Jörg Schmadtke, Mirko Slomka, die Tages­presse zeichnet kein beson­ders freund­schaft­li­ches Bild Ihrer Part­ner­schaft. Klären Sie uns auf: Wie gut ver­stehen Sie sich denn nun?

Mirko Slomka: Was da berichtet wurde, ist schon ziem­lich wirr und war wohl dem Som­mer­loch geschuldet. Eines ist klar: Wenn ein Manager einen Trainer ver­pflichtet und der ver­liert zum Start sechsmal hin­ter­ein­ander, würde es wohl nir­gends Schul­ter­klopfen geben.



Jörg Schmadtke:
Ich habe auch über­haupt kein Pro­blem damit, wenn man sich kon­tro­vers aus­tauscht. Wichtig ist nur: Es muss ziel­ge­richtet sein und dem Klub wei­ter­helfen.

Slomka:
Der ent­schei­dende Ein­schnitt in unserer Kom­mu­ni­ka­tion war ein Kurz­trai­nings­lager im April in Bad Sege­berg, kurz vor dem HSV-Spiel. Da hatten wir drei Tage Zeit, um einige Sachen zu bespre­chen und haben dafür gesorgt, dass der Aus­tausch zwi­schen uns fortan besser klappt.

Noch im Juli nannte Prä­si­dent Martin Kind Ihr Ver­hältnis aber ent­wick­lungs­fähig. Wenn wir den bis­he­rigen Sai­son­ver­lauf betrachten, wirkt es fast wie eine Stra­tegie, dass der Trainer dem Manager vor­wirft: Der besorgt mir nicht die rich­tigen Spieler.“ Und der Sport­di­rektor dem Trainer mit­teilt: Der setzt die Spieler nicht richtig ein.“ So haben Sie ganz unkon­ven­tio­nell die Spieler aus dem Fokus der Medien genommen.


Slomka:
Das ist nun aber sehr schlicht for­mu­liert.

Zuge­geben, wir haben etwas zuge­spitzt.

Slomka: Das Zitat stimmt auch gar nicht, das habe ich nie gesagt.

Schmadtke:
Ich über­lege gerade, aber so kann ich es auch nicht bestä­tigen.

Jörg Schmadtke, über den Transfer Ihres neuen Stür­mers Moritz Stop­pel­kamp haben Sie gesagt: Nicht jeder bei uns wollte ihn haben.“ Der Satz war ein Sei­ten­hieb auf ihren Trainer.

Schmadtke: Stop­pel­kamp haben wir ver­pflichtet, als wir noch gar nicht wussten, ob wir erste oder zweite Liga spielen würden. Da war noch gar nicht klar, wer hier in der nächsten Saison Trainer sein würde. Daraus wurde dann später gemacht: Slomka wollte ihn nicht, aber der Schmadtke. Es ging um einen ablö­se­freien Spieler, bei dem ich über­zeugt war, dass er in beiden Ligen funk­tio­niert. Wir konnten uns damals nicht dar­über aus­tau­schen, weil Mirko mit ganz anderen Dingen beschäf­tigt war, vor allem mit der Frage: Wie geht es über­haupt weiter?

Slomka: Es war sehr viel in der Schwebe zu dem Zeit­punkt.

Mal ganz anders gefragt: Wann waren Sie das letzte Mal zusammen ein Bier trinken?

Slomka: Wir haben im Trai­nings­lager immer wieder die Gele­gen­heit, bei einem Glas Wein zusammen zu sitzen. Aber unser täg­li­ches Tun spannt uns so ein, dass kaum Zeit für gemein­same Unter­neh­mungen ist. Jörg hat viel mit dem Verein ins­ge­samt zu tun, ich mit der Mann­schaft. Aber es ist gibt einen stän­digen Aus­tausch. Schließ­lich gibt es moderne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien wie Telefon und SMS.

Schmadtke: Wir müssen uns ja nicht gegen­über­sitzen, um gemeinsam Ent­schei­dungen zu treffen.

