Der Schweiß rann Glenn Hysén über den Rücken, das weiße Shirt klebte ihm auf der Haut. Er nahm einen großen Schluck Wasser, jemand kam vorbei und sagte: Noch fünf Minuten.“ Hysén bestieg die Bühne, er wollte sehen, wie viele Men­schen sich an diesem son­nigen Juli­nach­mittag auf dem Fes­ti­val­ge­lände auf Söder­malm ver­sam­melt hatten. Offenbar meh­rere tau­send. Teufel noch eins“, dachte er und trat einen Schritt zurück. Sein Magen gab merk­wür­dige Geräu­sche von sich. In wenigen Minuten würde das Stock­holm Pride Fes­tival 2007 beginnen. Glenn Hysén sollte die Eröff­nungs­rede halten, und er wusste genau, dass ein Teil des Publi­kums das nicht wollte. Einige Tage zuvor hatte ein Ver­treter des Schwulen- und Les­ben­ver­bandes einen bis­sigen Kom­mentar geschrieben. Seiner Mei­nung nach war es eine Pro­vo­ka­tion, dass man Hysén als Spre­cher für die Eröff­nungs­feier aus­ge­wählt hatte. Die Argu­men­ta­tion zielte ins­be­son­dere darauf, dass der ehe­ma­lige Fuß­ball­star sechs Jahre zuvor einen Mann nie­der­ge­schlagen hatte, der ihn auf einer Flug­ha­fen­toi­lette bedrängte. Für den Kom­men­tator reprä­sen­tierte Hysén die häss­liche Fratze der Homo­phobie“. Auch andere Mei­nungen deu­teten an, dass er den Mann damals nicht des­halb geschlagen hatte, weil er sich bedroht fühlte, son­dern weil der andere ihn für schwul hielt.

Er ging auf die Bühne und sagte: Hey Stock­holm Pride!“

Ein Mäd­chen reichte ihm das Mikrofon: Jetzt geht’s los.“ Hysén griff danach und sah, wie seine Hand zit­terte. Nie zuvor war er so nervös gewesen, nicht einmal, wenn er den Rasen des aus­ver­kauften Wem­bley­sta­dions betrat oder einen ent­schei­denden Elf­meter schießen musste. Er beschloss, das Mikro die ganze Zeit fest ans Kinn zu pressen, damit nie­mand das Zit­tern bemerkte. Er kramte seinen Notiz­zettel hervor und sagte: Hey Stock­holm Pride!“ Ver­ein­zelter Applaus war zu hören. Hysén musste blin­zeln, die tief­ste­hende Sonne blen­dete ihn. Es ist gut, hier zu sein. Obwohl man mir die Rote Karte gezeigt und mich vor­ver­ur­teilt, ja sogar auf­ge­for­dert hat, nicht zu kommen. Ja, warum sollte gerade Glenn Hysén das Pri­de­fes­tival eröffnen?“ Dann schil­derte er seine Ver­sion des Vor­falls auf dem Frank­furter Flug­hafen. Er erzählte, welche Angst er bekam, als ihm ein unbe­kannter Mann in den Schritt fasste. Wie er dem Mann aus reinem Reflex eine ver­passt hatte. Es sei ihm nicht darum gegangen, dass es ein Mann war, der ihn ange­macht hatte, es sei ledig­lich ein Ver­tei­di­gungs­re­flex gewesen.

