Berlin, Zoo­lo­gi­scher Garten. In der legen­dären Fuß­ball-Kneipe Hanne am Zoo“ sind wir am Sams­tag­morgen mit Uwe Kli­maschefski ver­ab­redet. In Beglei­tung seiner Frau kreuzt der Bun­des­liga-Veteran von einst pünkt­lich auf, ordert über­ra­schen­der­weise ein Soft-Getränk („Viel zu früh für Bier!“) und wird in den kom­menden zwei Stunden nicht einen Schluck davon nehmen. Es gibt genug zu erzählen.



Herr Kli­maschefski, Ihren Namen ver­bindet man unwei­ger­lich mit dem FC Hom­burg, warum haben Sie den Klub eigent­lich so oft ver­lassen?


Da muss ich ganz vorne anfangen.

Wir bitten darum.

Das erste Mal bin ich nur des­halb zum FSV Mainz gegangen, weil ich nicht damit rechnen konnte, das Hom­burg den Auf­stieg in die 2. Bun­des­liga schaffen würde. Zehn Spiel­tage vor dem Ende der Spiel­zeit bekam ich ein Angebot aus Mainz, die wären dank der dama­ligen Auf­stiegs­regel sicher drin gewesen.

Da sind Sie ein­fach über­ge­laufen?

Moment, ich steckte in der Klemme. Die Regio­nal­liga wollte ich mir auf Dauer nicht antun, Hom­burg zu ver­lassen aber auch nicht. Unser dama­liger Prä­si­dent Udo Geit­linger, der war vom glei­chen Schlag wie ich. Mit dem habe einen Plan aus­ge­tüf­telt.

Der da war?


Er meinte: Uwe, unter­schreib da erstmal, und wenn wir tat­säch­lich den Auf­stieg schaffen, holen wir Dich schon irgendwie zurück.“ Als wir den Auf­stieg in der Tasche hatten, bin ich zum Präsi und habe ihn gefragt: Und nun?“ Was hat der schlaue Fuchs gemacht? Er hat den Kol­legen Her­bert Wenz von Ein­tracht Kreuz­nach ver­pflichtet und ihn einen Vier­tel­jah­res­ver­trag unter­schreiben lassen. Ich bin nach der Saison zu Mainz 05 gegangen.

Wie ging es weiter?

Das Vier­tel­jahr war rum, und ich stand mit Mainz auf dem fünften Platz, Hom­burg war abge­schlagen Letzter. Udo Geit­linger rief mich an: Uwe, Du musst unbe­dingt zurück­kommen!“ Das wollte ich auch, ich habe mich nie wohl gefühlt in Mainz, ich weiß auch nicht warum. Komi­sche Stadt. Jeden­falls habe ich freund­lich ange­fragt, ob ich denn wieder nach Hom­burg dürfte. Die haben natür­lich mit dem Kopf geschüt­telt. Der dama­lige Prä­si­dent war gleich­zeitig auch der Chef von Blendax, kennen Sie doch, dieses Zahn­putz­un­ter­nehmen?

Na, sicher.


Jeden­falls hat der immer mal ganz gerne einen gesoffen, und mich wollte er häufig mit am Tresen haben. Wenn er dann einen intus hatte, habe ich ihn wieder bela­bert: Mensch, lass mich doch gehen.“ Und irgend­wann hatte ich ihn soweit. Ich bin zurück nach Hom­burg gegangen, die Zei­tungen haben kurz geschrien, und dann war alles in Butter.

Ein paar Jahre später sind Sie dann nach Israel gegangen. Warum das denn?


Auch bei dieser Geschichte muss ich etwas weiter aus­holen.

Immer gerne.

Ich hatte meine Trai­ner­aus­bil­dung an der Sport­hoch­schule Köln absol­viert, zusammen mit Otto Reh­hagel und Siggi Held im letzten Jahr­gang unter der Lei­tung von Hennes Weis­weiler. Jahre später, Hennes trai­nierte Mön­chen­glad­bach, ich den FC Hom­burg, rief er mich an. Uwe“, sagt er, du weißt doch, dass ich mit der Borussia in Israel war.“ Jawohl, das wusste ich. Die Glad­ba­cher waren als eine der ersten deut­schen Sport­mann­schaften nach Israel ein­ge­laden worden, damals knüpften beide Länder erst­mals wieder zarte Bande.

Was hat Weis­weiler Ihnen gesagt?