Slomka:
Zumin­dest die wich­tigen Ent­schei­dungen, die in der Schnitt­menge unserer beider Auf­ga­ben­be­reiche liegen.

Wo liegen denn in Ihren Arbeits­be­rei­chen die Schnitt­mengen?

Slomka: Bei der Lizenz­mann­schaft und in Teilen der Nach­wuchs­ar­beit. Weil ich aus dem Nach­wuchs gerne einen Spieler hoch hole und Jörg es gerne sieht, wenn wir einen Nach­wuchs­spieler mit­nehmen. Außerdem gibt es auch rein sport­liche Über­schnei­dungen: Jörg besitzt ja einen Trai­ner­schein, der ihn auch sichtbar dazu qua­li­fi­ziert, mir Hin­weise zu geben, etwa wel­cher Spieler aus dem Nach­wuchs für mich inter­es­sant sein könnte.
Wenn der Manager sich mit ums Sport­liche küm­mert, kann er einen Trainer damit auch ziem­lich schnell nerven.

Schmadtke: (lacht) Das kann man unter­schied­lich aus­legen.

Slomka: Es ist defi­nitiv immer ein Vor­teil. Ich könnte gar nicht ohne einen Manager. Dieses Gebilde von Felix Magath, der Manager und Trainer in Per­so­nal­union ist, da wüsste ich rein zeit­lich gar nicht, wie ich das bewerk­stel­ligen sollte.


Sie haben in der ver­gan­genen Saison gemeinsam eine recht ner­ven­auf­rei­bende Zeit erlebt. Wie haben Sie den Nicht­ab­stieg mit­ein­ander gefeiert?

Slomka: Sie meinen, ganz privat und ganz per­sön­lich?

Ja.

Slomka: Gar nicht – oder haben wir irgendwas gemacht, Jörg?

Schmadtke:
Wir haben es weder erzwungen, noch hat es sich zeit­lich ergeben. Wir führen in Han­nover auch recht gegen­sätz­liche Leben. Mirko lebt hier mit seiner Familie, ich bin alleine, weil meine Familie in Düs­sel­dorf geblieben ist. Aber ich kann Sie beru­higen: Ich bin auch mit meinen frü­heren Trainer nie feiern gegangen. Dafür bin ich nicht der Typ. Ich habe ein gene­relles Pro­blem mit Small-Talk und bin auch kein Par­ty­gänger. Ich sitze gerne allein in der Ecke und habe meine Ruhe. Womit ich jetzt nicht gesagt haben will, dass der Mirko ein Par­ty­gänger ist.

Slomka: Bin ich auch nicht – zumin­dest nicht mehr. (lacht)

Vor der Zeit bei Han­nover 96 haben Sie beide unab­hängig von­ein­ander jeweils eine Krise durch­laufen…

Schmadtke: Wovon reden Sie denn, wann habe ich eine Krise gehabt? Ich war keinen Tag arbeitslos.

Slomka: Selbst, wenn man arbeitslos ist, heißt das nicht, dass man eine Krise hat.

Schmadtke:
Aber ich weiß doch, worauf die 11 FREUNDE hin­aus­wollen. Also nur zur Infor­ma­tion: Ich bin einer der wenigen Bun­des­li­ga­ma­nager, deren Ver­trag in einem Betrieb aus­lief und der direkt bei einem neuen Klub ange­fangen hat.

Sie waren aber sieben Monate frei­ge­stellt.

Schmadtke:
Die für meine per­sön­liche Psycho-Hygiene sehr gut und wichtig waren. Wenn man so intensiv arbeitet wie ich, sieht man plötz­lich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Wie haben Sie sich Ihre freie Zeit ver­trieben?

Schmadtke: Ich habe erst einmal vier Wochen vom Fuß­ball abge­schaltet. Und weil ich einen Freund brauchte, der nichts mit Fuß­ball zu tun hat, habe ich mir einen Hund gekauft. 

