Eric Aigner ist der Par­ty­könig der Ukraine. Ihm gehören Pubs, Restau­rants, Jazz-Bars, Nacht­clubs, das kom­plette Pro­gramm. Eine Mischung aus Dieter Bohlen und Michael Ammer – nur ohne Haare. Früher hat er ein paar Mal Pro­bleme mit der Mafia bekommen, später mit seinen Geschäfts­part­nern. Das liegt daran, dass er Ver­träge nur per Hand­schlag macht.

Aigner kam Mitte der Neun­ziger nach Kiew und fing klein an: Ein kleines Pizza-Restau­rant. Danach kam der Bier­garten, Eric’s Bier­garten“, spar­ta­ni­sche Ein­rich­tung, impro­vi­siertes Pro­gramm, neben der Holz­wand soll jemand mit Filz­stift Eric“ gemalt. Danach ging es steil bergauf. Es ist die alte Geschichte: Vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lionär. Oder so ähn­lich. Später einmal wurde er von der Kiew Post“ in der Liste der ein­fluss­reichsten Kiewer auf Platz 18 gewählt.

Löwen­bräu ist uni­versal

Da diri­gierte er schon das halbe Kiewer Nacht­leben. 18 Läden gehörten ihm zwi­schen­zeit­lich. Er ver­einte sie alle unter dem Banner Eric’s Family“, den Musik­club 112“, das Schnit­zel­haus“ oder das Pex“. Viola’s Bier­garten“ gehörte auch dazu, der Pub seiner Ex-Frau. Nachdem Eric Aigner sich von ihr trennte, ging er nach Odessa und Donezk, Geschäfte, neue Clubs, neue Partys. Viele seiner Schuppen gibt es immer noch. Manche heißen nun anders. Aus Eric’s Bier­garten“ wurde irgend­wann Bier­garten“.

An den Fens­tern haben sie hier die Flaggen der Teil­neh­mer­länder auf­ge­hängt, hinter der Theke ser­vieren Kell­ne­rinnen Löwen­bräu. Sie spre­chen kein bay­risch, kein deutsch, nicht mal eng­lisch. Müssen sie auch nicht. Löwen­bräu“ ist uni­versal. Gleich beginnt das Spiel Deutsch­land gegen Däne­mark.

Aigner besitzt um die Ecke einen Jazz­club, der heißt 44 Art Club“, und der ist ziem­lich groß­artig. Wäh­rend auf ver­schie­denen Breit­bild­schirmen Fuß­ball läuft, spielt auf der Bühne eine Band. Hinter der Theke hängen Bilder von Jim Morisson, Kurt Cobain und Jimmy Hen­drix. Hier sitzen Rasta­fa­rians neben Män­nern mit sehr dicken Brillen und Büchern von Albert Camus in der Leder­ta­sche.

Nun aber Bier­garten“, der deut­scheste Pub in Kiew. Das sagt man sich. Draußen an der Tür werben sie mit Kaltem Bier, WiFi und Fuß­ball“. Im Oktober fand hier früher das Okto­ber­fest statt. Was dann los war, kann man auf zahl­rei­chen Par­ty­fotos sehen. Auf einer Home­page sieht man Aigner munter durch die Räume tanzen, unter einem Bild steht: Wenn das Fern­sehen auf­taucht, schwingt sich Eric in Leder­hosen.“ Eric ist übri­gens Chem­nitzer.

Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Bisher weit und breit keine Leder­ho­sen­at­mo­sphäre. Der Count­down läuft. Drei Bar­damen hüpfen hin und her. Ein Mann mit gescho­renem Kopf und einer Tattoo-Galerie am Körper nickt sie mal in diese, dann wieder in jene Rich­tung. Unten gibt es wei­tere Räume, da rau­chen sie Was­ser­pfeife. Der Mann sagt: Da!“ Er sieht aus wie Chris­tian Ziege anno 2002 – mit Tat­toos.

Gleich kommen sie. Oder?

Ich bestelle ein Löwen­bräu. Okto­ber­fest- und Deutsch­land-Atmo­sphäre im Glas. Ich warte. Warte. Noch ein Löwen­bräu. Warte. Warte. Gleich kommen sie sicher­lich, Men­schen in Leder­hosen, Trachten, mit Deutsch­land-Perü­cken. Bier­stube since 1998“: dieses Schild kann man draußen nicht über­sehen.

Die Tür öffnet sich und eine Gruppe setzt sich an den Neben­tisch. Schweizer. Essen, trinken, schwi­zern. Egal. Auch Süden, auch schwer zu ver­stehen. Noch ein Löwen­bräu. Schließ­lich macht der täto­wierte Chris­tian Ziege den Fern­seher an. Das Spiel beginnt. Deutsch­land auf dem Fern­seher, wenigs­tens das, denke ich. Doch dann schaltet Ziege um. Ich sehe Cris­tiano Ronaldo und Rafael van der Vaart, nein, denke ich, das ist ver­dammt noch mal das fal­sche Spiel. Der Laden heißt Bier­garten“. Steht draußen an der Tür. Weiß auf Bronze und dahinter die bay­ri­sche Flagge. Bier­garten! Deutsch­land! Löwen­bräu! Okto­ber­fest! Doch Ziege lässt nicht mit sich reden. Nie­der­lande, Hol­land, vor meinem inneren Auge die Leder­hosen. Wenn Eric Aigner wüsste, dass Ziege aus seinem eins­tigen Vor­zei­ge­laden einen Bier­tuin“ gemacht hat.

Ich stehe auf und gehe zur Fan­meile. Dorthin, wo Deutsch­land immer schon Deutsch­land war. Sogar in der Ukraine. Chris­tian Ziege sagt zum Abschied nicht mal Servus.