Erwin Kos­tedde, welche Erin­ne­rungen sind Ihnen von Ihrer Fuß­ball­kar­riere geblieben?

Viele! Obwohl es lang zurück liegt und damit meine ich mehr als nur die Jahre, die ver­gangen sind. Mit der Natio­nal­mann­schaft 1975 vor 100.000 im Wem­bley-Sta­dion ist unver­gess­lich oder die Atmo­sphäre am Bie­berer Berg in Offen­bach. Unser erstes Bun­des­li­ga­spiel gegen Ein­tracht Frank­furt 1972. Die Riva­lität zwi­schen Offen­bach und Frank­furt ist genauso wie bei Dort­mund gegen Schalke. Schon vier Wochen vor dem Derby ging das Theater los. Ich machte das 1:0, aber danach legten Gra­bowski, Höl­zen­bein & Co. richtig los. Zwei Tore von Gra­bowski waren die Folge, und wir hechelten hin­terher. Und dann weiß ich es noch wie heute: Die letzten fünf Minuten bre­chen an. Sigi Held geht durch, flankt, ich bin da: 2:2. Und kurz vor Schluss mache ich sogar noch das 3:2‑Siegtor. Am Montag darauf musste ich mit meinem Auto zu meiner Fiat-Werk­statt nach Frank­furt: Die haben mich nicht bedient! Nach einer Stunde bin ich abge­hauen. Dann das Rück­spiel im Wald­sta­dion. Tau­sende von Frank­furter sangen: Zehn Schwule und ein Nigger!“

Haben solche Schmä­hungen Sie nicht von der Kind­heit an ver­folgt?

Natür­lich. Die Väter der anderen kamen aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft wieder und da hieß es: Was ist das denn für einer?“ Manchmal merkte ich auch, dass es Eltern nicht mochten, wenn ich mit den anderen Kin­dern spielte. Ich habe Dinge erlebt, die kann ich nicht erzählen. Im schwarzen“ Münster war es schon schlimm, wenn Du sonn­tags in Jeans her­um­liefst, aber ich trug tagaus, tagein die fal­sche Haut­farbe. Nach dem Krieg waren wir in Münster drei Misch­linge und wir kannten uns alle drei. Der Erste war Mess­diener und kam nach einer Beer­di­gung bei einem Ver­kehrs­un­fall um. Der Zweite ertrank im Aasee. Da bekam ich schon als Kind pani­sche Angst, dass irgendein Unheil oder Fluch über uns liegen würde.

Fanden Sie durch den Fuß­ball die nötige Aner­ken­nung?

Für mich gab es nur Fuß­ball. Wir hatten eine Schul­mann­schaft, und ich war der Beste. Das merkt man sofort – auch als Zehn­jäh­riger. Ich war kein guter Schüler und hatte auch keine Lust, zu lernen. Nur in Erd­kunde war ich ganz gut. Ich wollte ja immer weg. Am Besten nach Ame­rika, aber das habe ich nicht geschafft.

Statt­dessen ging es zum MSV Duis­burg.


Und dort ging es richtig gut los. Ich bekam her­vor­ra­gende Kri­tiken. Vom neuen Péle“ wurde geschwärmt, weil der Presse auf­grund meiner Haut­farbe nichts anderes ein­fiel. Ich wohnte in Duis­burg bei netten Leuten in einem kleinen Zimmer in der Lothar­straße. Wie es früher so war, ging man nach dem Trai­ning gemeinsam einen trinken. Wir standen an der Theke und dann war der eine weg, dann der andere. Auf einmal war ich allein. Aber was soll’s! Das Zimmer hat mich nicht gereizt, also habe ich durch­ge­macht und am nächsten Tag das Trai­ning ver­pennt. Ich war ein­fach zu jung und allein. Der Ruhm stieg mir zu Kopf, und ich bin um die Häuser gezogen. Der Ärger mit meinem Trainer Gyula Lorant blieb nicht aus. Also habe ich mir eine Aus­zeit genommen und bin mitten in der Saison nach Ams­terdam abge­hauen. Ich träumte von der wilden Liga“ in den USA, bin dann aber doch zurück. Das Publikum nahm mich sofort wieder auf und ver­zieh mir alles. Heute schäme ich mich ein biss­chen dafür, dass ich damals so ver­sumpft bin. Ich hätte in Duis­burg mehr leisten können und die Leute dort hätten es ver­dient gehabt. Dass ich dann den geraden Weg wieder gefunden habe, habe ich meiner Frau zu ver­danken.

Wie kamen Sie 1968 nach Lüt­tich?

