Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jeden Dienstag machen sich Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Wenn unser heu­tiger Kolum­nist Lucas Vogel­sang nicht gerade für uns unter­wegs ist, schreibt er für den Tages­spiegel, recher­chiert für Thea­ter­stücke oder fla­niert beseelt durch Berlin.


An diesem Wochen­ende war ich mit Loriot im Sta­dion. Denn früher gab es Momente, in denen mein Vater immer sagte: Das ist Loriot.“ Er meinte jedoch nicht die Person Vicco von Bülow an sich, son­dern All­tags­szenen, die, eins zu eins, aus dessen Sket­chen hätten stammen können. So etwa, wenn mein Onkel zu Besuch war, meist an Geburts­tagen, und als Geschenk wie immer ein noch eben auf dem Grab­bel­tisch gefun­denes und not­dürftig ver­packtes Buch unter dem Arm hielt. Dabei trug er einen gön­ner­haft fei­er­li­chen Gesichts­aus­druck, mit dem er uns Kinder auf­for­derte, doch jetzt mal zu raten, was er, der Spen­dable, der Kul­ti­vierte, diesmal wieder mit­ge­bracht hatte. Und mein Vater, den dieses Spiel schneller ermü­dete als uns Kinder, rief, auch das wie immer, noch aus dem Neben­zimmer, ohne auch nur das Päck­chen gesehen zu haben: Ein Kla­vier, ein Kla­vier.“ Dann gab es Kuchen. Mit Sahne.

Im Olym­pia­sta­dion, Block E, Haupt­tri­büne, war am Freitag nun wieder Loriot. Also das ganz große absurde Theater, eine 90-minü­tige Inter­pre­ta­tion eines Loriot-Stücks, das ich erst kurz vorher im Fern­sehen gesehen hatte, an einem der Erin­ne­rungs­abende zum Tode Vicco von Bülows. Es spielt in einem Kon­zert­saal. Auf der Bühne ein Quer­flö­tist, Loriot himself, und ein pin­guin­ähn­li­cher Pia­nist an einem schwarzen Flügel. Der Saal ist gut gefüllt. Nur in der vor­dersten Reihe sind noch etwa neun Plätze frei. Es kann also los­gehen. Doch als der Quer­flö­tist die Quer­flöte ansetzt, kommt Bewe­gung in den Saal. Die Zuschauer aus der zweiten Reihe rücken auf die freien Plätze in der ersten. Der Quer­flö­tist lässt die Quer­flöte sinken, wartet, bis sich der Saal beru­higt hat, setzt erneut an. Doch nun rücken die Herr­schaften aus der dritten Reihe in die zweite. Er schürzt die Lippen, Skepsis im Blick, einen Atemzug trennt ihn von seinem ersten Ton, da schiebt sich die vierte in die dritte Reihe, die fünfte in die vierte. Das Publikum eine schwei­gende Lawine aus Kör­pern, bis schließ­lich, mit leichter Ver­spä­tung, die Kar­ten­in­haber der vor­dersten Plätze auf­treten. Und die Wan­de­rung, diesmal in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung, von neuem beginnt. Über­flüssig zu erwähnen, dass der Quer­flö­tist bis zum Ende des Sket­ches nicht eine halbe Note gespielt hat.

Fuß­ball­fans und der Paw­low­sche Reflex

Hier drängt das Publikum den Anlass des eigenen Erschei­nens in den Hin­ter­grund. Der Fokus der Auf­merk­sam­keit ver­schiebt sich von der Bühne in den Zuschau­er­raum. Ein Vor­gang, der sich, das habe ich am Freitag gelernt, mühelos aus dem Kon­zert­saal auf die Ränge eines Sta­dions über­tragen lässt. Denn auch hier fiel das große Stüh­le­rü­cken mit dem Beginn der Vor­stel­lung zusammen.

Die Zuschauer reagierten mit einem gera­dezu Paw­low­schen Reflex auf den Anpfiff des Schieds­rich­ters. Tril­ler­pfeife gleich Hun­ger­ge­fühl, das unbän­dige Ver­langen nach Sta­di­on­wurst, Lübzer Lemon, Cola aus Eimern. Es war kaum der erste Pass gespielt, da stiegen sie die Treppen empor, von Durst gehetzt, als hätten sie nicht mit dem Auto vor dem das Sta­dion geparkt, son­dern einen Mara­thon durch die Wüste hinter sich. Zudem hatte der Unpar­tei­ische mit seinem Instru­ment ganz augen­schein­lich jenen braunen Ton getroffen, der den Schließ­muskel des Publi­kums öff­nete. Des­halb drängten sie nun, stoß­weise, zu den Toi­letten. Oder wirkten ver­loren zwi­schen den unver­ein­baren Signalen, die ihr Körper sen­dete, zwi­schen bren­nendem Durst und flam­mendem Harn­drang.

