An wel­chem Tag sich die beiden Männer wieder trafen, ist nicht über­lie­fert. Es soll irgend­wann in den frühen Neun­zi­gern gewesen sein, so erzählt man sich in Leeds. Der Alkohol hatte George Best mitt­ler­weile ordent­lich zuge­setzt, er war seit Jahren durch Bars und Hotel­lobbys getau­melt, hatte die Gläser der Welt aus­ge­trunken und gewiss jeg­liche Form von aus­fran­senden Halb­welt­ge­sich­tern gesehen – nicht zuletzt sich selbst im Spiegel. Doch eine zufäl­lige Begeg­nung mit dem alko­hol­ab­hän­gigen und vom Stra­ßen­leben gezeich­neten Albert Johan­neson soll Best für einige Wochen so sehr aus der Bahn geworfen haben, dass er davon noch Jahre später erzählte. Sein Leben änderte er den­noch nicht, und auch Albert Johan­neson griff wei­terhin zur Fla­sche.



Am 29. Sep­tember 1995 fand die Polizei Johan­ne­sons Leiche in einer kleinen her­un­ter­ge­kom­menen Woh­nung in Leeds, die er mit seinem Bruder Trevor bewohnt hatte. Er war zu dem Zeit­punkt bereits seit ein oder zwei Tagen tot. Die Patho­logen kon­sta­tierten einen natür­li­chen Tod“, es war die offi­zi­elle Ver­sion, die auch der Verein nach außen gab. Rob Hughes schrieb der­weil einen ergrei­fenden Nachruf in der New York Times: Albert Johan­neson, auf­ge­wachsen als Schwarzer in Süd­afrika war ein Mann, ein Star, der geboren und gestorben ist als Opfer der Apart­heid.“

Albert Johan­ne­sons Bio­grafie erzählt die Geschichte eines ewig Fremden. Geboren am 13. März 1940, wuchs Johan­neson in einem Town­ship am Rande von Johan­nes­burg zur Hoch­zeit der Apart­heid auf. Sein Raum war von Beginn an klar defi­niert, er wusste, wie er mit Weißen kom­mu­ni­zieren, an wel­chem Strand er spielen oder wie viele Stunden er in der Stadt ver­bringen durfte. Selbst die Zukunft, Schule, Arbeit – alles war fest­ge­ge­legt.

Das impro­vi­sierte Spiel

Fuß­ball inter­es­sierte ihn in seiner Jugend kaum, erst mit 18 Jahren begann er zu spielen. Nicht in den großen weißen Ver­einen, son­dern in Klubs mit Namen wie Ger­miston Coloured School oder Ger­miston Col­liers. Mit seinen nur 1,70 Meter bestach Johan­neson durch seine Schnel­lig­keit und Wen­dig­keit, doch erstaunte vor allem seine Ver­siert­heit am Ball, denn nie­mand hatte ihm jemals die Technik bei­gebracht. Johan­neson impro­vi­sierte sein Spiel, er agierte intuitiv.

Einen süd­afri­ka­ni­schen Schul­lehrer begeis­terte dieses freie Spiel so sehr, dass er sich seiner annahm und ihn ver­schie­denen Klubs in Eng­land anpries. Der dama­lige Zweit­li­gist Leeds United ver­pflich­tete den 21-Jäh­rigen dar­aufhin auf Leih­basis für drei Monate und nahm ihn im April 1961 unter Ver­trag. Johan­neson war somit nach Roy Brown (Stoke City) und Charlie Wil­liams (Don­caster Rovers) einer der ersten Schwarzen im eng­li­schen Pro­fi­fuß­ball, und nach Gerry Francis, der seit 1957 eben­falls für die Peacocks“ spielte, der zweite süd­afri­ka­ni­sche Fuß­baller auf der Insel.

Johan­neson sprach die Mit­spieler mit Sir“ an

So war Johan­neson bei seiner Ankunft in der neuen Welt nicht gänz­lich auf sich gestellt. Francis stand ihm zur Seite. Die Sorge, als Schwarzer unter Weißen nicht aner­kannt zu werden, ver­schwand den­noch nie. Gerade in den ersten Wochen wohnte sie jeder seiner Hand­lungen inne: Als etwa ein Mann, ein Weißer, nach dem ersten Trai­ning seine Schuhe zum Putzen mit­nahm, war Johan­neson so irri­tiert, dass er sie ihm nicht aus­hän­digen wollte. Seine Mit­spieler, die er mit Sir“ ansprach, mussten ihm erklären, dass es nichts Unge­wöhn­li­ches sei, wenn ein Weißer die Schuhe der Spieler putze.