Er raunte nur durchs Telefon: Uwe, Du musst für ein Jahr als Trainer nach Israel gehen.“ Ich sagte: Herr Weis­weiler, das geht nicht, ich trai­niere doch in Hom­burg.“ – Uwe“, sagt er nur, Du musst das machen, ich habe denen schon zuge­sagt.“

Und wieder hat Sie Ihr Prä­si­dent ein­fach so gehen lassen?

Wie gesagt, mit dem konnte ich ganz gut reden. Meine Frau war zunächst sehr skep­tisch, wir hatten schließ­lich zwei kleine Kinder, sie hat noch gesagt: Mensch, die schreiben doch da von rechts nach links!“ Am Ende habe ich sie über­reden können, wir haben unsere Woh­nung in Kai­sers­lau­tern hinter uns abge­schlossen und sind ab nach Israel zu Hapoel Haifa.

Wie lief das Jahr für Sie ab?

Zwei Spiel­tage vor Schluss standen wir auf Platz eins, das war eine Sen­sa­tion, denn Hapoel war noch nie Meister geworden. Am vor­letzten Spieltag haben wir aus­wärts bei Beitar Jeru­salem gespielt, und diese Partie werde ich nie ver­gessen.

Was ist pas­siert?


Vor dem Spiel hatte mich schon mein Dol­met­scher gewarnt, ich solle bei diesem Spiel meine Emo­tionen zurück­halten, sonst kämen wir da nicht lebend raus. Ich habe das nicht so ernst genommen. Als wir mit dem Mann­schaftsbus auf dem Weg zum Sta­dion waren, über­holten uns schon die ersten Autos mit Beitar-Fans. Ich guck aus dem Fenster und sehe nur, wie alle diese Geste hier machen (macht die Hals­ab­schneider-Geste nach). Das konnte ja heiter werden.

Wie ging es weiter?

Zwei Kilo­meter vor dem Sta­dion steckten wir plötz­lich fest, und die Jeru­sa­lemer bom­bar­dierten unseren Bus mit Steinen und häm­merten gegen die Türen. Die Polizei musste uns auf Pferden den Weg ins Sta­dion bahnen. Um es abzu­kürzen: Nach 80 Minuten stand es noch 0:0, der Punkt hätte mir schon gereicht und dann…

Ein sicht­lich ange­schi­ckerter Herr im feinen Zwirn und Horn­brille steht plötz­lich am Tisch und unter­bricht das Gespräch. Es ent­wi­ckelt sich fol­gender Dialog:

Ange­schi­ckerter Herr: Herr Kli­maschefski, eines muss ich Sie mal fragen: Warum hat es dieser Haupt­stadt­verein aus Berlin bis­lang noch nie geschafft, eine kon­stante Sache auf­zu­bauen? Ich bin Werder-Fan. Schaafs und Allofs, die machen´s. Warum schafft das die Hertha nicht?

Uwe Kli­maschefski:
Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt…

Ange­schi­ckerter Herr: Das gibt’s doch gar nicht!

Uwe Kli­maschefski:
…warum Hertha es all diesen Jahren noch nicht geschafft hat, Deut­scher Meister zu werden.

Ange­schi­ckerter Herr:
Ja, warum denn nicht?!

Uwe Kli­maschefski:
Die Ant­wort kann wohl keiner wirk­lich geben.

Ange­schi­ckerter Herr:
Haben die denn keine gute Spon­soren, oder was?

Uwe Kli­maschefski:
Na ja…

Ange­schi­ckerter Herr:
Mit so einem Monster-Poten­tial hier! Gucken Sie sich meinen kleinen Verein Werder Bremen hat, die arbeiten da kon­ti­nu­ier­lich!

Der gute Mann dreht sich um und geht zur Theke.


(Kli­maschefski leise) Ich kenne den nicht.

72 Jahre und immer noch Grou­pies!

Ich will lieber weiter erzählen. Wo waren wir?

Im Sta­dion.

