Per Mer­te­sa­cker hat neu­lich einen schweren stra­te­gi­schen Fehler begangen. Er hat von seinem Debüt in der Bun­des­liga berichtet, in dem er als rechter Außen­ver­tei­diger zum Ein­satz gekommen ist. Selbst nach Mer­te­sa­ckers Ein­schät­zung ist das Expe­ri­ment nicht allzu glück­lich ver­laufen: Nach 45 Minuten wurde ich aus­ge­wech­selt, das war gleich­be­deu­tend damit, dass ich das nie mehr gespielt habe.“ Per Mer­te­sa­cker wird nach diesem Bekenntnis wohl auch bei der WM in Bra­si­lien nicht als Außen­ver­tei­diger auf­laufen, obwohl er in den Augen von Bun­des­trainer Joa­chim Löw eine wich­tige Vor­aus­set­zung für diesen Job mit­bringt: Er ist Innen­ver­tei­diger. Eigent­lich kann es ja nicht schaden, für meh­rere Posi­tionen ver­wen­dungs­fähig zu sein. Denn dass Mer­te­sa­cker in Bra­si­lien noch einmal als Innen­ver­tei­diger spielen wird, ist zumin­dest frag­lich.

Solide reicht Löw nicht mehr

Beim Vier­tel­fi­nale gegen Frank­reich fand sich der 29-Jäh­rige etwas uner­wartet auf der Ersatz­bank wider. Seinen Platz in der Zen­trale nahm Jerome Boateng ein. Per spielt bei uns immer unheim­lich solide“, sagte Löw. Aber solide reichte ihm gegen die Fran­zosen offen­sicht­lich nicht. Der Bun­des­trainer wollte mehr Schnel­lig­keit im Abwehr­zen­trum haben. Und der Ver­lauf des Spiels gab ihm Recht: Nur Thomas Müller sprin­tete häu­figer als Boateng, nur Mesut Özil war schneller als er.

Joa­chim Löw hat sich in der Ver­gan­gen­heit schon häu­figer als Freund end­gül­tiger Fest­le­gungen zu erkennen gegeben: Wir werden nicht von unserem System mit zwei Stür­mern abwei­chen. Es wird nicht pas­sieren, dass Özil im Sturm spielt. Ich werde nur hun­dert­pro­zentig fitte Spieler mit nach Bra­si­lien nehmen. Lahm bleibt im Mit­tel­feld. Dum­mer­weise hat sich die Rea­lität nicht immer an Löws Fest­le­gungen gehalten, inso­fern muss Per Mer­te­sa­cker die Hoff­nung nicht kom­plett fahren lassen, in Bra­si­lien noch einmal auf­zu­laufen. Die erste Option scheint er aber nicht mehr zu sein – zumal er am Sonn­abend wegen des Anflugs eines grip­palen Infekts“ als Ein­ziger nicht mit­trai­nieren konnte.

Deutsch­land hat sich an Mer­te­sa­ckers Spiel gewöhnt

Seit ziem­lich genau zehn Jahren spielt Mer­te­sa­cker nun schon für die Natio­nal­mann­schaft. Bei seinem Debüt war er gerade 20 geworden, hatte schlappe 20 Bun­des­li­ga­ein­sätze hinter sich und war für die Deut­schen ein großer Unbe­kannter. Inzwi­schen hat sich das Volk an sein Spiel gewöhnt, das ihm anfangs fremd war, weil es mit sämt­li­chen Seh­ge­wohn­heiten brach. In der Heimat der kno­chen­harten Vor­stopper hat der lange Mann aus Nie­der­sachsen gewis­ser­maßen das gewalt­freie Ver­tei­digen eta­bliert. Mer­te­sa­cker hat die Grät­sche nie benö­tigt, um seine Auto­rität zu beweisen. Aktuell aber steht dem Bun­des­trainer der Sinn wieder mehr nach Wucht, auch oder gerade in letzter Linie.

In der Kom­bi­na­tion Jerome Boateng/​Mats Hum­mels sieht Löw sein Anfor­de­rungs­profil in der Innen­ver­tei­di­gung der­zeit wohl am besten erfüllt. Gegen die Fran­zosen ragte vor allem der Dort­munder Hum­mels aus der starken deut­schen Vie­rer­kette heraus. Hum­mels ist ein Gigant“, schrieb die Gaz­zetta dello Sport“ nach dem Vier­tel­fi­nale. An Hum­mels zer­schellten die Atta­cken der Fran­zosen wie an einem Felsen im Meer. Mit dem Fuß, mit dem Bein, mit dem Knie, selbst mit seinen Bauch­mus­keln stoppte er ihre Angriffe, vor allem Karim Ben­zema schei­terte immer wieder an dem 25-Jäh­rigen. Es ist sen­sa­tio­nell, wie er die Zwei­kämpfe bestreitet“, sagte Löw. Er steht immer, er ist immer in den Zwei­kämpfen drin. Er gewinnt die Zwei­kämpfe.“

Hum­mels ist die klare Nummer Eins

Dass das Tur­nier Hum­mels in der Hier­ar­chie der Abwehr­spieler ganz nach oben spülen würde, war vor der WM nicht zu erwarten gewesen. Zum einen hatte der Dort­munder einen Teil der Rück­runde ver­let­zungs­be­dingt ver­passt; zum anderen galt Joa­chim Löw bisher nicht als großer Anhänger des Dort­mun­ders. Nie­mand konnte den Bun­des­trainer so leicht in Wal­lung ver­setzen wie Mats Hum­mels. Noch in der Vor­be­rei­tung deu­tete einiges darauf hin, dass Mer­te­sa­cker und Boateng im Zen­trum ver­tei­digen würden. Inzwi­schen aber ist Hum­mels die klare Nummer eins. Er spielte gegen Ghana, obwohl er zuvor wegen einer Ver­let­zung nur ein­ge­schränkt trai­niert hatte, und er stand auch nach seiner Erkäl­tung gegen Frank­reich wieder in der Startelf.

Neben seinen Defen­si­vqua­li­täten besitzt Hum­mels auch in der Offen­sive einen beson­deren Mehr­wert für die Mann­schaft. Der Mats ist im offen­siven Kopf­ball­spiel eine unglaub­liche Waffe“, sagt Löw. Schon gegen Por­tugal traf er nach einem Stan­dard von Toni Kroos, gegen Frank­reich erneut. Eine Methode steckt nicht dahinter“, sagte Hum­mels. Ich hatte ein­fach das Glück, am rechten Fleck zu stehen.“ In der Bun­des­liga ist ihm das zuletzt selten gelungen, da war ich ein biss­chen unzu­frieden mit meiner Kopf­ball­aus­beute“. Nur drei Tore erzielte Mats Hum­mels in den jüngsten beiden Spiel­zeiten. In der Natio­nal­mann­schaft hat er das in den ver­gan­genen acht Län­der­spielen geschafft.