Es war einmal eine Mann­schaft, die sich durch nichts auf­hielten ließ. Nicht davon, dass ihr Verein eigent­lich pleite war und ein Fan­klub die Aus­wärts­fahrt zum UEFA-Cup-Vier­tel­fi­nale nach Valencia bezahlen musste. Und schon gar nicht davon, dass im bis dahin wich­tigsten Spiel der Klub­ge­schichte, dem Final­Rück­spiel beim Ham­burger SV, plötz­lich ein Spieler in den Kata­komben ver­schwand. Wir schreiben das Jahr 1982, die Rede ist von IFK Göte­borg. Die Schweden haben das Hin­spiel mit 1:0 gewonnen und gelten den­noch als Außen­seiter. Knis­ternde Span­nung in der Kabine, der­weil sich der ver­träumte Ver­tei­diger Glenn Schiller, einer der wich­tigsten Ersatz­spieler, mit dem Sta­di­on­heft auf die Toi­lette zurück­zieht. Er ist bald so ver­tieft, dass er nicht bemerkt, wie seine Kame­raden die Umkleide ver­lassen und ein Ordner die Tür ver­rie­gelt. Kurz nach dem Anpfiff ver­letzt sich Abwehr­spieler Hysén und Trainer Sven-Göran Eriksson will Schiller ein­wech­seln. Der hat kurz zuvor durch lautes Klopfen den Ordner auf sich auf­merksam gemacht und stürmt hinaus, gerade als Eriksson zum zweiten Mal fragt: Wo ist Schiller?“ Der Ver­schol­lene wird umge­hend ein­ge­wech­selt, macht ein über­ra­gendes Spiel und IFK Göte­borg gewinnt am Ende mit 3:0. Noch heute wird der Ver­tei­diger von den ehe­ma­ligen Mit­spie­lern damit auf­ge­zogen, ein Klo­gang sei ihm wich­tiger gewesen als das End­spiel im UEFA-Pokal.

Seinen über­ra­schenden Sie­geszug hatte der schwe­di­sche Verein nicht zuletzt dem erst 34-jäh­rigen Trainer Sven-Göran Eriksson zu ver­danken, der mit seinem jungen Team ein 4 – 4‑2-System per­fek­tio­nierte, das auf aggres­sives Pres­sing, stän­diges Ver­schieben, Zonen­de­ckung, schnelles Pass­spiel und enorme Lauf­be­reit­schaft aus­ge­richtet war. Drei Jahre nach Eriks­sons Amts­an­tritt hatte die Mann­schaft das Kon­zept kom­plett ver­in­ner­licht und eine sen­sa­tio­nelle Serie hin­ge­legt, an deren Ende der erste euro­päi­sche Pokal­ge­winn eines skan­di­na­vi­schen Klubs stand.

In diesem Raum sitzen die besten Spieler Schwe­dens und sie wissen es

Dabei hatte Eriksson zu Beginn seiner Tätig­keit in Göte­borg große Schwie­rig­keiten zu über­winden. IFK düm­pelte im Mit­tel­feld der Liga und die ein­zige Refe­renz des jungen Coa­ches war der Durch­marsch mit dem Pro­vinz­verein Deger­fors IF von der 3. in die 1. Liga inner­halb von drei Jahren. Gleich­wohl war der gewiefte Tak­tiker bei IFK zunächst selbst seinen eigenen Spie­lern völlig unbe­kannt. Wir haben ihn zunächst Sven-Erik Gör­ansson genannt“, gab Stür­mer­star Torb­jörn Nilsson später zu. Auch Eriks­sons Spiel­system zu ver­in­ner­li­chen, fiel den Kickern erst mal nicht leicht. Die meisten schwe­di­schen Klubs und auch das Natio­nal­team spielten damals im 3−5−2, mit Libero und Mann­de­ckung. Eriksson musse also zunächst einmal Über­zeu­gungs­ar­beit leisten, doch seine offene, respekt­volle Art brachte ihm bei den Spie­lern viel Aner­ken­nung ein. Er hat jeden Ein­zelnen aus der Mann­schaft dazu ermu­tigt, sein eigener Trainer zu sein“, sagt Thomas Wer­nersson, der dama­lige Tor­wart. Über­dies war Eriksson einer der ersten, der penibel auf die Ernäh­rung seiner Spieler ach­tete und die Dienste von Sport­psy­cho­logen in Anspruch nahm. So schickte er seinen genialen, aber labilen Angreifer Torb­jörn Nilsson zu einem Experten nach Oslo.