Slomka:
Ich habe zwar keinen Hund, aber meine kleinen Kinder haben sich auch gefreut, dass ich mal öfter zuhause war. Außerdem war ich auf der anderen Seite unter­wegs, habe als TV-Experte gear­beitet. Und ich habe bei Trai­ner­kol­legen vorbei geschaut.

Wann haben Sie wieder ange­fangen, sich auf Fuß­ball­plätzen rum­zu­treiben und Spieler zu beob­achten, Jörg Schmadtke?

Schmadtke: Nach knapp einem Monat. Mein Job ist es schließ­lich, eine Mann­schaft zusam­men­zu­stellen. Und dafür brauche ich ein prall­ge­fülltes Notiz­buch mit Namen von hoff­nungs­vollen Spie­lern.

Wie stellt man denn eine Mann­schaft zusammen?

Schmadtke:
Das kann man nur am Ein­zel­fall beschreiben. Es gibt da keine Uni­ver­sal­lö­sung.

Welche Vor­aus­set­zungen sind in Han­nover für Ihre Arbeit wesent­lich?

Schmadtke:
Dass wir mit einem sehr engen Budget ein bun­des­li­ga­reifes Team zusam­men­stellen müssen. Uns fehlt hier die wirt­schaft­liche Frei­heit, um noch besser agieren zu können. Wir müssen bei einigen Top-Ver­die­nern, die momentan nicht die Leis­tung bringen, beim Gehalt ein wenig nach­jus­tieren, um etwas mehr Geld für Neu­ver­pflich­tungen zu haben.

War Han­nover 96 bezüg­lich seiner Trans­fers in den letzten Jahren ein Stück­weit dem Grö­ßen­wahn anheim gefallen?

Schmadtke: Even­tuell wurden manche Dinge falsch ein­ge­schätzt, aber hier ist nie­mand grö­ßen­wahn­sinnig. Es ist nun mal nicht leicht, sich den Rea­li­täten der Bun­des­liga zu beugen. Aber auch hier hat man inzwi­schen ver­standen: Die Umsätze der Klubs liegen zwi­schen 270 und 40 Mil­lionen. Fünf bis zehn Mil­lionen kann man mit einer guten Pla­nung viel­leicht auf­holen bzw. aus­glei­chen, aber doch nicht 50 oder sogar 100 Mil­lionen!

Der FSV Mainz 05 beweist gerade das Gegen­teil.

Schmadtke: Bei denen funk­tio­niert gerade alles, aber ich glaube nicht, dass sie die Saison so geplant haben. Die pflegen ihren Lauf und haben einen Modus gefunden, wie sie sich nicht von den Stör­fak­toren, die mit so einem Erfolg ein­her­gehen, beein­träch­tigen lassen. Mal sehen wie lange das gut geht.

Mit Ale­mannia Aachen haben Sie in Ihren sieben Jahren als Manager doch einen ähn­li­chen Erfolg gehabt.

Schmadtke: Ansatz­weise.

Sie haben den Verein aus der zweiten Liga bis in den UEFA-Cup geführt. Wie geht das?

Schmadtke: Indem man alles nicht so ernst nimmt und manchmal ein­fach die Dinge laufen lässt.


Mirko Slomka, Sie haben sich in der Zeit nach Ihrer Ent­las­sung auf Schalke mit Ihrer Situa­tion auch öffent­lich geha­dert. Sie haben bemän­gelt, dass bei offenen Stellen in den Medien oft Ihr Name fällt, Sie dann aber – viel­leicht gerade des­halb – nicht genommen wurden.

Slomka: So war es ja nun nicht: Ich war sowohl in Wolfs­burg, als auch beim HSV im Gespräch und habe mit den Klubs sehr inter­es­sante Gespräche geführt. Nur war da jeweils noch ein anderer Kan­didat mit im Rennen, der am Ende wohl besser bewertet wurde. Zuge­geben, das war sehr frus­trie­rend, schließ­lich bin ich Sportler und als sol­cher will ich immer gewinnen. Aber man muss auch akzep­tieren, wenn ein anderer besser war. Die Ironie ist, dass mir damals Armin Veh in Wolfs­burg vor­ge­zogen wurde – der inzwi­schen bereits Nach­folger meines Kon­tra­henten beim HSV, Bruno Lab­badia, ist. So schnell­lebig ist das Geschäft.