Das scheinbar des­ori­en­tierte, oft minu­ten­lange, Her­um­stehen an den Treppen, an den Gelän­dern, war da nur eine nach­voll­zieh­bare Über­sprung­hand­lung. Dieses Schau­spiel auf die Spitze trei­bend, pen­delte eine Frau mit einem roten VfB-Schal um die zuckenden Schul­tern, in der ersten Halb­zeit unauf­hör­lich zwi­schen ihrem Sitz­platz, Com­fort-Sessel, Ehe­mann daneben, und dem Geträn­ke­stand. Nur war der Plas­tik­be­cher, den sie bei sich trug, sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg, leer. Wes­halb sie, kaum ange­kommen, gleich wieder los musste. Ad infi­nitum absurdum.

Jedes Fuß­ball­spiel, egal ob tor­rei­ches Fes­tival oder Annä­he­rung an die Kunst der Null, ent­wi­ckelt seinen Sog durch den roten Faden, der sich im Laufe des Spiels ent­spinnt. Doch wird dieser Faden vom ewigen Vor­über­gehen der Körper zer­schnitten. So ent­steht keine Geschichte.

Theater, Flö­ten­kon­zert oder eben Hertha gucken

Durch die stän­dige Unruhe gerät das Spiel­ge­schehen zwangs­läufig in den Hin­ter­grund. Da ging es den beiden Mann­schaften nicht anders als Loriots Quer­flö­tisten. Wäh­rend da unten zwei­und­zwanzig Solisten ver­suchten, ein Orchester der Körper zu bilden, waren hier oben alle irgendwie mit sich beschäf­tigt. Ein Phä­nomen, das beson­ders auf den Geraden und Gegen­ge­raden der Sta­dien, nicht nur in Berlin, zu besich­tigen ist. In den Kurven stehen ohnehin alle, aber sie bleiben auch stehen, weil Stehen hier Kon­sens ist. Und wenn ihnen der Urin bis in die Augen steigt, weinen sie für den Verein. Im Block E aber sitzen die Event­fans, für die der Fuß­ball­abend nur eine wei­tere Option ist, sie könnten ja auch ins Theater gehen, oder eben ins Flö­ten­kon­zert. Die Männer tragen mit grellen Rücken­num­mern ver­se­hene Polo-Shirts von Yves Saint-Lau­rent, ihre Frauen, glän­zende Acces­soires, die Gleich­gül­tig­keit als gut sicht­bares Make-Up. Und so rennen sie durch die Sitz­reihen, immer auf der Suche, weil sie ihr Inter­esse ver­loren haben.

Dabei machen sie den Ein­druck der­je­nigen, die, vom Fern­sehen geprägt, nur auf die nächste Unter­bre­chung warten. Es gibt, natür­lich, keine. Aber sie klet­tern, schieben, essen, trinken, pissen trotzdem, als wäre das hier nicht Abstiegs­kampf, son­dern der Frei­tag­abend-Zwei­teiler auf RTL mit Heino Ferch und Kathi Kar­ren­bauer. Und schaffen sich ihre ganz eigene Wer­be­pause.

Wie mein Vater sagen würde: Das ist Loriot“

Für sie galt an diesem Abend dann auch wieder ein Aus­spruch Loriots, diesem kühlen Ana­lysten klein­bür­ger­li­cher Ver­hal­tens­muster, der einmal sagte: Ein Wer­be­block ver­fehlt im Fern­sehen seine Wir­kung, wenn er alle paar Minuten von einem unver­ständ­li­chen Spiel­film­teil unter­bro­chen wird.“ Oder wie mein Vater sagen würde: Men­schen, die ein Fuß­ball­sta­dion besu­chen, um 90 Minuten lang in geschäf­tiger Ernst­haf­tig­keit einem für sie unver­ständ­li­chen Spiel aus dem Weg zu gehen, das ist Loriot.“