Danach wandte sich Hysén dem Thema zu, wegen dem man ihn ein­ge­laden hatte: Homo­phobie im Sport. Wir wollen glauben, der Umgangston in den Umklei­de­ka­binen sei hart aber herz­lich, auch wenn er nur hart ist. Wir betonen, wie gut der Sport für die Jugend sei, für alle Jugend­li­chen. Aber wie schwer ist es eigent­lich für einen 16-jäh­rigen Fuß­baller, sich vor seinen Mann­schafts­ka­me­raden zu outen?“ Hysén blickte in die Men­schen­menge und hoffte, man würde das als Kunst­pause ver­stehen. Erneut hatte er damit zu tun, die Kon­trolle über seine Hände wieder zu gewinnen. Ich selbst kenne keinen, der das gewagt hätte“, sagte er. Manchmal macht uns der Sport zu Mann­schafts­spie­lern. Aber manchmal macht er uns auch zu ängst­li­chen Her­den­tieren mit einer Schwu­len­phobie.“ Der Applaus wurde langsam lauter, seine Ner­vo­sität nahm etwas ab. Das Mikro presste er trotzdem weiter fest ans Kinn.

Wo sind all die trans­se­xu­ellen und bise­xu­ellen Natio­nal­spieler und Pro­fi­sportler?“

Wo sind die schwulen Fuß­ball­helden? Wo sind all die trans­se­xu­ellen und bise­xu­ellen Natio­nal­spieler und Pro­fi­sportler? Ich schwöre euch, es gibt sie, auch wenn vielen von ihnen das igno­rante Geschwätz in den Umklei­de­ka­binen zu den Ohren her­aus­kommt.“ Wenige Minuten später war Hysén mit seiner Rede fertig. Er klet­terte rasch von der Bühne und wurde von einer Frau mit einem Was­ser­glas in Emp­fang genommen. Men­schen kamen, klopften ihm auf die Schulter und ver­si­cherten ihm, dass es eine gute Rede gewesen sei. Doch Glenn Hysén nickte nur abwe­send. In Gedanken war er bei seinem Sohn. Gestresste Men­schen hetzen über den Kungs­ports­plats im Zen­trum von Göte­borg. Es ist schnei­dend kalt, minus 12 Grad. Ein junger Mann in einer dünnen Jacke, ganz ohne Mütze und Hand­schuhe, über­quert den Platz mit schnellen Schritten. Als Anton Hysén das Café betritt, liegen Schnee­flo­cken auf seinem rasierten Haar. Er zieht die Jacke aus, lässt sich auf den Stuhl fallen und sieht aus dem Fenster. So ein Mist“, sagt er, noch mehr Schnee.“ Anton, der vor ein paar Wochen 20 geworden ist, erzählt von seinem Tag. Der­zeit arbeitet er für eine Zeit­ar­beits­firma, zuletzt musste er bis zu neun Stunden täg­lich Häu­ser­dä­cher vom fest­ge­fro­renen Schnee befreien.

Das ist gutes Trai­ning“, sagt er und grinst. Mit dem Hand­rü­cken wischt er sich die rest­li­chen Schnee­flo­cken aus dem Gesicht, so dass die Tat­toos auf seinen beiden Unter­armen zu sehen sind. Auf dem einen Arm steht Helena “, auf dem anderen Glenn“. Mama und Papa. Die sich nun nach 25 gemein­samen Jahren scheiden lassen werden. Kürz­lich erst machten Schwe­dens Bou­le­vard­zei­tungen mit dieser Ent­hül­lung auf. War das schwierig für ihn? Was soll man machen? Meine kleine Schwester nimmt sich das mehr zu Herzen, es ist halt ab und an ein klein wenig laut und unruhig zu Hause. Doch was die Schmier­blätter angeht, und dass alle wissen, was bei den Hyséns gerade abgeht, daran hab ich mich längst gewöhnt. Das war schon immer so.“

Er über­legt kurz und lächelt. Okay, viel­leicht wissen die nicht alles…“ Zum Bei­spiel, dass Anton homo­se­xuell ist? Genau. Das wissen nur meine Familie und die engsten Freunde. Des­halb war es auch so lustig, als mein Vater beim Pri­de­fes­tival diese Rede hielt. Als er über einen 16-jäh­rigen sprach, der sich nicht traut, sich vor seinen Mann­schafts­ka­me­raden zu outen. Denn das war ja ich. Und die Leute fanden es so merk­würdig, dass gerade er die Rede halten durfte, weil er ja ach so homo­phob ist. Was für ein Schwach­sinn!“ Anton lacht. Alle waren über­zeugt, dass mein Vater etwas gegen Homo­se­xu­elle hat. Er ist ja der Typ dafür, macht derbe Scherze und so. Man könnte ihn fast für einen Ras­sisten halten, wenn er seine Witze reißt. Dass nun gerade er einen schwulen Sohn haben soll, war das Letzte, was die Leute ver­mutet hätten.“

