Sahar Kho­da­yari wollte ein­fach nur ein Fuß­ball­spiel sehen, ein Spiel ihres Lieb­lings­ver­eins Esteghlal Teheran. Weil Frauen der Besuch von Sport­ver­an­stal­tungen für Männer seit der Isla­mi­schen Revo­lu­tion 1979 weit­ge­hend ver­boten ist, schlich sie sich im März 2019 ins Sta­dion. Sie wurde fest­ge­nommen, ihr drohte eine Gefäng­nis­strafe von min­des­tens sechs Monaten. Doch die Haft trat sie nie an. Noch vor dem Gericht zün­dete sie sich selbst an. Wenige Tage später erlag sie ihren Ver­let­zungen.

Drei Jahre später hat sich die Lage für Frauen im Iran kaum ver­bes­sert. Zwar ist ihnen der Besuch ein­zelner Par­tien wie Län­der­spielen oder Begeg­nungen im Azadi-Sta­dion in Teheran mitt­ler­weile erlaubt, doch viele dieser Frei­heiten exis­tieren nur auf dem Papier, kri­ti­siert die Orga­ni­sa­tion Open Sta­diums in einem offenen Brief an die FIFA und ihren Prä­si­denten Gianni Infan­tino: Viele glauben, dass das Azadi-Sta­dion nur als PR-Maß­nahme für eine begrenzte Zeit geöffnet wurde, um das Image des Landes vor der WM auf­zu­werten.“, Noch im März dieses Jahres wurden Frauen mit Pfef­fer­spray am Besuch des WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiels gegen den Libanon gehin­dert. Ange­sichts der anhal­tenden Pro­teste von Frauen im Land, gegen die das ira­ni­sche Regime gewaltsam vor­geht, nimmt Open Sta­diums nun die FIFA in die Pflicht: Die Orga­ni­sa­tion for­dert einen Aus­schluss des Irans von der anste­henden WM in Katar.

Dieser Staat fol­tert und tötet sein eigenes Volk“

Warum sollte die FIFA dem ira­ni­schen Staat und seinen Ver­tre­tern eine welt­weite Bühne geben?“, heißt es in dem Brief. Anlass für das Schreiben sind die aktu­ellen Vor­gänge im Land, bei denen Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen. Laut der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Iran Human Rights sollen seit Beginn der Pro­teste bereits min­des­tens 76 Men­schen von der Polizei getötet worden sein. Dieser Staat lehnt es nicht nur ab, Grund­rechte und Men­schen­würde zu respek­tieren. Er fol­tert und tötet sein eigenes Volk“, schreibt Open Sta­diums. Die Gewalt sei ins­be­son­dere für fuß­ball­in­ter­es­sierte Frauen ret­rau­ma­ti­sie­rend: Sowohl der Auf­stand im Iran nach der Ermor­dung von Mahsa Amini als auch das bru­tale Durch­greifen des Regimes gegen das pro­tes­tie­rende ira­ni­sche Volk sind uns leider sehr ver­traut und bringen weib­li­chen Fuß­ball­fans im Iran viele schreck­liche Erin­ne­rungen zurück.“

Für einen Aus­schluss von der anste­henden WM spre­chen nach Auf­fas­sung der Orga­ni­sa­tion die Artikel 3 und 4 der FIFA-Sta­tuten, in denen sich der Welt­ver­band zu den Men­schen­rechten bekennt und Dis­kri­mi­nie­rung unter Strafe stellt. Explizit ist darin auch von Sus­pen­die­rung“ und Aus­schluss“ die Rede. Wo sind die Prin­zi­pien der FIFA-Sta­tuten in dieser Hin­sicht?“, fragt Open Sta­diums. Laut Sport­schau wäre für einen WM-Aus­schluss der ira­ni­schen Natio­nal­mann­schaft ein FIFA-Rats­aus­schuss zuständig. Darin sitzen neben dem adres­sierten Infan­tino die sechs Prä­si­denten der Kon­ti­nen­tal­ver­bände. Eine Anfrage der Sport­schau zu ihrer Hal­tung gegen­über dem Iran ließ die FIFA bis­lang unbe­ant­wortet.

Mahsa Amini und Sahar Kho­da­yari waren in der­selben Haft­an­stalt

Wie sich die Lage im Iran ent­wi­ckelt hat, wird auch daran deut­lich, dass eine Ver­tre­terin von Open Sta­diums sich noch vor wenigen Monaten im Gespräch mit 11FREUNDE gegen einen WM-Aus­schluss des Irans aus­sprach: Bei inter­na­tio­nalen Spielen haben wir die Mög­lich­keit, unsere Stimmen zu erheben und Frau­en­rechte ein­zu­for­dern. Außerdem sind wir immer noch Fans dieser Mann­schaft, wes­halb es wahn­sinnig traurig für uns wäre, wenn der Iran aus­ge­schlossen werden würde“, sagte die Akti­vistin im März.Die aktu­ellen Ent­wick­lungen haben nun offenbar zu einem Umdenken bewogen: Als ira­ni­sche Fuß­ball­fans müssen wir schweren Her­zens unsere stärksten Zweifel an einer Teil­nahme des Iran an der anste­henden Welt­meis­ter­schaft erheben.“