Ver­wun­der­li­cher noch als die Sache mit den Schuhen erschien Johan­neson das gemein­same Duschen nach den Spielen. Nach seinem Ver­ständnis war es Schwarzen kaum erlaubt, mit Weißen in einem Raum zu stehen, und nun sollte er mit ihnen duschen. Erst als ihm seine Mit­spieler nach einem Trai­ning auf­lau­erten, seine Kla­motten vom Leib rissen und mit lautem Gejohle unter die Dusche zerrten, ahnte er, dass es in Ord­nung war. Er ver­stand ihre Geste: es war zwar ein hartes eng­li­sches Will­kommen, doch zugleich eine sym­bo­li­sche Umar­mung der gesamten Mann­schaft.

Die wahr­haf­tige Umar­mung seiner weißen Mit­spieler ließ den Süd­afri­kaner indes erstarren. Als Johan­neson in seinem ersten Spiel, am 8. April 1961, zwei Tore von Jack Charlton vor­be­rei­tete, stürmten seine Mit­spieler freudig auf ihn zu. Plötz­lich waren da wieder die Bilder aus Süd­afrika. Ren­nende weiße Männer bedeu­teten für ihn nichts Gutes“, sagt Paul Eubank, ein Lehrer und Weg­ge­fährte des Süd­afri­ka­ners, der momentan an Johan­ne­sons Bio­grafie schreibt. Und daher bewegte sich der Spieler nicht. Er stand dort wie gelähmt.

Das Gefühl von Min­der­wer­tig­keit legte er erst recht nicht bei nega­tiven Erleb­nissen ab. Wenn Johan­neson Form­tiefs durch­lief, die Presse schlecht über ihn schrieb oder die Fans der geg­ne­ri­schen Teams Bananen nach ihm warfen, sank sein Selbst­be­wusst­sein voll­ends in sich zusammen. Gerade bei ras­sis­ti­schen Anfein­dungen zog er sich zurück in die demü­tige Hal­tung, die er in Johan­nes­burg außer­halb seines Town­ships über Jahre ver­in­ner­licht hatte. Über Ras­sismus beschwerte er sich jeden­falls nie öffent­lich. Nur einmal wies er seinen Trainer Don Revie darauf hin, dass ein Spieler von Everton – Johan­neson nannte seinen Namen nicht – ihn einen schwarzen Bas­tard“ genannt hatte. Revie meinte es gut, als er tro­cken ant­wor­tete: Wenn das noch mal pas­siert, nenn ihn einen ver­dammten weißen Bas­tard!“ Johan­neson beschwerte sich nie wieder.

Albert ist ein tap­ferer Mann“, sagte George Best einmal über den Süd­afri­kaner. Ein mutiger Mensch!“ Viele Jour­na­listen sahen jedoch weniger den Men­schen, den mutigen, der dazu noch gut Fuß­ball spielte, son­dern erstaunten oder ver­zückten sich über einen Fuß­baller, der schwarz war. Das war im öffent­li­chen Echo die Sen­sa­tion. Dass er ein genialer Spieler war, über­sahen die meisten“, sagte auch sein Mit­spieler Billy Bremner später. Er spielte flink, berei­tete Tore vor und schoss selber etliche.“ Johan­neson, der flie­gende Stürmer auf der linken Außen­bahn, schoss in 200 Spielen für Leeds United 72 Tore – für einen Außen­stürmer eine fan­tas­ti­sche Quote.

Ver­in­ner­li­chung der Min­der­wer­tig­keit

Trotz seiner Popu­la­rität bei den Fans hielt sich Johan­neson gerne im Hin­ter­grund auf. Mit­unter sah das nach Ohn­macht aus. Frantz Fanon beschrieb dieses Ver­halten einmal als Resultat eines Min­der­wer­tig­keits­kom­plexes, in dem sozio­öko­no­mi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Aspekte zusam­men­treffen: Wenn es einen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex gibt, so infolge eines dop­pelten Pro­zesses: zunächst eines öko­no­mi­schen, sodann durch Ver­in­ner­li­chung oder besser Epi­der­mi­sie­rung dieser Min­der­wer­tig­keit.“ In diese Epi­der­mi­sie­rung“ sind die his­to­ri­schen Erfah­rungen von Apart­heid, Kolo­ni­sa­tion und Skla­verei ein­ge­schrieben, die auch in neuen sozialen Räumen nicht abge­schüt­telt werden.

