopt zu haben.
Zu dieser Zeit lagen Blätt­chen mit den Tabletten in der Kabi­nen­toi­lette. Daneben stand eine Fla­sche Jack Daniel’s, ein­ge­wi­ckelt in Zei­tungs­pa­pier. Da konnte sich jeder Spieler bedienen. Vor einer Partie, ich werde Ihnen nicht sagen, bei wel­cher, habe ich es auch mal pro­biert. Prompt schoss ich zwei Tore und wurde ein­fach nicht mehr müde. In der Nacht wollte ich mir das Sport­studio auf 3sat anschauen. Ich zün­dete eine Kerze an, die in einem Holz­schrank stand. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich, wie es rauchte und kokelte. Da wurde mir schlag­artig bewusst: Du bist so drauf, du hät­test dich hier bei­nahe abge­fa­ckelt.

Was waren das für Tabletten?
Cap­tagon. Du nimmst die Dinger und kannst nachts um zwölf noch pro­blemlos Hun­dert-Meter-Läufe machen. Das war zu dieser Zeit in“. Nach der Geschichte mit der Kerze habe ich aber die Finger davon gelassen. Ich habe es nur dieses eine Mal genommen.

Die Dinger lagen da rum, der Arzt wusste es, der Trainer wusste es, jeder wusste es“

Frank Mill über Captagon-Tabletten

So wie Sie es beschreiben, muss die Ein­nahme flä­chen­de­ckend geschehen sein. War es also so, wie Toni Schu­ma­cher in seinem Buch Anpfiff“ beschrieben hat?
Na klar. Nicht alle Spieler nahmen es, aber doch sehr viele. Die Dinger lagen da rum, der Arzt wusste es, der Trainer wusste es, jeder wusste es. Aber keiner hat dar­über gespro­chen. Viele Spieler haben es so lange genommen, bis sie nicht mehr laufen konnten. Sie haben die Folgen nicht sofort gespürt, aber nach einigen Jahren macht der Körper nicht mehr mit. Zumal die Jungs dazu noch abends ordent­lich gebe­chert haben.

Sie sagen, Sie haben nur einmal gedopt. Woher kamen die Magen­ge­schwüre, die Sie später plagten?
Eben nicht vom Cap­tagon, son­dern von den Schmerz­mit­teln. In der Natio­nal­mann­schaft hast du doch alles vor­ge­setzt bekommen und nicht viel gefragt. Da lag eine Tablette da für mor­gens, zwei für mit­tags und daneben noch eine. Die meisten Spieler haben alles ein­fach run­ter­ge­schluckt.

Sie meinen einen Tablet­ten­be­cher wie im Senio­ren­heim?
So in etwa. Das waren Schmerz­mittel, Vit­amin­prä­pa­rate und was weiß ich alles. Die Magen­ge­schwüre kamen bei mir dann weit nach der Kar­riere. Da habe ich meine Galle gesehen. Die Ärzte schieben dir bei vollem Bewusst­sein einen Schlauch bis nach Yoko­hama rein. Bei den nächsten beiden Ein­griffen habe ich mich vorher abschießen lassen. Zum Glück habe ich da heute keine Pro­bleme mehr, aber immer noch diese Aver­sion gegen Tabletten.

Warum waren Sie nach Ihrer Kar­riere nicht mehr im Fuß­ball­ge­schäft tätig?
Ich habe es ja ein Jahr als Funk­tionär bei For­tuna Düs­sel­dorf mit­ge­macht, aber das war nicht meine Welt. Es gab nur eine Sekre­tärin, den Prä­si­denten und mich. Ich hatte 1,1 Mil­lionen D‑Mark zur Ver­fü­gung, doch der erste Spieler wollte schon ein Grund­ge­halt von 18 000. Gleich­zeitig bestellte der Trainer Aleks Ristic immer wieder sechs Jugo­slawen in einem Kleinbus, die alle ver­pflichtet werden sollten. Irgend­wann wusste keiner mehr, wo das Geld hin­fließt. Und zu guter Letzt wurde ich geschasst, als ich im Urlaub war. Meinen Posten über­nahm Klaus Allofs, zu dem ich eigent­lich zuerst den Kon­takt her­ge­stellt hatte. Es war ein abso­lutes Chaos.

Sind Sie nach der Zeit als Fuß­baller in ein Loch gefallen?
Ich konnte keinen Fuß­ball mehr sehen. Ich habe Eigen­tums­woh­nungen bauen lassen und im Con­tai­ner­dienst meines Vaters geholfen. Den­noch kam ich Anfang der 2000er-Jahre wieder zum Fuß­ball zurück. Die Eröff­nung meiner Fuß­ball­schule war gut für meinen See­len­frieden. Damals gab es fünfzig in ganz Deutsch­land, heute hast du tau­sende. Ich bin heute noch überall im Land unter­wegs und habe meinen Spaß daran.

Sie haben nun im Gespräch häufig Ihren Vater Bobby erwähnt. Wie wichtig war er für Sie?
Wenn wir jetzt so zurück­bli­cken, muss man sagen: Mein Vater hat mich schon stark geprägt. Natür­lich durch seine Men­ta­lität als Schrott­händler: Ich weiß schon, wie man kun­gelt, und kann alles Mög­liche besorgen. Aber vor allem hat er mir Ehr­lich­keit vor­ge­lebt und eine gewisse Boden­stän­dig­keit. Selbst als ich Profi war, steckte er mir noch einen Fuffi zu und sagte: Hier Junge, hast du mal etwas Geld zum Tanken.“ Er war nicht nur mein Vater, son­dern mein Freund. Und ich sagte ja, was mir das bedeutet. Einen Freund rufst du nachts an, wenn du Hilfe brauchst – und er fragt nicht groß nach, son­dern sagt: Warte, ich bin gleich bei dir.“