Hier eine (unvoll­stän­dige) Liste von Fuß­bal­lern, die 2010 ordent­lich abge­lie­fert haben: Andres Iniesta, Thomas Müller, Kevin Kuranyi, Luis Suarez, Thomas Meu­nier. Iniesta schoss Spa­nien zum WM-Titel, Müller wurde WM-Tor­schüt­zen­könig, Kuranyi brachte es immerhin auf 18 Bun­des­li­ga­tore für Schalke, Suarez biss nie­manden in den Hals und Meu­nier, nun ja, lie­ferte Tag für Tag die Post ab. So wie man das eben macht als Post­bote.

Denn der Mann, der ab der kom­menden Saison die rechte Außen­bahn von Borussia Dort­mund beackern soll und dessen Vier­jah­res­ver­trag sich der BVB mit allem drum und dran angeb­lich knapp 50 Mil­lionen Euro kosten lässt, war vor zehn Jahren kein Profi, son­dern ein ganz nor­maler Arbeiter. Klar, er spielte schon Fuß­ball, aller­dings in der dritten bel­gi­schen Liga bei Royal Excel­sior Virton, wo es im Monat nur knapp 400 Euro zu ver­dienen gab. Was auch mit 18 Jahren zum Leben nicht reicht. Wes­halb der Alltag von Meu­nier im Jahr 2010 laut eigener Aus­sage wie folgt ablief: Auto anhalten. Aus­steigen. Zum Brief­kasten laufen. Die Post ein­werfen. Zurück zum Auto laufen. Wieder ein­steigen. Zum nächsten Haus fahren. Wieder das gleiche machen. Alle zehn Meter.“ Nach den Schichten, so beschreibt er es in einem Text für The Players’ Tri­bune, sei er kör­per­lich stets so am Ende gewesen, dass er den kom­pletten Nach­mittag über geschlafen habe.

Fucking hell man, du warst mies!“

Meuniers Kollegen über Meunier

Geschichten wie die von Meu­nier gibt es im aus­ge­leuch­teten Fuß­ball von heute eigent­lich nicht mehr. Talente werden ges­coutet, bevor sie sich selbst die Schuhe binden können, im Grund­schul­alter geht es dann in die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der großen Ver­eine. 14-Jäh­rige werden von Bera­tern umschwirrt und fangen an, mit Fuß­ball mehr Geld zu ver­dienen als ihre Eltern im Büro, die Sai­son­sta­tis­tiken von 15-Jäh­rigen lassen sich auf trans​fer​markt​.de nach­lesen. Wer gut genug ist, wird wenige Jahre später Profi. Wer nicht gut genug ist, wird aus­sor­tiert. Und Meu­nier war eigent­lich nicht gut genug.

Wes­halb seine Kar­riere fast vorbei gewesen wäre, bevor sie richtig ange­fangen hatte. 

2007, da ist er 15 Jahre alt, setzt Stan­dard Lüt­tich ihn vor die Tür. Aus der Traum. Zu schlecht. Meu­nier ver­lässt das Klub-Internat, zieht wieder zurück nach Hause zu seiner Mutter ins 2000-Seelen-Ört­chen Sainte-Ode und spielt nur noch nebenher, aus Jux. Bei Virton schießt er, damals noch Stürmer, zwar auch in der ersten Mann­schaft auf Anhieb seine Tore, viele sogar und auch einige beson­ders schöne, aber wer zur Hölle soll einen wie ihn denn jetzt noch ent­de­cken? Mitten in der bel­gi­schen Pro­vinz? Wo er doch eigent­lich schon längst geschei­tert ist? Eben. Also der Job bei der Post. Und danach der Job in der gigan­ti­schen Auto­teile-Fabrik von Bas­togne. Schei­ben­wi­scher in Trucks laden, bevor sie nach China ver­schifft werden oder sonst wohin, jeden Tag, von 06:00 Uhr mor­gens bis 14:00 Uhr am Mittag. Sieben Stunden und 36 Minuten ackern, 24 Minuten Pause, 1500 Schleifen im Monat. Biss­chen Kaffee trinken, biss­chen Karten kloppen mit den Kol­legen, danach zum Trai­ning nach Virton fahren, biss­chen knö­deln mit den Kum­pels. Ein ganz nor­maler Arbeiter eben.

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Thomas Meu­nier kurz nach seinem Wechsel zu Brügge in Bas­togne, der kleinen Stadt, in der er einst für 1500 Euro im Monat ackerte.

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Die Kol­legen in der Fabrik werde ich nie ver­gessen“, sagt Meu­nier heute. Wir wurden Freunde, sie waren große Fuß­ball­fans. Sie inter­es­sierten sich für Virton, sie schauten meine Spiele. Und wenn wir ver­loren, kann man sich ja vor­stellen, wie sie mich am Mon­tag­morgen fertig gemacht haben: Fucking hell man, Du warst mies!“ Auch die Kol­legen von damals haben Meu­nier nicht ver­gessen. Er hat sich mit uns hier sehr gut ver­standen“, wird sein ehe­ma­liger Vor­ar­beiter Pierre Pon­celet in der fran­zö­si­schen Tages­zei­tung Le Pari­sien zitiert. Bevor er zu Brügge gewech­selt ist, ist er extra nochmal in die Per­so­nal­ab­tei­lung gegangen. Um zu sagen, dass er nach seiner Fuß­ball­kar­riere zurück­kehren und wieder in der Fabrik arbeiten wird.“ Auf dem Spind mit der Nummer 114 steht noch immer Meu­niers Name. Auch wenn er hier nur ein paar Monate gear­beitet hat und vor fast zehn Jahren wei­ter­ge­zogen ist. Das Papier­schild­chen ist zwar etwas abge­nutzt, aber absicht­lich abrub­beln wird es nie­mand. Dafür sind sie viel zu stolz auf ihn.