Ich sollte zur Ale­mannia nach Aachen. Ich hatte schon ein Trai­ning am Tivoli gehabt und ging abends durch die Stadt spa­zieren. Plötz­lich hielt ein Mer­cedes neben mir und vier Jugo­slawen sprangen heraus. Bist Du Erwin Kos­tedde?“ – Ja!“ – Du kannst bei Stan­dard Lüt­tich spielen.“ Ich winkte ab, da ich ja bei der Ale­mannia schon unter­schrieben hatte. Aber die weiter: Alles Quatsch! Was ver­dienst Du denn hier? In Lüt­tich kriegst Du 80.000 Mark pro Jahr!“ Ich sagte nur: Wie bitte?!“

Eine Menge Kohle zur dama­ligen Zeit.

Und ich konnte auch nicht wider­stehen. Ich wohnte beim dama­ligen Aachener Mäzen, einem Würst­chen­könig, in der Villa, schnappte mir nur meinen Aus­weis und ab über die Grenze. Zuerst ver­steckten mich die Spie­ler­ver­mittler“ eine Woche im bel­gi­schen Küs­tenort Knokke aan Zee. Ich bekam aus­rei­chend Hand­geld und machte Urlaub, wäh­rend die Aachener mich suchten. Als sich beide Ver­eine geei­nigt hatten, musste ich ein Trai­ning bei Stan­dard Lüt­tich absol­vieren. Zu meiner Über­ra­schung war der Ver­trag also noch gar nicht per­fekt! Der ver­sam­melte Vor­stand war anwe­send. Zum Glück meinte es der Trainer gut mit mir. Ich hatte nur wenig trai­niert und keine Luft. Er stellte mich in den Sech­zehner und ließ mich Flanken ver­ar­beiten. Léon Sem­meling, bel­gi­scher Natio­nal­spieler, von rechts, und Antan Nosz, unga­ri­scher Natio­nal­spieler, von links. Die Flanken kamen but­ter­weich, und von zehn habe ich neun in den Knick gehauen. Alle waren am Staunen, und danach ging es hoch zum Vor­stand. Da lagen die 80.000 DM in bar auf dem Tisch. Na prima“, dachte ich nur.

Sie wurden mit Lüt­tich dreimal Meister und 1970/71 Tor­schüt­zen­könig in der Jupiler League. Sollten Sie nicht sogar bel­gi­scher Natio­nal­spieler werden?

Es gab eine Anfrage vom bel­gi­schen Ver­band, aber ich habe abge­lehnt. Ich fühlte mich als Deut­scher und wollte es in meinem Geburts­land schaffen. Das konnte man in Bel­gien nicht ver­stehen. Der Ruf Deutsch­lands wurde sehr von den Erfah­rungen des Zweiten Welt­kriegs geprägt. Wil­fried Van Moer, ein bel­gi­scher Welt­klas­se­spieler, der mir unzäh­lige Bälle auf­legte, läs­terte immer: Duit­s­land, Duit­s­land über alles!“ Viele erklärten mich auch für ver­rückt, wie ich über­haupt auf den Gedanken kommen könnte, ein Far­biger würde mal in der deut­schen Natio­nal­mann­schaft stehen. Zehn Jahre später lan­dete ich in Frank­reich bei Stade Laval. Zu dem Zeit­punkt hatte ich meine Län­der­spiele schon hinter mir, und ein Mit­spieler aus dem Senegal, der sogar ein paar Bro­cken deutsch konnte, stam­melte ganz ungläubig: Du deut­scher Natio­nal­spieler? Aber Du schwarz!“

Helmut Schön berief Sie 1974 in die Natio­nal­mann­schaft. War Ihnen da klar: Ich schreibe jetzt Geschichte!“?

Unbe­dingt! Und ich bin bis heute sauer auf mich selbst, dass ich nur drei Spiele gemacht und dabei kein Tor geschossen habe. Jupp Der­wall und Franz Becken­bauer waren meine Für­spre­cher. Ich war stolz darauf, Natio­nal­spieler zu sein. Viel­leicht zu stolz, denn bei den Spielen war ich zum Teil völlig über­mo­ti­viert. Ich war dem Geld­ver­dienen in meiner Kar­riere nie abge­neigt, wer ist das schon, aber in Sachen Natio­nal­mann­schaft war es mir voll­kommen egal. Ich stand da, der kleine far­bige Junge aus Münster, dem die Schul­ka­me­raden früher ins Ohr geflüs­tert hatten: Gleich kommen die Deut­schen und erschießen Dich. Du bist ein Ami!“, und hatte es geschafft. Jetzt war ich end­lich kein Außen­seiter mehr. Jeden­falls hoffte ich das. Aber später sollte sich zeigen, dass das wohl ein Irrtum war.

Hätte sich etwas geän­dert, wenn Sie weiß gewesen wären?