Das große schwe­di­sche Talent

Er erzählt, dass er nach der Tren­nung der Eltern bei seiner Mutter wohnen wird. Er will ihr finan­ziell unter die Arme greifen, da sie in all den Jahren an Glenns Seite nie gear­beitet hat. Und Anton, ver­dient er etwas mit dem Fuß­ball? Ein paar tau­send Kronen. Wenn ich wieder zu meiner alten Form finden würde, wäre wesent­lich mehr drin.“
Anton Hysén wurde 1990 in Liver­pool geboren, im selben Jahr, als sein Vater Glenn sein letztes Län­der­spiel machte und bei seinem Klub FC Liver­pool die Kapi­täns­binde über­nahm. Anton war auf dem besten Weg, eine ähn­lich erfolg­reiche Lauf­bahn ein­zu­schlagen wie seine älteren Brüder Tobias –Natio­nal­spieler und Stürmer bei IFK Göte­borg – und Alex­ander, der zuletzt als Tor­wart beim Zweit­li­gisten Sunds­vall unter Ver­trag stand. Vor vier Jahren schaffte Anton den Sprung zum Erst­li­gisten BK Häcken, wo er einen Aus­bil­dungs­ver­trag für die A‑Jugend erhielt. Außerdem wurde er in die schwe­di­sche U 17 berufen. Sein Talent war so viel­ver­spre­chend, dass Glenn glaubte, er würde eines Tages viel­leicht sogar besser als Tobias werden.

Doch Antons Kar­riere verlor an Fahrt. Seit 2009 spielt er als Links­außen bei Uts­ik­tens BK, einem Viert­li­gisten aus Göte­borg, der seit kurzem von keinem anderen als Glenn Hysén trai­niert wird. Warum es anders gekommen ist, als sein Vater pro­gnos­ti­ziert hat? Man weiß doch, wie er ist. Er redet viel, wenn der Tag lang ist. Ich habe ein­fach nur ein biss­chen Pech gehabt. Ich bin erst 20, das darf man nicht ver­gessen.“ Hat das Schwul­sein seine Kar­riere beein­träch­tigt? Im Grunde wissen bisher nur ganz wenige davon. Ich stelle mich nicht in die Kabine und sage: ›Jungs, hört mal zu, ich bin schwul!‹ Und ich hatte auch nie einen Trainer, der das wusste. Bis jetzt, seit mein Vater Trainer bei uns ist.“ Er lässt seinen Blick durch das Café schweifen. Ande­rer­seits war es wohl auch so, dass ich mich bis jetzt nicht bereit gefühlt habe, dar­über zu spre­chen. Es ist ja nun mal nicht so richtig normal, schwul zu sein und gleich­zeitig Fuß­ball zu spielen. Es hat auch gedauert, bis ich mir wirk­lich sicher war. Da hängt man das noch nicht an die große Glocke.“

Aber es ist wirk­lich krank, wenn man näher dar­über nach­denkt“, fährt er fort. Voll­kommen abge­fuckt. Wo zum Teufel sind all die anderen? Es hat sich noch immer kein ein­ziger Fuß­baller frei­willig geoutet.“

