Alex­ander Rosen, wie ist die Stim­mung bei der TSG Hof­fen­heim nach dem Urteil des DFB-Sport­ge­richts, das die Wie­der­ho­lung des Lever­kusen-Spiels ablehnte?
Am Montag und am Dienstag war die Ent­täu­schung noch groß. Aber dann ist der Blick auf das Wochen­ende gerichtet worden. Da haben wir eine richtig tolle Auf­gabe vor der Brust. Der FC Bayern kommt in unser Sta­dion – das ist eine Rie­sen­sache. Wir haben in dieser Spiel­zeit ja schon die eine oder andere Extrem­si­tua­tion weg­ste­cken müssen. Den­noch waren wir uns nicht sicher, wie unsere junge Mann­schaft diesmal reagieren würde. Aber sie hat beim 4:1‑Sieg in Han­nover eine ein­drucks­volle Ant­wort gelie­fert.

Hatten Sie vor der Ver­hand­lung tat­säch­lich auf eine Wie­der­ho­lung des Spiels gehofft?
Ja, wir haben daran geglaubt und stützten uns auf Para­graph 17 der Rechts- und Ver­fah­rens­ord­nung des DFB. Danach han­delt es sich in unseren Augen um einen beson­deren Fall von Absur­dität. Und wir lagen damit ja gar nicht so falsch. Nur war nach Ansicht des Gerichts das Tor nicht absurd“ genug – wäre der Ball 15 Meter am Tor vorbei gegangen und am Ende trotzdem irgendwie im Tor gelandet, hätte die Sache dem­nach anders aus­ge­sehen. Eine Sicht­weise, die sich uns nur schwer erschließt, wie man sich vor­stellen kann.

Man kann davon aus­gehen, dass Sie für die Ein­füh­rung der Tor­li­ni­en­technik sind.
Auf jeden Fall. Und wir waren das auch schon vor dem Lever­kusen-Spiel und dem nicht gege­benen Tor von Kevin Volland im ersten Sai­son­spiel gegen Nürn­berg. Es ist in meinen Augen nicht nach­voll­ziehbar, im Pro­fi­fuß­ball finan­zi­elle oder tech­ni­sche Argu­mente gegen die Ein­füh­rung der Tor­li­ni­en­technik anzu­führen.

Wie geht es dem Platz­wart, dem ganz offen­sicht­lich das Loch im Netz nicht auf­ge­fallen war?
Dem geht es gut. Anfangs war er natür­lich nicht glück­lich. Von uns, aber auch von der Mann­schaft gab es absolut keine Vor­würfe. Wir sind alle nur Men­schen – so etwas pas­siert halt mal. Zumal noch immer nicht klar ist, wann und wie das Loch da reinkam. Viel­leicht beim Warm­ma­chen oder bei einem frü­heren Abhängen des Netzes – nie­mand weiß es.

Nach dem bis­he­rigen Sai­son­ver­lauf dürften Sie mit der Leis­tung Ihrer Mann­schaft zufrieden sein. Das Team zeigt attrak­tiven Offen­siv­fuß­ball und hat zusammen mit dem BVB bis­lang die meisten Tore erzielt – drei mehr als der FC Bayern Mün­chen.
Das hat mit dem Spiel­ge­danken zu tun, der dahinter steckt: das schnelle Umschalt­spiel und über­fall­ar­tige Angriffe. Wir haben eine extrem junge und extrem hung­rige Mann­schaft. Sie spielt frech und mutig nach vorne. So soll das auch sein. Um gleich die nächste Frage vor­weg­zu­nehmen, die Sie wahr­schein­lich gestellt hätten: Ja, wir kas­sieren auch sehr viele Tore. Das zeigt, dass manchmal die Balance fehlt. Daran muss noch gear­beitet werden.

Kann man mit einer derart offen­siven Aus­rich­tung gegen den FC Bayern bestehen?
(Lacht) Bayern Mün­chen – das ist der­zeit viel­leicht die beste Mann­schaft der Welt. Bayern ist nur zu schlagen, wenn man selbst einen ganz beson­deren Tag erwischt. Da muss vieles zusammen kommen. Aber in Frei­burg hat Bayern einen Punkt abge­geben. Und in Lever­kusen auch – obwohl das nach dem Spiel­ver­lauf und dem Chan­cen­ver­hältnis fast skurril war. Lassen wir uns über­ra­schen, was sich Markus Gisdol ein­fallen lässt.

Als Sie mit Markus Gisdol Anfang April die Lei­tung bei der TSG Hof­fen­heim über­nahmen, lag der Klub auf Platz 17. Sie waren vom Leiter des 1899-Nach­wuchs­zen­trums zum Direktor Pro­fi­fuß­ball auf­ge­stiegen. Beschreiben Sie die Situa­tion, die Sie vor­fanden. 
Uns wurde schnell klar, dass da in der Kader­struktur etwas aus dem Ruder gelaufen war. Wir hatten 47 Spieler unter Ver­trag. Und wir mussten fest­stellen, dass unsere Iden­tität, unsere DNA ver­loren gegangen war. Es hat viele ver­wun­dert, dass wir zunächst nicht den Klas­sen­er­halt als pri­märes Ziel aus­ge­geben haben, son­dern unseren Weg, den wir gehen wollen, skiz­zierten. Drei Säulen bilden dabei die Grund­lage. Ers­tens: Der Klub soll sich wieder über die Art und Weise, wie Fuß­ball gespielt wird, defi­nieren. Zwei­tens: Es sollen junge Spieler aus der eigenen Aka­demie ein­ge­baut werden. Und Beschei­den­heit im Auf­treten ist die dritte Säule. Was wichtig war: Wir haben gesagt, dass wir diesen Weg ligau­n­ab­hängig gehen wollen.

