Sönke Gold­beck, Sie kri­ti­sieren mit der AG Sta­di­onbau seit einigen Monaten das Ver­eins­vor­haben, eine Sta­di­onwache in der neuen Gegen­ge­rade zu inte­grieren. Welche Folgen wird denn eine Poli­zei­wache am Mil­l­erntor haben?
Die direkte Aus­wir­kung wäre eine deut­liche Behin­de­rung des Ver­eins-Wachs­tums. Wir sind nicht mehr der Verein von 2006, das Sor­gen­kind am Rande des Bank­rotts, son­dern haben seitdem die Zahl der Mit­glieder ver­viel­facht, sind sport­lich erfolg­reich und kul­tu­rell, sozial und wirt­schaft­lich ein rele­vanter Faktor in Ham­burg. Die wei­tere posi­tive Ent­wick­lung ist nicht ein rein ego­is­ti­sches Motiv der Fans oder des Ver­eins, son­dern hat auch posi­tive Effekte für die Stadt. Wir treten nicht als Bitt­steller auf, son­dern als Partner.

Die Wache wird sich direkt neben den Fan­räumen befinden. Die Anhänger monieren vor allem die ideele Unver­ein­bar­keit. Einige behaupten sogar, dass bei der Rea­li­sie­rung die Fan­ar­tikel-Ein­nahmen zurück­gehen würden.
Natür­lich werden auf­grund einer Poli­zei­wache in der Gegen­ge­rade nicht die Mer­chan­dise-Ver­käufe ein­bre­chen. Aber wir müssen uns fragen, wofür den das oft stra­pa­zierte non-estab­lished“ in unserem Ver­eins­logo steht, das uns Fans in der ganzen Welt ein­bringt, das die Wer­be­bro­schüren für unsere Busi­ness Seats ziert und das uns über große Krisen getragen hat? Das Sta­dion ist das Herz des Ver­eins und solange es kom­pro­miss­fä­hige Alter­na­tiven gibt, stehen sicher­lich viele andere Dinge auf einer Liste der Ein­rich­tungen, die wir uns darin vor­stellen können, zuvor­derst das Ver­eins­mu­seum.

Laut DFB/DFL-Sta­tuten ist eine solche Wache aber Vor­schrift.

Aktuell gibt es eine Poli­zei­wache direkt am Mil­l­ern­tor­sta­dion, die sowohl für Groß­ver­an­stal­tungen auf dem benach­barten Hei­li­gen­geist­feld, als auch für Heim­spiele des FC St. Pauli genutzt wird. Dass eine Wache laut DFB/DFL Sta­di­onhand­buch im Bereich des Sta­dions“ ein­ge­richtet werden muss, wird von uns nicht in Frage gestellt. Es geht um die Plat­zie­rung und Größe. Wir haben bereits vor mehr als einem Jahr eine Rea­li­sie­rung in der neuen Nord­kurve unter­halb des Gäs­te­blocks vor­ge­schlagen. Sowohl die Anbin­dung an den Stra­ßen­ver­kehr, als auch die Nähe zum wahr­schein­lichsten Kon­flikt­herd wären vor­teil­haft gewesen. Es sollte auch deut­lich her­aus­ge­stellt werden, dass Fuß­ball­spiele so ziem­lich die ein­zigen Groß­ver­an­stal­tungen dar­stellen, bei denen der Ver­an­stalter über­haupt der­ar­tige Kosten über­nimmt.

Wer hat über­haupt fest­ge­legt, dass diese Wache dort ent­steht?
Das ein­zige bekannte Schrift­stück dazu ist die Ent­schei­dungs­vor­lage für den Zuschuss der Stadt zum Sta­di­onbau von 2006. Dort wird aber nur eine Sta­di­onwache nach DFB-Richt­li­nien gefor­dert. Dass die in die Gegen­ge­rade kommt, ist ledig­lich Teil der all­ge­meinen Beschrei­bung des zu bau­enden Sta­dions, nicht aber eine expli­zite Bedin­gung. Zusätz­lich gibt es noch eine münd­liche Zusage des dama­ligen Prä­si­denten Corny Litt­mann, dass man beim Bau Sta­di­onwache und Dom­wache zusam­men­legen könnte. Irgend­welche Details hin­sicht­lich Größe und Kos­ten­ver­tei­lung wurden dabei aber nicht bespro­chen.