Anton hat recht, aber nur fast. Ein ein­ziger aktiver Profi hat sich als homo­se­xuell geoutet, einer auf der ganzen Welt. Das war vor 20 Jahren. Justin Fas­hanu hatte Anfang der Acht­ziger seinen großen Durch­bruch in Eng­land. Der schnelle und tor­ge­fähr­liche Mann wech­selte 1981 für eine Mil­lion Pfund von Nor­wich zu Not­tingham Forest. Es war das erste Mal, dass ein schwarzer Spieler für mehr als eine Mil­lion trans­fe­riert wurde. Fas­hanu wurde über Nacht zur Berühmt­heit. Mit dem Ruhm wuchs jedoch auch der Druck, und Fas­hanu musste immer mehr Energie darauf ver­wenden, seine sexu­elle Ver­an­la­gung zu ver­heim­li­chen. Als sein Coach Brian Clough von den Gerüchten über Fas­hanus Sexua­lität Wind bekam, machte er sich vor ver­sam­meltem Kader über ihn lustig. Als er hörte, der Stürmer sei in einer Schwu­lenbar gesichtet worden, schloss er ihn vom Trai­ning aus und erklärte der Klub­füh­rung, dass er sich wei­gere, einer Schwuchtel“ Spiel­zeit zu geben. Fas­hanu wurde an Sout­hampton aus­ge­liehen.

Vom Fuß­baller Fas­hanu war nicht mehr viel übrig geblieben

In den fol­genden Jahren ver­suchte er ver­zwei­felt, das Stigma los­zu­werden. Sobald das Gerede wieder begann, wech­selte er den Klub und die Stadt. Als das Gerücht sich schließ­lich über ganz Eng­land ver­breitet hatte, ging er in die USA. Dort wandte sich der ver­un­si­cherte Fas­hanu Kirche und Reli­gion zu, in der ver­zwei­felten Hoff­nung, dies könne ihn von dieser Krank­heit heilen“. Vom Fuß­baller Fas­hanu war nicht mehr viel übrig geblieben. Als er 1990 finan­ziell am Ende war, ließ er sich auf ein Inter­view mit der Sun“ ein. Das eng­li­sche Bou­le­vard­blatt zahlte ihm eine beträcht­liche Summe, damit er die Gerüchte bestä­tigte. Danach bekam er nie wieder einen Pro­fi­ver­trag. 1998, wenige Monate nachdem er wegen der angeb­li­chen Ver­ge­wal­ti­gung eines 17-Jäh­rigen ange­klagt worden war, erhängte er sich in einer Garage in London. Seit Fas­hanu 1990 die Gerüchte um seine Sexua­lität bestä­tigte, hat sich kein aktiver Pro­fi­fuß­baller mehr geoutet.

Nicht nur im Fuß­ball scheint es so, als ob es Homo­se­xua­lität schlichtweg nicht gäbe. Wer ver­sucht, eine Liste von Sport­lern zu erstellen, die sich zu ihrem Schwul­sein bekannt haben, wird nicht weit kommen. Es han­delt sich bes­ten­falls um eine Hand­voll Männer, die den Schritt in die Öffent­lich­keit meist aber erst nach dem Kar­rie­re­ende gewagt haben. Abge­sehen von Justin Fas­hanu hat sich nur ein ein­ziger Mann­schafts­sportler wäh­rend seiner aktiven Lauf­bahn geoutet, und zwar der wali­si­sche Rug­by­spieler Gareth Thomas. Danach kamen zahl­reiche Gerüchte über andere schwule Sportler auf. Eng­lands PR-Guru Max Clif­ford erzählt, er habe zwei bekannten Spie­lern der Pre­mier League geraten, ihre Sexua­lität geheim zu halten, da sich der Fuß­ball noch immer in einer dunklen Zeit befi ndet, völlig ver­giftet von Homo­phobie“.