Gibt es etwas ganz Spe­zi­fi­sches, was Sie in der Zeit nach der Ent­las­sung auf Schalke dazu­ge­lernt haben?

Slomka: Ich weiß jetzt, wie Medien funk­tio­nieren. Ich weiß, wel­cher Zeit­druck dort herrscht und wel­chen Druck die Kol­legen hinter den Kulissen haben. Ich habe ver­standen, dass auch Jour­na­listen – so wie ich als Coach – an dem Pro­dukt Fuß­ball mit­ar­beiten. Und dass ich es respek­tieren muss, auch wenn mir nicht jede Geschichte in 11 FREUNDE oder in der Sport­bild gefällt.

Sind Sie heute mit den Kol­legen gedul­diger?

Slomka:
Nicht immer, aber ich habe inzwi­schen grö­ßeres Ver­ständnis für manche Artikel und es fällt mir leichter zu denken: Was soll’s, morgen erscheint die nächste Zei­tung.“

Jörg Schmadtke, was waren eigent­lich die Gründe, Mirko Slomka nach Han­nover zurück zu holen.

Schmadtke: Erst einmal mussten wir ent­scheiden, uns von Andreas Berg­mann zu trennen. Das hört sich von außen immer so ein­fach an, dabei sind Ent­las­sungen emo­tional auch für die Ent­scheider sehr schwierig. Als das Thema durch war, haben wir uns mit dem Markt befasst und Mirko relativ schnell zu einem Gespräch geladen. 

Wie hat er Sie über­zeugt?

Schmadtke:
Mirko kommt aus der Stadt, er kennt das Umfeld, hat eine hohe Ver­bun­den­heit zu dem Klub – und er hatte län­gere Zeit keinen Job. Wir konnten also davon aus­gehen, dass auch bei ihm das Eigen­in­ter­esse sehr hoch war, das Ding hier hin­zu­biegen.

Aber ein Trainer will doch immer erfolg­reich sein, wenn er einen neuen Job antritt, oder?

Schmadtke:
Natür­lich. Aber wenn jemand 800 Kilo­meter von Zuhause arbeitet, ist es immer noch etwas anderes, als wenn er und seine Familie aus der Stadt kommen, wo der Klub spielt.

Slomka:
Ich war wohl in einer Situa­tion, die in diesem Moment zu dem Klub passte. Ich wusste ziem­lich genau über den Verein Bescheid, kannte die Pro­ble­matik um den Tod von Robert Enke. Ich hatte dazu in der Markt­kirche sogar eine Andacht gehalten.

Sie hatten 2004 nach zehn Jahren bei Han­nover 96 den Dienst quit­tiert. Für so einen Schritt muss sich ein Trainer auch ein Stück­weit abna­beln.

Slomka: Ich habe aber nie mit 96 abge­schlossen. Ich war auch wäh­rend meiner Arbeits­lo­sig­keit immer wieder hier, nicht weil ich auf einen Job spe­ku­lierte, son­dern weil mich der Klub inter­es­sierte.

Schmadtke: Dazu muss man sagen, dass Mirko in einer anderen Posi­tion zurück­ge­kehrt ist. Er ging als Co-Trainer. Wenn er damals als Chef­trainer ent­lassen worden wäre, hätte ich seine Rück­kehr pro­ble­ma­tisch gesehen. Denn in sol­chen Fällen kann es pas­sieren, dass der Betref­fende von den Erfolgen der Ver­gan­gen­heit erdrückt wird. Die Erwar­tungen bei den Fans sind mit­unter sehr hoch.


Im morgen erschei­nenden zweiten Teil unseres großen Inter­views spre­chen Mirko Slomka und Jörg Schmadtke über die Folgen des Todes von Robert Enke und die bri­sante Per­so­nalie Jan Schlaud­raff.