Genau. Zehn Minuten vor dem Ende knallt einer von Beitar den Ball an die Latte, der von dort auf die Linie klatscht. So eine Art Wem­bley-Tor. Vor lauter Angst ent­scheidet der Schieds­richter auf Tor, und ich sehe unsere Felle davon schwimmen. Jetzt hatte ich aller­dings noch ein ganz anderes Pro­blem. Vor dem Spiel hat mir der Dol­met­scher gesagt: Uwe, wenn die Partie beendet ist: Ein Spurt in die Kabine!“ Die Zuschauer trennte nur ein grober Maschen­draht­zaun vom Spiel­feld, und mein T‑Shirt war auf dem Rücken schon total voll gerotzt. Nach dem Schluss­pfiff bin ich dann hinter meinen Spie­lern her gerannt und ab in die Kabine. Erst nach einer Stunde konnten wir end­lich abfahren. Das war mein Erlebnis in Israel. Ach ja: Die Meis­ter­schaft haben wir natür­lich auch noch ver­passt.

Nach einem Jahr sind Sie wieder nach Deutsch­land gegangen. Über­ra­schen­der­weise zum FC Hom­burg.

Der Udo hat mich halt immer wieder genommen. Ins­ge­samt war ich fünfmal weg aus Hom­burg. Und heute wohne ich wieder hier.

Von Ihnen stammt auch der legen­däre Spruch: Nur in Hom­burg darf ich unge­straft bei Rot über die Kreu­zung fahren!“

Wie gesagt, ich hatte ein hohes Ansehen in der Stadt, vor allem beim Prä­si­denten. Wenn ich mir mal wieder einen Spruch erlaubt hatte und sich die Leute bei ihm aus­heulten: Der Klima hat uns als Arsch­lö­cher bezeichnet!“, hat er gesagt: Ja und? Ihr seid doch auch Arsch­lö­cher!“ 

Welche Geschichten gibt es noch von Ihrem ehe­ma­ligen Prä­si­denten?

Sehr viele. Eine fällt mir spontan noch ein. Wir hatten mal einen öster­rei­chi­schen Spie­ler­ver­mittler zu Gast, der seinen Mann bei uns unter­bringen wollte. Wir trafen den Kerl im Hotel unseres Prä­si­denten. Ich habe mich dann abge­seilt, als es noch um etwa 500 Mark, da sollten sich die Herren ja wohl noch einigen. Ein paar Stunden später wurde ich neu­gierig und rief Gerd an. Wie es denn gelaufen wäre? Ganz gut“, meinte er, der Spieler kommt. Aber seinem Ver­mittler habe ich grade auf die Fresse gehauen.“

Wie bitte?


Das habe ich ihn auch gefragt. Aber der Typ hatte sich voll­laufen lassen und hatte ange­fangen, her­um­zupö­beln und die Teller von den Tischen zu schmeißen. Das konnte sich der Besitzer des Hotels natür­lich nicht gefallen lassen.

Ein anderer Ex-Fuß­baller kommt an den Tisch: Klaus Konie­czka, Teil der Rekord­ver­lierer-Mann­schaft Tas­mania Berlin in der Saison 1965/66.

Kli­maschefski lacht sich kaputt: Passt auf, es gab im deut­schen Fuß­ball zwei Konie­czkas: Einen, der Fuß­ball spielen konnte (er meint den Schützen des ersten Bun­des­liga-Tores: Timo Konietzka) und ihn hier! Konni, erzähl doch mal, wie viele Punkte ihr damals geholt habt!

Konie­czka zer­knirscht:
Acht Punkte.

Kli­maschefski lacht immer noch:
Konni, das ist Minus­re­kord. Tut mir leid, aber an diesem Tisch darfst du leider nicht sitzen.

Konie­czka kon­tert: Lasst Euch nichts erzählen von dem. Der konnte den Ball weiter stoppen, als er ihn schießen konnte!

(lacht)

Ok, was wolltet Ihr noch wissen? Wie ich mal einen Spieler über die Auto­bahn habe rennen lassen?

Schießen Sie los!


Das pas­sierte wäh­rend meiner Zeit als Trainer in Saar­brü­cken. Am Montag nach einem Spiel in Dort­mund, kam ich abends von einem Fan­club-Treffen und bin auf dem Weg nach Hause noch kurz in meine Stamm­kneipe, da brannte noch Licht. Und das erste, was ich sehe, ist ein betrun­kener junger Kerl, der mich anpault: So langsam, wie Deine Spieler sind, renne ich noch im Schlaf!“ Der hat nicht auf­ge­hört, mich zu nerven. Da habe ich gesagt: Junge, dann komm doch morgen früh zu uns zum Trai­ning vorbei, dann werden wir ja sehen, wie schnell du bist.“

Wie ging es weiter?