Das gilt für alle Ebenen, vom Dorf­klub bis zur Natio­nalelf. Als sich der fran­zö­si­sche Ama­teur­fuß­baller Yoann Lemaire outete, wurde er von seinem Verein FC Chooz sus­pen­diert. Als Thomas Ber­ling, der in der nor­we­gi­schen Junio­ren­aus­wahl spielte und eine strah­lende Zukunft vor sich zu haben schien, plötz­lich nicht mehr beim Trai­ning seines Ver­eins Lyn Oslo auf­tauchte und kurz darauf mit­teilte, dass er die Schuhe an den Nagel hängen wollte, begrün­dete er diesen Ent­schluss damit, dass er schwul sei und die harte und homo­phobe Stim­mung“ in diesem Sport nicht länger aus­halte.

In seiner Rede beim Stock­holm Pride hatte Glenn Hysén gesagt: Wir beschwören immer gerne den Mythos, dass beim Sport alle glei­cher­maßen will­kommen sind. Das Selbst­bild des Sports ist, wie wir wissen, eine auf­ge­bla­sene Geschichte von Kame­rad­schaft und gegen­sei­tigem Ver­trauen.“ Jeder, der schon mal in einer Umklei­de­ka­bine voller schwit­zender Männer war, weiß, dass es beim Sport nicht immer so tole­rant und offen zugeht. Man dis­ku­tiert selten die Lage im Mitt­leren Osten oder wer gerade für den Nobel­preis nomi­niert worden ist. Damit rechnet auch keiner. Statt­dessen erwartet man einen zotigen Jargon, der darauf abzielt, die eigene Männ­lich­keit zu stärken. Man haut sich mit dem Hand­tuch auf den Hin­tern und macht sich über einen Kol­legen lustig, der sich die Hoden rasiert hat. Gute Stim­mung in der Mann­schaft gilt als wich­tige Vor­aus­set­zung für Erfolg auf dem Platz und ist oft gleich­zu­setzen mit einem Milieu, in dem sich nie­mand über ein paar Schwu­len­witze auf­regt.

Wann hat er erfahren, dass sein Sohn schwul ist?

Glenn Hysén reißt sämt­liche Schrank­türen in der Küche des Ver­eins­heims des Uts­ik­tens BK auf: Wo zum Teufel sind die Kaf­fee­filter?“ Bis zum Trai­ning ist es noch etwas hin, noch ist keiner der Spieler da. Thomas Heed und Hysén, die sich das Trai­neramt teilen, treffen für gewöhn­lich einige Stunden früher ein. Heed hat seine aktive Kar­riere im letzten Jahr hier bei Uts­ikten beendet. Wann hat er davon erfahren, dass Anton homo­se­xuell ist? Vor unge­fähr zwei Wochen, als Glenn es mir erzählt hat. Ich habe letztes Jahr noch zusammen mit Anton gespielt und hatte keine Ahnung. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen.“ Glenn kommt aus der Küche, reibt sich zufrieden die Hände und lässt sich aufs Sofa fallen. Der Kaffee ist gleich fertig!“ Hat denn er geahnt, dass Anton schwul ist? Ja, ich habe schon früh dar­über nach­ge­dacht“, sagt Glenn. Er hatte früher nur Mäd­chen als Freunde. Und er stand oft stun­den­lang vor dem Spiegel, um seine Kleider oder seine Haare zu richten. Und er hat schon immer diese Linien in seine Haare und Augen­brauen rasiert. Er war immer sehr eitel. Als er dann mit einem wirk­lich süssen Mäd­chen Schluss machte, dachte ich: ›Er ist schwul!‹“

Bevor Anton seinem Vater erzählte, dass er homo­se­xuell sei, rief er seinen besten Freund an. Der Sohn hatte Angst, dass sein Vater ihn raus­werfen könnte, und wollte sicher sein, ein Dach über dem Kopf zu haben, falls das pas­sierte. Hat er das gesagt?“, fragt Glenn erstaunt. Hat er geglaubt, ich könne ihn raus­werfen? Der spinnt doch! Er soll doch lieben, wen er will. Des­halb habe ich ja auch beim Stock­holm Pride gespro­chen. Da war es gerade erst ein paar Monate her, dass er sich mir anver­traut hatte. Ich wollte ihm beweisen, dass ich es akzep­tiert hatte. Und ich bin stolz auf ihn, dass er nun dar­über spricht.“ Glenn beginnt zu lachen. Ich habe auf der Parade ja sogar Dildos geworfen. Teufel noch mal, das können nicht so viele Leute von sich behaupten.“ Trotzdem ist es ganz bestimmt nicht leicht, sich Glenn Hysén anzu­ver­trauen, dem Fuß­ball­star und Ober­macho. Glenn grinst. Nein, das ist wohl richtig.“

