Es war ein Freitag im Juli, als Juventus Turin die Ver­pflich­tung von Ste­phan Licht­steiner ver­kün­dete. 10 Mil­lionen Euro war man nach Rom an Lazio zu über­weisen bereit für den schwei­ze­ri­schen Rechts­ver­tei­diger. Das Ja zu Licht­steiner bedeu­tete zugleich ein Nein zu Andreas Beck von der TSG Hof­fen­heim. Man wähnte sich jetzt gut bestückt im Defen­siv­be­reich, zumal vorher auch schon Reto Ziegler von Sam­pdoria Genua und Andrea Pirlo aus Mai­land gekommen waren. Warum diese Namens­jon­glage? Weil sie noch mehr als alle ver­passten inter­na­tio­nalen Plätze und Trai­ner­wechsel zeigt, dass Juventus Turin schon längst nicht mehr zu den Großen gehört.

Natür­lich ist es nicht per se schlimm, wenn ein Verein dazu über­geht, klei­nere Bröt­chen zu backen. Vor allem im her­un­ter­ge­wirt­schaf­teten Calcio könnte man das als neue Beschei­den­heit begrüßen. Bei Juventus Turin aller­dings geht diese Annahme ins Leere. Der Verein will mit­nichten bescheiden sein oder kleine Bröt­chen backen. Nach der ver­korksten letzten Saison kün­digte Andrea Agnelli mit lautem Getöse an, viel Geld in die Hand nehmen und an die gol­denen Zeiten anknüpfen zu wollen. Einige Spieler, die dieses Jahr gekommen sind, haben nicht kapiert, was Juventus bedeutet, und die, die es schon wussten, haben es anschei­nend ver­gessen“, zürnte der Prä­si­dent nach Platz sieben im Mai 2011.

Vorbei die Zeit der Zidanes und Tre­ze­guets

Ein Narr aber, wer ver­mue­tete, nun würde inter­na­tio­nale Welt­klasse im Stadio Olym­pico ein­ziehen. Licht­steiner, Ziegler und Beck bilden die Spie­ler­ka­te­gorie, die in der Som­mer­pause über­haupt noch Inter­esse an einem Enga­ge­ment beim Tra­di­ti­ons­verein hat. Im letzten Sommer waren es Simone Pepe, Milos Krasic, Andrea Bar­zagli und Luca Toni, die ins schwarz-weiße Trikot schlüpften. Vorbei ist die Zeit, da die Zidanes, Tre­ze­guets und Davids‘ zu den Bian­co­neri wech­selten. Wenn sich das Manage­ment in dieser Som­mer­pause, aber auch schon im letzten Winter, dann doch mal an klin­genden Namen ver­suchte, kam die Absage so schnell wie ein Return von Roger Federer: Klaas-Jan Hun­telaar, Frank Ribéry und Sergio Aguero waren unter denen, die dem 27-fachen Meister einen Korb gaben.

Dass Juventus Turin über­haupt noch bei Akteuren dieser Dimen­sion anklopft und jedes Jahr eine neue Ära beschwört, lässt ein schlimmes Dilemma ver­muten, einen Alters­kom­plex – das ver­zwei­felte Klam­mern an die Ver­gan­gen­heit. Man klam­mert, ohne zu merken, dass man klam­mert, und merkt man es doch, sperrt man sich umso hef­tiger gegen die unlieb­same Erkenntnis. Juventus Turin will nicht wahr­haben, was schon lange Wahr­heit ist. Der Klub wirkt so wie ein Boxer, der seinen Rück­tritt ver­passt hat, wie ein Literat, dem nichts Gescheites mehr ein­fallen will. Wie eine alte Dame.

Wun­der­liche Greisin statt stolzer Dame

Als solche galt man zwar auch vorher, über Dekaden hinweg, nur war das noch eine Vec­chia Signora mit Stolz und Pose, eine, vor der man den Hut zog, die Respekt gemahnte. Eine alte Dame, der man die Jahre nicht ansah. Aber jetzt, jetzt sieht man ihr die Jahre nicht nur an, man tuschelt auch. Die sport­li­chen Abstürze, sechs Trai­ner­wechsel binnen vier Jahren und nicht zuletzt eben das Trans­ferge­bahren haben die Dame wun­der­lich werden lassen. Die Signora, sie ist gestrig. Nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sie strei­chelt ver­sonnen über alte Schwarz-Weiß-Auf­nahmen, die den jungen Ziné­dine Zidane am Anfang seiner Welt­kar­riere in Turin zeigen. Und sie bemüht sich, betrachtet man die Akti­vität auf dem Trans­fer­markt, für ihre dritten Zähne immer noch um hoch­wer­tiges Gold, kriegt aber letzt­lich nur bil­liges Amalgam.

Die fetten Jahre sind vorbei

Früher war alles besser!“ Mit dem Kampf­schrei aller Nost­al­giker ver­suchte Juventus Turin zuletzt auch vor Gericht die Reise in die Ver­gan­gen­heit und klagte auf Wie­der­ein­set­zung als Titel­träger 2006. Die Meis­ter­schaft war den Zebras damals wegen Spiel­ma­ni­pu­la­tionen aberkannt worden. Der ita­lie­ni­sche Ver­band schmet­terte die Klage ab, Inter Mai­land bleibt Cam­pione. Der Pro­zess und vor allem das Urteil des FIGC beschreiben die Situa­tion des Tra­di­ti­ons­ver­eins aus Nord­ita­lien sehr gut. Die fetten Jahre sind vorbei. Inter statt Juve. Licht­steiner statt Aguero. Amalgam statt Gold. Die Dame ist nicht mehr als nur alt. Sie ist ver­greist.