Am nächsten Morgen stehe ich schon auf dem Trai­nings­platz und warte auf meine Spieler, als Wolf­gang Seel (361 Bun­des­li­ga­spiele, 6 Län­der­spiele für Deutsch­land, d. Red.) mich fragt: Uwe, da ist irgendein Typ in der Kabine und zieht sich um.“ Und tat­säch­lich war der Kerl aus der Kneipe zum Trai­ning erschienen. Meine Spieler waren ver­wirrt, die wussten ja nicht was los war, und ich hatte auch noch keine Ahnung, was ich mit ihm anfangen sollte. Erst als wir am Mit­tel­kreis standen, fiel mir etwas ein.

Straf­runden? Medi­zin­bälle? Schuhe putzen?

Viel besser. Jungs“, sage ich, heute machen wir mal wieder unseren beliebten Auto­bahn­lauf.“ Unser Trai­nings­platz lag damals direkt an einem Auto­bahn­zu­bringer, 15 Kilo­meter vor Dud­weiler. Und du“, sage ich zu unserem Neu­ling, fängst gleich mal als Erster an. Jeder bekommt einen Vor­sprung von zwei Minuten.“ Ich musste mir ja was ein­fallen lassen, damit meine Spieler nicht rennen mussten. Und wohin, Trainer?“ – Bis zum Orts­schild von Dud­weiler, da holt der Co-Trainer euch dann später alle ab. Aber pass auf, dass Du auf dem Stand­streifen rennst, letztes Jahr haben wir Ärger mit der Polizei bekommen. Wollen mal sehen, wie schnell Du bist.“ Also rannte er los, in Stol­len­schuhen.

Und damit hatte er das Pro­be­trai­ning über­standen?


Ach was! Wir haben ja normal trai­niert, ich hatte den Typen total ver­gessen. Am nächsten Tag hat mir dann einer meiner Spieler, der in Dud­weiler wohnte, erzählt, was noch pas­siert ist. Trainer, ich wollte grade nach Dutt­weiler rein fahren und wen sehe ich auf der Leit­planke mit blu­tigen Füßen?“ Da ist der Kerl doch tat­säch­lich in Stol­len­schuhen 15 Kilo­meter über die Auto­bahn gesprintet!

Sind Sie immer so mit Pro­be­spie­lern umge­gangen?

Solche Idioten hatten wir damals dau­ernd. Selbst bei Mön­chen­glad­bach tauchten ein­fach Typen auf, die mit­trai­nieren wollten. Die konnten oft nicht unfall­frei gera­deaus gehen. Ich will Euch noch ein Bei­spiel geben.

Bitte.

In Hom­burg musst ich mal einen Geschäfts­partner meines Prä­si­denten mit­trai­nieren lassen, und den hatte ich schon gefressen, als ich sah, dass er einen dicken Por­sche neben meinen kleinen Golf parkte. Als der die Sport­ta­sche aus­packte, wusste ich schon: Der kann nichts.

Woran sieht man das denn?

Als Bun­des­li­ga­trainer siehst du doch schon am Gang, ob einer Fuß­ball spielen kann oder bei der Müll­ab­fuhr ist. Das Beste war aber, als ich den Typen frage, wo er denn spiele. Er nannte mir einen kleinen Kuh­dorf-Verein. Und wo spielst Du da in der ersten Mann­schaft?“ – Ach was“, sagt der, ich bin in der Zweiten.“ Das muss man sich mal vor­stellen, wir waren damals an der Spitze der zweiten Liga!

Was haben Sie gemacht?

Drei Übungen sollte er machen, um in die Mann­schaft auf­ge­nommen zu werden: 400-Meter-Lauf im Voll­sprint, danach zehnmal um die eigene Achse drehen und abschlie­ßend zehn Kopf­bälle.

Klingt machbar.

Die Kopf­bälle aller­dings mit einem Medi­zin­ball.

Oh…


Nach drei Kopf­bällen wollte er nicht mehr und ist in die Kabine gewankt. Einen Tag später rief mich mein Prä­si­dent an Uwe, was hast du blöder Hund mit dem Jungen gemacht? Doch nicht etwa wieder die Medi­zin­ball-Übung? Der hat mir heute Nacht das ganze Hotel­zimmer voll­ge­kotzt.“ So eine Nummer hätte ich aber nur in Hom­burg erlauben können. Woan­ders hätte man mich wohl ziem­lich bald danach gefeuert.