Er lehnt sich zurück und blickt ein paar Sekunden ver­sonnen, als würde er phi­lo­so­phieren. Dann sagt er: Es muss doch eine ganze Menge geben da draußen. Es ist doch seltsam, dass man in Fuß­bal­ler­kreisen noch nie einen getroffen hat. Nicht einen ein­zigen!“ Viel­leicht geben die auf, weil sie den stän­digen Kampf nicht aus­halten. Viel­leicht. Aber es ist ja auch zum Ver­rückt­werden. Man muss so sein wie Anton, wenn man das schaffen will. Er ist mir sehr ähn­lich, es inter­es­siert ihn nicht, was die Leute denken. Wenn man diese Selbst­si­cher­heit nicht hat, ist es schwer. Dann nimmt man es als per­sön­li­chen Angriff, wenn jemand in der Kabine einen Schwu­len­witz macht. Anton kann selbst Witze reißen, so ist er eben.“

Was bedeutet das Outing? Jetzt wird vieles anders.“

Draußen fällt Regen, von der Schnee­decke, die Göte­borg die letzten beiden Monate bedeckt hat, ist nichts übrig geblieben. Das mil­dere Klima hat zur Folge, dass Anton jetzt andere Auf­gaben bei der Zeit­ar­beits­firma hat, Schnee­schippen gehört nicht mehr dazu. Vor wenigen Stunden ist seine Schicht bei Volvo zu Ende gegangen. Er sagt, es mache ihm Spaß, für sein Geld zu arbeiten. Doch er weiß auch, dass der Fuß­ball immer wich­tiger werden wird, wenn er nicht für den Rest seines Lebens um sechs Uhr auf­stehen will. Eine geglückte Fuß­ball­kar­riere kann das Ticket zu einem geho­benen Lebens­stil sein. Ist ihm bewusst, was das Outing für seine Zukunfts­pläne bedeuten kann? Er nickt. Mir ist klar, dass jetzt vieles anders sein wird. Nun werden es alle wissen. Alle Trainer, alle Gegen­spieler und nicht zuletzt meine Team­ka­me­raden. Aber ich mache mir keine großen Gedanken dar­über, ich glaube nur, dass es sehr span­nend wird.“ Wird es sich negativ aus­wirken? Es gibt Leute, die mit Homo­se­xu­ellen nicht klar­kommen, und es gibt Ras­sisten, die etwas gegen Migranten haben. Viel­leicht ist ein Klub an mir inter­es­siert, bis der Trainer her­aus­findet, dass ich schwul bin, und dann ändern sie ihre Mei­nung. Aber das ist deren Pro­blem, nicht meines.“

Die Frage bleibt, warum Anton Hysén gerade jetzt mit seiner Homo­se­xua­lität an die Öffent­lich­keit gegangen ist. Ich spiele viel­leicht nicht in der ersten Liga, aber ich will den­noch beweisen, dass das keine große Sache sein muss. Ich bin Fuß­baller. Und schwul. Wenn ich meine Leis­tung bringe, sollte es keine große Rolle spielen, ob ich auf Jungs oder Mäd­chen stehe.“