Es wurde viel über den Raum der Wache dis­ku­tiert. Sie kri­ti­sieren dabei vor allem die Größe von 585 Qua­drat­me­tern.
Zum Ver­gleich mal ein paar Bei­spiele aus anderen Sta­dien: Die kleinste Sta­di­onwache in Deutsch­land in Ingol­stadt ist 60 Qua­drat­meter groß. Ver­gleichbar mit dem Mil­l­erntor ist das Sta­dion in Duis­burg, wo es 180 Qua­drat­meter sind. Und durch die zahl­rei­chen Revier­derbys dürfte dort kei­nes­falls eine poli­zei­lich ruhi­gere Lage als am Mil­l­erntor herr­schen.

Warum wird denn am Mil­l­erntor so viel Platz benö­tigt?
Der höhere Flä­chen­be­darf kann sich nur aus den anderen Auf­gaben der Dom­wache her­leiten, die über­wie­gend gar nicht für Fuß­ball­spiele, son­dern für die Siche­rung des zwölf Wochen im Jahr statt­fin­denden Jahr­markts Dom“ vor­ge­sehen ist. Der aktuell noch für die Poli­zei­wache vor­ge­se­hene Platz ist leider gleich­zeitig der ein­zige, in der das geplante Ver­eins­mu­seum unter­ge­bracht werden kann. Eine externe Lösung ist nicht rea­li­sierbar und alle anderen ver­füg­baren Flä­chen im Sta­dion wären ent­weder zu klein oder nicht sinn­voll für den Publi­kums­ver­kehr erschließbar.

Gab es denn bisher einen Dialog mit den betei­ligten Par­teien?
Wir waren bisher aus­schließ­lich im Dialog mit dem Verein, den wir fort­lau­fend sowohl auf unsere Bedenken hin­weisen, aber auch mög­liche Alter­na­tiven lie­fern. Die Ver­hand­lungen mit der Polizei und ver­schie­denen städ­ti­schen Stellen führt der Verein. Hier ist von der Ver­eins­füh­rung viel zu lange viel zu wenig für eine Pro­blem­lö­sung getan worden. Seit einer Weile enga­giert sich Vize-Prä­si­dent Gernot Stenger, unser Ansprech­partner beim Verein, aber intensiv um eine Lösung.

Welche Lösungen wurden denn von Ihnen vor­ge­schlagen?
Unser Vor­schlag, die Poli­zei­wache unter­halb des Gäs­te­blocks zu plat­zieren, konnte nicht rea­li­siert werden, da der Verein sich an Zusagen gebunden fühlt, eine Sta­di­onwache zeit­lich mit dem Bau der Gegen­ge­rade zu bauen. Seit einigen Monaten liegt unser Vor­schlag auf dem Tisch, die alte Dom­wache unter finan­zi­eller Betei­li­gung des Ver­eins zu moder­ni­sieren oder an glei­cher Stelle eine neue Wache zu errichten.

Welche Inter­essen haben die Betei­ligten für die Inte­gra­tion der Wache in der Gegen­ge­rade?
Die Polizei will offen­sicht­lich moder­nere und geräu­mi­gere Ein­rich­tungen zum Null­tarif bekommen und das natür­lich lieber heute als in zwei Jahren. Ihre Auf­gaben kann sie grund­sätz­lich vom aktu­ellen Standort außer­halb des Sta­dions genauso erfüllen wie von einer in die Tri­büne inte­grierten Wache. Der Ver­eins­füh­rung fehlte ein­fach das Pro­blem­be­wusst­sein, wollte sich bei der Stadt beliebt machen und hat auf Miet­ein­nahmen gehofft. Das Pro­blem­be­wusst­sein hat sich inzwi­schen zum Glück wesent­lich geän­dert.

