Seite 2: „Vergleichbar mit den Türken in Kreuzberg“

Erst einmal waren es nur Freund­schafts­spiele“, erin­nert sich Loch­iatto. Vor der end­gül­tigen Zulas­sung muss der Nie­der­säch­si­sche Fuß­ball-Ver­band an seinem eigenen Regel­werk rüt­teln. Bisher ist nur ein Aus­länder pro Mann­schaft zuge­lassen, in einem Verein von Gast­ar­bei­tern schlicht unmög­lich. Seit Lupo spielt, dürfen elf Aus­länder in den Ama­teur­klassen auf dem Platz stehen. Nach nur einem Jahr erhalten sie die Zulas­sung. Bis dahin waren wir wie die chi­ne­si­sche U20“, sagt Loch­iatto, nur ohne Geld. Nur mit unseren Herzen.“

Denn die ita­lie­ni­sche Bara­cken­aus­wahl ist fortan gefürchtet, startet gleich zwei Ligen über der untersten Klasse – weil allen klar ist, dass diese Mann­schaft sonst nicht zu schlagen ist. Früh haben die Spieler die deut­sche, kör­per­be­tonte Weise assi­mi­liert und erwartet ihre Gäste nun auf dem Asche­platz an der Ber­liner Brücke, umringt von bis zu 1000 begeis­terten Lands­leuten und den bedroh­lich wir­kenden, qual­menden Zie­gel­schorn­steinen des VW-Werks in Sicht­weite. Wer aufs Spiel­feld möchte, muss sich durch die Masse kämpfen, und dort beginnt der Spaß dann erst. Wahr­schein­lich hätten wir mit noch grö­ßerem Abstand die Meis­ter­schaft geholt, wenn wir nicht ständig Strafen wegen Schieds­rich­ter­be­lei­di­gungen bekommen hätten. In einem Jahr wurden uns 15 Punkte abge­zogen – und wir sind trotzdem Meister geworden“, sagt Loch­iatto.

Kleine Leute mit einer großen Klappe“

Lupo ist bis dahin eine Erfolgs­ge­schichte. Doch das Ver­hältnis zu den Deut­schen bleibt ambi­va­lent. Sprüche unter der Gür­tel­linie sind an der Tages­ord­nung. Lupos Spieler fühlen sich von den Schieds­rich­tern regel­mäßig ver­schau­kelt; weil der Wort­schatz in der Emo­tion keine dif­fe­ren­zierte Dis­kus­sion zulässt, wird es eben belei­di­gend. Die Gegner reagieren ent­spre­chend und schieben den Ärger auf die Kul­turen, die auf­ein­an­der­prallen. Damals passte das schon: Kleine Leute mit einer großen Klappe waren wir“, sagt Loch­iatto. Und trotzdem sind viele Ver­eine vom Besuch der Ita­liener abhängig.

Mit VW-Bussen werden hun­derte zah­lende Zuschauer zu den Sport­plätzen der Region gebracht. Man­cher Verein kann sich nach einem Spiel gegen Lupo Wolfs­burg finan­ziell neu auf­stellen. Als die ersten Deut­schen die Seiten wech­seln und bei Lupo kicken, werden sie ange­feindet. Wer spielt schon mit den Kanaken, heißt es. Die Gewinner, ant­worten sie. 1981, als der Verein die Bezirks­klasse erreicht und die Spieler längst aus dem Lager und in kleine Woh­nungen gezogen sind, um Fami­lien zu gründen, fusio­niert Lupo mit U.S. Mar­tini, dem zweiten ita­lie­ni­schen Klub in Wolfs­burg. Seitdem heißt es: Will­kommen bei Unione Spor­tiva Ita­liana Lupo-Mar­tini Wolfs­burg. Trotz der Rei­be­reien kommen die Gegner nach Abpfiff oft ins Centro Ita­liano, das Gemein­de­zen­trum Wolfs­burgs. Dort wird ita­lie­nisch gegessen, ita­lie­nisch getrunken, ita­lie­nisch gefeiert. Und in einem Hin­ter­zimmer, das so manche Geschichte mit­er­lebt hat, ent­steht das erste Klub­haus der U.S.I.

Ver­gleichbar mit den Türken in Kreuz­berg“

Lupo-Mar­tini Wolfs­burg – für Giu­seppe Gene­tiempro, den stets enga­gierten Spar­ten­leiter, der mit am Tisch sitzt und sich über alte Fotos beugt, ist das mehr als ein Verein. Als Kind ist das Wochen­ende für ihn ein ein­ziges Fest. Wenn sein Vater den kleinen Pep­pino mit zum Sport­platz nimmt, die Luft nach Pizza und Pasta riecht und auf dem Platz die Aus­wahl der Ita­liener den nächsten Gegner vom Asche­platz fegt. Wenn ich sonn­tags nicht zum Spiel durfte, weil ich am nächsten Tag eine Klas­sen­ar­beit schrieb, saß ich heu­lend in meinem Zimmer“, erin­nert sich Gene­tiempro, der noch heute Pep­pino gerufen wird.

Weil der Verein zu dieser Zeit noch keine Jugend­ab­tei­lung betreibt, kann Gene­tiempro, der Tor­wart, erst kurz vor dem Über­gang in die Her­ren­mann­schaft wech­seln. Dann steht er mit seinen hellen Locken zwi­schen den Pfosten. Als ich das erste Mal in der Kabine saß und mein Trikot ange­zogen habe“, sagt Gene­tiempro, das war ein gran­dioses Gefühl.“ Anfangs laufen seine Lands­leute noch mit dem ita­lie­ni­schen Wappen auf. Das Logo der U.S.I Lupo-Mar­tini bedeutet den Spie­lern nicht weniger. Als Ita­liener bist du irgend­wann bei Lupo gelandet“, sagt Gene­tiempro. Und Loch­iatto, der Vor­sit­zende, legt drauf: Sie sind alle hier gelandet. Das war ein Muss.“

Des­halb kehrt eines Tages auch Fran­cisco Coppi zurück. 1969 noch im Lager, dem Ita­lien-Dorf“, geboren, bezeichnet die Wolfs­burger All­ge­meine Zei­tung“ Coppi schon im Jugend­alter als das größte Fuß­ball­ta­lent der Region“. 1992 holt ihn der Zweit­li­gist VfL Wolfs­burg in die Mann­schaft. Als Coppis Talent dort nicht weiter geför­dert wird, er auf der Bank zu ver­sauern droht, wech­selt er zurück und spielt wieder mit dem Lupo-Mar­tini-Logo auf der Brust. Der ita­lie­ni­sche Fuß­ball kann es fast mit dem besten Verein der Stadt auf­nehmen, weil die Gemeinde immer weiter wächst. Loch­iatto sagt: Es gab eine Zeit, da haben fast 15 000 Ita­liener hier gelebt. Ver­gleichbar mit den Türken in Kreuz­berg.“