Aber wäre der Abstieg in die zweite Liga nicht der Anfang vom Ende des Hof­fen­heimer Modells gewesen?
Nein, das glaube ich nicht. Wir wären unseren Weg auch in der 2.Liga genauso kon­se­quent gegangen, aber wir sind natür­lich sehr froh, dass der Abstieg noch ver­hin­dert worden ist

Sie spra­chen von über 40 Spie­lern im Kader. Wie kam diese unglaub­liche Zahl zustande?
Das war wohl vor allem ein Resultat der vielen Wechsel auf dem Posten des Trai­ners und sport­li­chen Lei­ters. Jeder wollte seine eigenen Ideen ein­bringen. Ich möchte da nie­mandem einen Vor­wurf machen.

Sie mussten Spie­lern sagen, dass kein Platz mehr für Sie im Kader ist.
Es ist nicht ange­nehm, solch harte Ent­schei­dungen zu treffen und die ent­spre­chenden Gespräche zu führen. Aber es gab keine Alter­na­tive. Man kann nicht mit 47 Leuten trai­nieren, das ist unmög­lich.

Es wurde die inzwi­schen wieder auf­ge­löste Trai­nings­gruppe zwei“ mit aus­sor­tierten Spie­lern – dar­unter Tim Wiese – gebildet. Eine Maß­nahme, die für Gesprächs­stoff sorgte.
Wir haben diese Gruppe aus dem Gefühl der Ver­ant­wor­tung heraus gegründet. Die Spieler, die dazu­ge­hörten, hatten einen Fuß­ball-Lehrer als Trainer, eigene Phy­sio­the­ra­peuten, Betreuer und Ath­le­tik­trainer sowie Zugang zu den Ärzten. Es wurden auch Freund­schafts­spiele orga­ni­siert. Wir haben diese Spieler nicht ein­fach nur in den Wald zum Laufen geschickt, son­dern ver­sucht, ihnen opti­male Bedin­gungen zu bieten. Nach Ende der Trans­fer­pe­riode waren es noch vier Spieler, die dann in die U23-Mann­schaft ein­ge­glie­dert werden konnten. Tim Wiese macht auf eigenen Wunsch Ein­zel­trai­ning.

Ein Spieler, den Sie sicher nicht abgeben wollen, ist Kevin Volland. Auf­grund seiner über­ra­genden Auf­tritte im 1899-Dress wird er Ihnen noch viel Arbeit machen – weil die Manager von großen Klubs um ihn buhlen werden.
(Lacht) Er hat mich jetzt schon viel Arbeit gekostet. Kevin hatte ein Ver­trag bis 2015 und der wurde im Juli um zwei wei­tere Jahre ver­län­gert. Das war ein tolles Zei­chen.

Mit wel­chen Argu­menten konnten Sie Volland von der Ver­trags­ver­län­ge­rung über­zeugen?
Ich musste ihn nicht dazu über­reden. Ent­schei­dend waren die beiden letzten Monate der ver­gan­genen Saison. Kevin hat klar wahr­ge­nommen, wie die Aus­rich­tung unter Markus Gisdol aus­sieht und wie der Kader sowie das Trai­ner­team zusam­men­ge­stellt ist. Er hat gesehen, wohin es geht. Aber ich mache mir da keine fal­schen Illu­sionen, es wird in Hof­fen­heim immer wieder Spieler geben, deren Qua­lität sich so positiv wei­ter­ent­wi­ckelt, dass wir sie hier irgend­wann nicht mehr halten können.

Sie sind gebür­tiger Augs­burger. Haben Sie noch Bezug zur Fug­ger­stadt?
Auf jeden Fall, ich bin in Augs­burg geboren und meine Eltern wohnen in Mering. Ich bin sogar noch Mit­glied beim FC Augs­burg. Der FCA ist meine fuß­bal­le­ri­sche Heimat, dort habe ich in der Jugend und in der 1. Mann­schaft gespielt. Mein Groß­vater Ger­hard Niklasch war Mann­schafts­ka­pitän beim BC Augs­burg, wie der Klub damals hieß, und spielte mit Helmut Haller zusammen. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis­lang noch nicht im neuen Augs­burger Sta­dion war. In drei Wochen wird es soweit sein, dann kommen wir zum Aus­wärts­spiel nach Augs­burg. Ich freue mich schon riesig darauf.

Bei so viel Ver­bun­den­heit mit dem FCA liegt es doch nahe, dort auch mal als Manager zu arbeiten.
(Lacht) Im Fuß­ball kann man nur wenige Dinge aus­schließen. Aber der­zeit ist das kein Thema. Mein Ziel ist es, hier in Hof­fen­heim lange Zeit eine erfolg­reiche Arbeit zu leisten.