Kürz­lich schrieben Sie einen offenen Brief an den Ham­burger Innen­se­nator Michael Neu­mann. Er lehnte Gespräche mit Ihnen ab. Wie werten Sie seine Aus­sagen?
Wir haben ihn um Ver­mitt­lung gebeten, nicht zwin­gend um direkte Gespräche, zu denen wir aber natür­lich jeder­zeit bereit wären. Und er hat durchaus einen nicht-öffent­li­chen Dialog ange­boten. Der Rest seines Schrei­bens geht inhalt­lich wei­test­ge­hend am Thema vorbei, das wurde von uns aber nicht anders erwartet. Dafür muss man die Ham­burger Politik ein biss­chen kennen. Seit dem Erfolg der Schill-Partei im Jahr 2001, die mit For­de­rungen nach Law & Order auf Anhieb auf 19 Pro­zent kam, achtet die SPD darauf, dass sie bei Härte und Repres­sion von nie­mandem rechts über­holt werden kann.

Michael Neu­mann schreibt, es sei besser mit­ein­ander im Dialog zu stehen, als sich aus dem Weg zu gehen. Kann eine Poli­zei­wache neben dem Fan­pro­jekt nicht auch ein Zei­chen der Ent­span­nung sein?
Wahre Freund­schaft braucht zuweilen etwas Abstand. Ernst­haft: Dafür ist keine Poli­zei­wache nötig. Ange­bote zum Dialog gab es von Seiten der Fan­szene mehr als einmal, zuletzt im Nach­klang der Vor­fälle beim Schweinske-Cup. Hier hatten Fan­gre­mien eine unab­hän­gige, nicht bezahlte Unter­su­chung durch den renom­mierten Pro­fessor Feltes initi­iert, der zehn Jahre an der Poli­zei­hoch­schule gelehrt hat und Sach­ver­stän­diger bei der DFL ist. Also jemand, der seinen Ruf nicht für ein Gefäl­lig­keits­gut­achten aufs Spiel setzt. Die ein­zige wahr­nehm­bare Reak­tion war der Ver­such des Poli­zei­spre­chers Streiber, die Studie zu dis­kre­di­tieren ohne auf ihre Inhalte ein­zu­gehen. Trotz der­ar­tiger Miss­ach­tung steht die Tür natür­lich wei­terhin offen.

Gibt es jetzt über­haupt noch eine Chance auf eine Alter­na­tiv­lö­sung?
Wir sind jeder­zeit bereit, kon­struktiv an einer Lösungs­fin­dung mit­zu­wirken. Wich­tiger sind jedoch Gespräche zwi­schen den Ver­ant­wort­li­chen im Verein und bei der Stadt. Wir halten eine Lösung am Platz der aktu­ellen Dom­wache wei­terhin für mög­lich und haben dafür drei Punkte defi­niert: ers­tens muss zunächst mehr Zeit gewonnen werden. Ver­hand­lungen und die Suche nach einer Finan­zie­rung benö­tigen mehr als ein paar Tage und objektiv gibt es keinen beson­deren Zeit­druck. Zwei­tens muss eine ver­nünf­tige Grund­la­gen­er­mitt­lung nach­ge­holt werden – was benö­tigt die Polizei wirk­lich und was davon betrifft Fuß­ball­spiele und was andere Auf­gaben. Daran muss sich auch die Auf­tei­lung der Kosten zwi­schen Verein und Stadt ori­en­tieren. Drit­tens muss die Finan­zie­rung geklärt werden. Weder die Stadt, noch der Verein sind auf Rosen gebettet, also sind gege­be­nen­falls krea­tive Lösungen gefragt.

Sönke Gold­beck ist Mit­glied in der AG Sta­di­onbau. Die AG ist eine Gruppe von Fans und Ver­eins­mit­glie­dern aus ver­schie­denen Berei­chen und Grup­pie­rungen des Sta­dions, die die Ver­eins­füh­rung beim Neubau von Gegen­ge­rade und Nord­kurve berät und auf die Wah­rung von Fan­in­ter­essen achtet. Sie ist durch die wesent­li­chen Fan­gre­mien beauf­tragt und vom Prä­si­dium als Partner aner­kannt. Es finden regel­mäßig Treffen mit einem der Vize-Prä­si­denten und je nach Bedarf füh­renden Ange­stellten des Ver­eins statt.