Später zeigte Nilsson Welt­klas­se­leis­tungen, der trick­reiche Angreifer war der unbe­re­chen­bare Faktor im IFK-System und genoss als Ein­ziger alle Frei­heiten auf dem Platz. Wei­tere Stützen der Mann­schaft waren Kapitän Glenn Ström­berg, die schweig­samen Brüder Tommy und Tord Holm­gren, der zwei­kampf­starke Glenn Hysén sowie der bul­lige Ver­tei­diger Ruben Svensson , der es wegen seiner kom­mu­nis­ti­schen Gesin­nung ablehnte, für die schwe­di­sche Natio­nalelf auf­zu­laufen. Trotz dieser starken Beset­zung geriet der Sai­son­start im Früh­jahr 1981 zum Desaster. Von den ersten sechs Par­tien verlor IFK fünf, worauf Eriksson ein Treffen ein­be­rief und seinen Spie­lern eröff­nete: Wir spielen ein neues System und das braucht Zeit. Ich werde daran nichts ändern. Aber wenn ihr wollt, gehe ich.“ Die gesamte Mann­schaft sprach sich indes für den Trainer aus. Eriksson verzog keine Miene und fuhr fort: Es gibt noch ein Pro­blem. In diesem Raum sitzen die besten Spieler Schwe­dens und sie wissen es.“

Danach ging ein wahrer Ruck durch das Team. Zwi­schen dem 29. Mai 1981 und dem 27. Mai 1982 verlor IFK Göte­borg in allen natio­nalen und inter­na­tio­nalen Wett­be­werben nicht ein ein­ziges Spiel. Ins­be­son­dere im UEFA-Cup über­rannten die Halb­profis ihre ver­dutzten Gegner. Vor dem Vier­tel­final-Duell mit dem FC Valencia aller­dings ver­kün­dete das Prä­si­dium, der Klub stehe kurz vor der Insol­venz, und trat geschlossen zurück. Dass dar­aufhin die Fans das Geld für die Reise nach Spa­nien sam­melten, ist schon erwähnt worden. Doch woher auf die Schnelle ein neues Prä­si­dium für die offi­zi­ellen Ter­mine mit dem FC Valencia nehmen? Kur­zer­hand wurden zwei mit­ge­reiste Sport­jour­na­listen zum Füh­rungs­gre­mium umfunk­tio­niert: Einer wurde zum Prä­si­denten erkoren, weil er etwas Spa­nisch sprach, ein anderer zum Vize, weil er gerne Zigarre rauchte und so beleibt war, dass er ein­fach aussah wie ein Boss.

Schals mit dem Auf­druck HSV – UEFA-Cup-Sieger 1982“

Das Rück­spiel gegen Valencia bescherte IFK Göte­borg dann wieder die drin­gend benö­tigte Liqui­dität – und den Einzug ins Halb­fi­nale gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern. Auch dort setzten sich die Schweden mit ihrer Taktik durch. Damals waren die Ver­tei­diger noch daran gewöhnt, bei eigenem Ball­be­sitz see­len­ruhig das Spiel auf­bauen zu können. IFK aller­dings atta­ckierte den jeweils Ball­füh­renden sofort und kam dadurch zu zahl­rei­chen Chancen. Eine Stra­tegie, mit der später auch der HSV nicht zurechtkam und der sich zudem seiner Sache zu sicher war. So fei­erten die Göte­borger ihren größten Sieg vor geg­ne­ri­schen Fans, die Schals mit dem Auf­druck HSV – UEFA-Cup-Sieger 1982“ trugen. Ein süßer Tri­umph für die skan­di­na­vi­schen Halb­profis.

Wenige Tage später holte Sven-Göran Eriksson mit seiner Mann­schaft auch den schwe­di­schen Pokal, beim Gewinn der Meis­ter­schaft im Herbst war er schon nicht mehr dabei. Da Schwe­dens Liga im Jah­res­rhythmus spielt, stand Eriksson zu diesem Zeit­punkt bereits bei Ben­fica Lis­sabon unter Ver­trag. Auch die besten Spieler waren bei euro­päi­schen Spit­zen­klubs unter­ge­kommen, zurück blieben der Co-Trainer und eine Rumpf­mann­schaft. Meister wurden sie den­noch, der Vor­sprung war schon zu groß.