Als Weißer hätte ich jeden­falls nie so im Mit­tel­punkt gestanden. Sie dürfen es mit heute nicht ver­glei­chen. Heut­zu­tage hat jede Mann­schaft einen schwarzen oder far­bigen Spieler mit oder ohne deut­schen Pass oder die vielen dun­kel­häu­tigen Bra­si­lianer. Aber früher? Es liefen 22 Spieler auf und nur einer stach heraus: Ich – der Far­bige Erwin Kos­tedde. Das war kein Segen, son­dern eine Last! Als Far­biger musste man also immer besser sein oder man ging unter. Das hatte ich schnell gelernt.

Ihr Geld haben Sie durch einen dubiosen Anla­ge­be­rater mit Schein­firmen und Bau­her­ren­mo­delle in Eng­land und Bel­gien ver­loren.

Ja, ich dachte ich hätte das Geld gut und kri­sen­fest ange­legt und immer wieder etwas nach­ge­schoben. Ich habe leider oft den fal­schen Freunden ver­traut. Heute denke ich, wie blöd ich damals war und wie neu­reich“ ich gedacht habe. Ich habe über eine Mil­lion Mark ver­loren. Dafür hatte ich viel ein­ste­cken müssen: Hosi­anna“ und Kreu­zigt ihn!“. Das war alles Schmer­zens­geld, und alles war weg.

Später saßen Sie wegen eines Über­falls auf eine Spiel­halle in Coes­feld unschuldig im Knast.

Das hat mein Leben ver­än­dert. Sitzen sie mal unschuldig. Die Polizei und die Staats­an­walt­schaft trugen haar­sträu­bende Indi­zien gegen mich zusammen. Da sitzt du im Gerichts­saal und denkst: Was läuft hier für ein Film ab? Ich konnte doch nicht zugeben, was ich gar nicht gemacht hatte. Der­je­nige, der mich haupt­säch­lich belas­tete, war ein Mann aus einem Zigar­ren­laden neben der Spiel­halle – und der war ein Fan von Schalke 04. Der hat wohl zur Polizei gesagt: Hört mal! Ihr braucht nicht suchen. Ich weiß, wer das war. Das war der Erwin Kos­tedde. Den kenne ich aus dem Park­sta­dion.“ Die ganze Anklage beruhte auf win­digen Indi­zien und stellte sich im Gerichts­ver­lauf als Farce heraus. Aber Sie können zehnmal frei­ge­spro­chen werden, das bleibt hängen. Keiner gibt mir meinen Ruf, zurück und das Schlimmste war, wie meine Familie dar­unter leiden musste. Ich sage Ihnen ganz ehr­lich: Seit damals 1990 im Knast ist der frü­here Erwin Kos­tedde tot.

Aber Sie sind immer noch Erwin Kos­tedde. Warum tragen Sie eine per­sön­liche Schuld für etwas, was eher ein gesell­schaft­li­cher Skandal war?

Ich war damals auch im tiefsten Herzen belei­digt – von der Staats­an­walt­schaft und von der Gerech­tig­keit an sich. Mir das Ver­gehen über­haupt zuzu­trauen… Willi Lip­pens und seine Frau Monika haben mich im Knast besucht und mora­lisch auf­ge­baut. Das werde ich denen mein Lebtag nicht ver­gessen. Wie? Der Erwin mit ner Wumme in der Hand?“ – Nie im Leben!“ So haben die reagiert und dazu haben sie gestanden. Aber sie waren leider eine Aus­nahme. Und jeder Mensch ist ver­schieden stark und für den Druck im Knast war ich nicht stark genug.

Im Prinzip sind Sie öffent­lich immer noch nicht reha­bi­li­tiert, oder?

Wenn heute der Name Erwin Kos­tedde fällt, kommt die Geschichte von 1990 immer wieder hoch. Aber der Fuß­baller Erwin Kos­tedde, der auch einiges erreicht und geleistet hat, wo ist der geblieben? Mit den alten Eska­paden und dem Ver­lust des Geldes hat das gar nichts zu tun. Ich will hier nichts Schön­reden. Das war meine Schuld und damit kann ich auch leben. Womit ich aber nicht leben kann, ist die Art und Weise wie mein Ruf durch eine fahr­läs­sige Polizei, eine pro­fil­süch­tige Staats­an­walt­schaft und die Bou­le­vard­presse zer­stört wurde. Manchmal rede ich mit meiner Frau Monique dar­über, wie es gewesen wäre, wenn ich kein Fuß­baller geworden wäre: eine Arbeit im Hand­werk oder mor­gens zum Büro und abends nach Hause. Viel­leicht wäre das für mich und meine Familie besser gewesen.