Seite 2: „Der Hussing hätte Schatzschneider durch die komplette Mensa getafelt“

Woran denken Sie sofort, wenn es um die WM 1990 geht?
Ich habe leider nicht gespielt, werde die Zeit in Ita­lien aber nie ver­gessen. Becken­bauer hatte damals eine neue Freundin, war locker und hat uns an der langen Leine gelassen. Unsere Gruppe bestand aus Völler, Bert­hold, Brehme, Mat­thäus, Klins­mann und mir. Nach dem Kolum­bien-Spiel fuhren wir in ein tolles Restau­rant auf einen Berg und haben da fürch­ter­lich gehext, bis es hell wurde. Wir hatten eine rie­sige Rech­nung, doch mussten keinen Cent bezahlen. Der Chef wollte nur ein Foto mit uns, das dort noch bis heute hängt. So sind die Ita­liener.

Hat für Sie die Bron­ze­me­daille 1988 bei Olympia mehr Wert als der WM-Titel?
Sport­lich auf jeden Fall, weil ich dort Kapitän war und immer gespielt habe. Und natür­lich ist das ganze Drum­herum bei Olympia der Wahn­sinn. Ich war schon 1984 in Los Angeles dabei, ins Sta­dion in Pasa­dena passten 104 000 Zuschauer. Du hast aber nur Kna­cken gehört, weil die Amis ihre Würst­chen und Chips gefressen haben und sich nicht son­der­lich ums Spiel küm­merten. Außerdem waren die Begeg­nungen mit all den anderen Sport­lern toll – bis auf zwei Aus­nahmen: Eines Tages ging Dieter Schatz­schneider durch die Mensa, vorbei am deut­schen Boxer Peter Hus­sing und sagte: Der ist bestimmt vor ne Bahn­schwelle gelaufen.“ Dar­aufhin stand Hus­sing auf und wollte Schatz­schneider an die Wäsche. Ich musste mich dazwi­schen­werfen, weil ich mit Hus­sing ein paar Tage vorher geplau­dert hatte. Der Hus­sing hätte Schatz­schneider durch die kom­plette Mensa geta­felt.

Ein schönes Bild: Frank Mill zwi­schen diesen beiden Schränken.
Ich war immer kleiner, hatte dafür aber eine große Klappe. Gerade wenn es darum ging, meine Mann­schaft zu ver­tei­digen. Der Hand­ball­tor­wart Andreas Thiel sprach einige Tage später sehr laut in unsere Rich­tung, dass wir als Profis nichts bei Olympia ver­loren hätten. Ich baute mich vor ihm auf und fragte: Und du? Du bist noch Ama­teur, oder was?“ Drei Minuten fetzten wir uns, dann meinte ich: Du kannst mich mal kreuz­weise.“ Gut mög­lich, dass ich mich auch weniger vor­nehm aus­ge­drückt habe.

In wel­chen Momenten wurde Ihre große Klappe“ zum Pro­blem?
Häu­figer. Meine Ehr­lich­keit hat mir mein Vater so bei­gebracht. Das gefällt nicht jedem. Wenn mir jemand sagte Wir sind doch Freunde“, hab ich immer gesagt: Du bist nicht mein Freund, ich habe nur vier echte Freunde.“ Da wurde ich oft blöd ange­schaut. Ich erin­nere mich an den Mann­schaftsrat in Glad­bach. Wir wollten uns beim Manager Helmut Gras­hoff beschweren, dass Wolfram Wuttke raus­ge­schmissen wurde. Ohne ihn lief es nicht gut. Als ich das vor­trug, senkten die anderen vier aus dem Rat die Köpfe, ganz so, als hätten sie von nichts gewusst. Und Gras­hoff hat nur mich dafür ange­zählt.

Als Fuß­baller war er genial, keiner konnte so scharf mit dem Außen­spann schießen“

Frank Mill über Wolfram Wuttke

Was hatte Wuttke gemacht?
Ach, Wuddi hat doch immer irgend­einen Scheiß gemacht. Damals war unser Trainer Jupp Heynckes aus der Dusche gekommen und hatte von dem heißen Strahl Abdrücke auf dem Rücken, die wie Striemen aus­sahen. Wuttke meinte: Oh Osram, hast dich wieder aus­peit­schen lassen, oder was?“ Das kannst du natür­lich gegen­über einem Trainer nicht machen. Doch um ehr­lich zu sein, bei einem anderen Ding war ich auch dabei. Wuddi und ich fanden im Trai­nings­lager neben einem Con­tainer eine alte Schau­fens­ter­puppe. Wir haben uns den Zim­mer­schlüssel vom Jupp geben lassen und die Puppe in seinem Bett ver­steckt. Von draußen konnten wir beob­achten, wie er ins Zimmer rein ist und dann schnur­stracks wieder raus­stürmte. Er holte die Betreuerin und rief: Da liegt eine Frau in meinem Bett!“

Wie ging es weiter?
Um sieben Uhr abends beim Essen wollte Heynckes alle Spieler bestrafen. Wie wir halt so waren, haben Wuddi und ich uns gemeldet und alles gestanden. Der Trainer sagte: Jo, ich überleg mir was.“ Und Wuddi ent­geg­nete: Ich auch.“

Sie sagten gerade, dass Sie vier echte Freunde hatten. War Wuttke einer von ihnen?
Wir waren eher so Fuß­ball­kum­pels, später hatten wir nicht mehr viel mit­ein­ander zu tun. Bei Olympia habe ich mich für ihn ein­ge­setzt, dass er mit­fahren konnte. Manchmal erschien er nicht zum Abflug und keiner wusste, wo er steckt. Also passte ich auf ihn auf, mir hat er zuge­hört, weil ich auch aus dem Pott kam. Als Fuß­baller war er genial, keiner konnte so scharf mit dem Außen­spann schießen. Einmal hat er ein Wett­schießen um fünfzig Mark mit Lothar Mat­thäus ver­an­staltet. Der Ball sollte in die Kreuz­latte, also vom Knick Latte/​Pfosten ins Tor. Es ging 8:2 für Wuttke aus.