An Tagen wie diesen herrscht also Rat­lo­sig­keit. An Tagen wie diesen bemüht man aller­orten nur allzu häufig einen pla­ka­tiven General-Vor­wurf, der immer dann her­vor­ge­kramt wird, wenn es um diese Suppe Fans und Ran­dale“ geht. Er lautet: Ihr macht den Fuß­ball kaputt!“ Die Frage ist nur, wer soll das über­haupt sein: Ihr“?


Am ver­gan­genen Freitag war es beim tra­di­tio­nellen Ham­burger Schweinske-Cup zu einer Mas­sen­schlä­gerei zwi­schen St. Pauli- und Lübeck-Fans sowie der Polizei gekommen. Das Tur­nier wurde dar­aufhin abge­bro­chen, der zweite Tag abge­sagt.

Die Mehr­heit der St.Pauli-Fans pran­gert nun das Vor­gehen der Polizei an und kri­ti­siert die Ver­an­stalter dafür, dass man mit dem VfB Lübeck poten­ziell rechte Fans zum Schweinske Cup ein­ge­laden hat. Die trau­rige Rea­lität: Schon länger ist es so, dass man sich selbst als Ver­an­stalter eines kleinen Hal­len­tur­niers mit dem Charme von Alt­her­ren­cups über­legen muss, wer ein­ge­laden wird. Der linke Fuß­ball­klub Roter Stern Leipzig kann von dieser Ent­wick­lung ein Lied singen. Im Winter 2011 wurden seine Fans vor­nehm­lich in dem engen Rahmen von Hal­len­tur­nieren ange­gangen.

Auf Fotos vom Schweinske-Cup sieht man einen Mann im Lübeck-Block, der den Arm zum Hitler-Gruß hebt. Zudem begannen eben jene Fans schon wenige Minuten nach Tur­nier­start, anti­se­mi­ti­sche („Juden­kinder“) und ras­sis­ti­sche Sprech­chöre („Zick, Zack, Zigeu­ner­pack“) anzu­stimmen, und kurz nach Beginn der Ran­dale stahlen die ganz wilden Kerle jener Gruppe Banner und Fahnen der St.Pauli-Fans.

Hatten Sta­di­on­ver­bote Gül­tig­keit?

Einige dieser Männer, die etwa Shirts mit der Auf­schrift Kra­wall­brüder“ oder Kra­wall­bande“ trugen, sollen bei ihrem ange­stammten Verein Sta­di­on­ver­bote haben, doch ob diese beim Schweinske-Cup über­prüft wurden, steht dahin. Es konnte jeder rein, wer wollte. Bei den Kon­trollen an den Ein­gängen wurde ledig­lich darauf geachtet, dass keine Pyro­technik mit in die Halle genommen wird“, sagt etwa Flo­rian Möller, Leiter der VfB-Geschäfts­stelle, in den Lübe­cker Nach­richten“.

Co-Orga­ni­sator Peter Sander betont hin­gegen, dass Sta­di­on­ver­bote ihre Gül­tig­keit hatten, doch der Ver­an­stalter nicht infor­miert wurde, wer aus Lübeck anreist. Er spricht von einem kri­mi­nellen Akt“. Er sagt: Das war vor­be­reitet.“ Für diese These – zumin­dest dass der Mob aus Lübeck vor­be­reitet“ war – spricht die Tat­sache, dass etwa 100 VfB-Ultras aus­schließ­lich für den Freitag Karten gekauft hatten, aber nicht eine ein­zige für den Samstag. Dabei sollte die Mann­schaft an diesem Tag das ent­schei­dene Grup­pen­spiel bestreiten. Stutzig machte das nie­manden.

74 Ran­da­lierer in Gewahrsam – davon 72 St.Pauli-Fans

Die Polizei indes soll nach Beginn der Ran­dale, so die Berichte von Augen­zeugen, wahllos Pfef­fer­spray in die Menge gesprüht und 1000 St.Pauli-Fans mit meh­reren Hun­dert­schaften ein­ge­kes­selt haben. In ihrer offi­zi­ellen Pres­se­mit­tei­lung ver­meldet die Polizei Ham­burg, dass 74 Ran­da­lierer in Gewahrsam genommen (davon 72 St.Pauli-Fans) und zwei Per­sonen fest­ge­nommen wurden. Die Situa­tion, so die Polizei Ham­burg weiter, hätte man unter Ein­satz von Schlag­stö­cken (…) zunächst wieder beru­higen“ können.

Der FC St. Pauli hielt sich in diesem Stim­men­brei bis ges­tern mit einer Stel­lung­nahme zurück. Pres­se­spre­cher Chris­tian Bönig sagte aus­schließ­lich: Ich kann es nicht beur­teilen, aber viele unserer Fans spre­chen von einem über­trie­benen Ein­satz der Polizei.“

Hat der FC St. Pauli ein Fan­pro­blem?“

Heute dann äußerte sich St. Paulis Sicher­heits­chef Sven Brux auf einer anbe­raumten Pres­se­kon­fe­renz. Brux betonte, dass die Ran­dale durch die hand­werk­li­chen Fehler in Pla­nung und Durch­füh­rung sei­tens des Ver­an­stal­ters und der Polizei ermög­licht wurden“. Die Kon­fron­ta­tion sei aller­dings von den Fans des VfB Lübeck aus­ge­gangen. Die Polizei hat die Lübe­cker Fans machen lassen. Ob bewusst, kann man nicht sagen“, sagte Brux. Aller­dings ver­ur­teilte Brux die anschlie­ßende Über­re­ak­tion einiger St.-Pauli-Fans. Doch sei Brux erstaunt gewesen, dass kein Lübe­cker unter den 74 Fest­ge­nom­menen war“.

Der Klub wider­sprach in einer Erklä­rung außerdem der Ver­mu­tung, dass es etwaige Ver­ab­re­dungen zu Aus­ein­an­der­set­zungen mit Fans anderer Ver­eine gegeben hat und wischt somit den impli­ziten Vor­wurf („Das war vor­be­reitet“) beseite, dass St.Pauli-Hooligans beim Tur­nier waren, die sich nach alter Wald- und Wie­sen­tra­di­tion zur Mas­sen­schlä­gerei getroffen hätten. St. Paulis Prä­si­dent Stefan Orth fügte noch hinzu, dass der Klub kein Fan-Pro­blem habe. 

Doch genau das fragen heute ver­schie­dene Medien. Die Welt“ etwa ver­weist auf ein Ereignis vom 1. April 2011. Damals wurde das Spiel St. Pauli gegen Schalke abge­bro­chen, nachdem ein Fan einen Bier­be­cher auf den Schieds­richter-Assis­tenten Thorsten Schiffner geworfen hatte. Es ist also wie so häufig, wenn es um diese Suppe Fan und Ran­dale“ geht. Es geht alles in einen Topf. Es wird alles gut ver­rührt.