Anton sagt, er kenne keine wei­teren homo­se­xu­ellen Spieler, die nur des­halb uner­kannt seien, weil sie sich ein Outing nicht trauen würden. Es muss sie geben, das weiß ich. Aber ich bewege mich nicht in der Schwu­len­szene und habe auch nicht über­mäßig viele schwule Freunde. Ich war einige Male in Schwu­len­bars, aber ich habe mich dort nicht wohl­ge­fühlt. Also weiß ich nicht, ob sich andere Spieler dort her­um­treiben. Bei den Fuß­bal­le­rinnen kenne ich hin­gegen viele homo­se­xu­elle Spie­le­rinnen.“ Anton berichtet, wie es war, als er einst fest­stellte, dass er nicht auf Mäd­chen steht. Es fühlte sich irgendwie ver­kehrt an, Händ­chen zu halten. Zunächst glaubte er, mög­li­cher­weise bise­xuell zu sein, doch dann ver­stärkte sich dieses ungute Gefühl, wenn er mit einem Mäd­chen zusammen war. Da begriff er, dass er schwul ist.

Du, auf was für Typen stehst du eigent­lich?“

Don­ners­tag­abend eine Woche später im Pad­ding­tons, Glenns Stamm­kneipe, nur ein paar hun­dert Meter vom Haus der Hyséns ent­fernt. Das war gut, oder?“, fragt Glenn. Mmh, das war lecker“, sagt Anton und schau­felt den Rest seines Currys auf die Gabel. Die beiden kommen gerade vom Trai­ning. Glenn bestellt ein zweites Bier und sieht Anton an, der gerade einen Schluck aus seinem Cola­glas nimmt. Du“, sagt er und klopft Anton auf die Schulter, auf was für Typen stehst du eigent­lich? Dar­über haben wir noch nie gespro­chen.“ Anton ver­dreht die Augen. Was meinst du?“ – Ja, also was für Typen fin­dest du gut­aus­se­hend und so? Gibt es irgend­einen Schau­spieler, bei dem du denkst, der ist scharf, den will ich?“ – Puh“, sagt Anton, das ist nicht ein­fach.“ Er denkt nach, wäh­rend Glenn mit den Fin­gern gegen sein Bier­glas trom­melt. Viel­leicht Carlos Boca­negra aus der ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal­mann­schaft“, sagt Anton schließ­lich. Wie zum Teufel sieht der denn aus?“ – Ach, ich weiß nicht. Ganz normal, ein dunkler Typ eben.“ Glenn nickt.

Anton hatte noch nie eine Bezie­hung mit einem Mann. Glenn wendet sich erneut an seinen Sohn und fragt, woran das liege. Anton zuckt mit den Schul­tern. Ent­weder sind sie mir zu affek­tiert oder sie inter­es­sieren sich nicht für Sport. Das sollten sie aber, sonst klappt das nicht. Aber ich bin auch nicht richtig auf der Suche. Jetzt geht es in erster Linie um Fuß­ball und Arbeit. Alles andere wird sich schon finden.“

Glenn sieht Anton an, der gebannt ein Hand­ball­spiel auf dem Knei­pen­fern­seher ver­folgt. Wie lange war Homo­se­xua­lität illegal? Bis in die Sieb­ziger, oder? Das ist doch unglaub­lich, wenn man dar­über nach­denkt.“ Anton hört nur mit einem halben Ohr zu, wäh­rend Glenn fort­fährt. Ich habe ein paar Mal gegen Fas­hanus Bruder gespielt, als ich bei Liver­pool war. Ich glaube, der war bei Wim­bledon. Der Teufel ging doch tat­säch­lich an die Öffent­lich­keit und sagte, dass er seinen Bruder nicht mehr kennen wollte, weil der schwul war. Ver­dammt, stell dir vor, ich hätte so reagiert.“ Anton schaut zu Glenn her­über. Ich finde es wirk­lich gut, dass du dich jetzt outest“, sagt der. Das ist groß­artig. Gut gemacht, Junge!“ Glenn Hysén klopft seinem Sohn auf die Schul­tern, Anton wendet sich wieder dem Bild­schirm zu. Glenn lacht und nimmt einen Schluck Bier.