So schien es oft­mals, als beju­belte Johan­ne­sons zwar groß­ar­tige Spiele, seine Dribb­lings und seine Tore, doch zugleich hin­ter­fragte er seinen Status. Er schien ungläubig dar­über, dass er der­je­nige war, dem dies gelang. Nach dem Auf­stieg in die erste Liga 1964, hörte man ihn häu­figer sagen, dass er lieber unter­klassig gespielt hatte, dort, wo die Erwar­tungs­hal­tungen nicht so hoch waren, dort, wo er glaubte eigent­lich hin­zu­ge­hören: In die zweite Liga. Sein Mit­spieler Billy Bremner sagte einmal: Albert hatte kein Selbst­ver­trauen. Er konnte spielen, er war wahn­sinnig schnell, das schon, und mit Bobby Col­lins har­mo­nierte er gut. Doch es schien, dass er sich immer wieder fragte, warum ihm das pas­sierte, es war ganz so, als glaubte er, ein Schwarzer sei nicht dafür bestimmt, berühmt zu sein.“

Dabei ern­tete Johan­neson Lob von allen Seiten. Selbst einige Zei­tungen kon­zen­trierten sich nach der anfäng­li­chen Sen­sa­ti­ons­lust ob des exo­ti­schen Schwarzen mehr auf den Genia­lität seines Spiels. Als Leeds United 1964 in die erste Liga auf­stieg, hatte er in der Presse seinen neunen Namen: Wizard of the wing“. Und die Times schwärmte: Er ist so schnell, es sieht aus, als berührten seine Füße kaum den Boden, als liefe er über bren­nende Kohlen.“ Und sein Mit­spieler Johnny Giles beju­belte nach einem Spiel gegen New­castle United das schönste Tor“, das er je gesehen hatte: Albert war von drei Leuten umstellt, er stand mit dem Rücken zum Tor und wurde eigent­lich zurück­ge­drängt. Doch dann wen­dete er sich und spielte einen nach dem anderen aus, am Ende lupfte er den Ball über den Tor­wart.“

Und als Leeds United 1965, nach zwei hart umkämpften Halb­fi­nals gegen Man­chester United, das End­spiel des FA Cups erreichte, war die Times erneut außer Fas­sung: Der far­bige Johan­neson aus Johan­nes­burg, der mit den gazel­len­haften Sprints, spielt wie ein gehe­mins­voller Bra­si­lianer.“ Das Finale in Wem­bley aller­dings wurde für Johan­neson zum Wen­de­punkt seiner Kar­riere. Dabei sollte es sein großer Tri­umph werden. Sie schworen ihn alle ein, Mit­spieler, Trainer, Fans, Presse. Doch an jenem Tag gelang dem Black Flash“ nichts. Er hatte sich eine Woche zuvor in Bir­mingham seinen Knö­chel ver­letzt, aber die Pro­bleme im Finale gegen den FC Liver­pool schienen eher psy­chi­scher denn phy­si­scher Natur zu sein. Johan­neson erstarrte auf dem Feld. Wieder einmal.

In der kom­menden Spiel­zeit lief Johan­neson seiner Form hin­terher. Er ver­letzte sich immer und immer wieder und wurde schließ­lich von Mike O’Grady ersetzt, der vor der Saison von Hud­der­field Town gekommen war. Später ver­pflich­tete Leeds United den Flü­gel­stürmer Eddie Gray und mit ihm war nicht nur Johan­ne­sons Stamm­platz auf der linken Bahn dahin und sein Trikot mit der Nummer 11, son­dern vor allem die eins­tige Leich­tig­keit. Und nun bemerkten auch die Gegen­spieler seine Unsi­cher­heit. An Johan­neson klebte jenes durch die Kolo­ni­al­zeit geprägte Kli­schee vom feigen Schwarzen, der zwar aus­dau­ernd laufen könne, aber nicht, weil er selber jage, son­dern weil er gejagt werde. Dieses Kli­schee ver­dich­tete sich zu seinem Stigma. In einem Spiel gegen Tot­tenham bear­bei­tete ihn Cyril Knowles etwa so lange, bis Johan­neson sich aus­wech­seln ließ. Uniteds Manager Alan Roberts sagte später: Johan­neson war zu sanft, zu schüch­tern. Und zugleich wurde das Spiel immer härter.“ Nach seinem Weg­gang zu York City im Sommer 1970 sahen sich viele seiner Kri­tiker bestä­tigt.

Und nun habe ich nichts“

In York blitzte sein Können noch ein paar Mal auf, im FA Cup schied der Viert­li­gist erst gegen das First-Divi­sion-Team FC Sout­hampton aus. Nach einem 3:3 in der ersten Partie verlor Leeds das Wie­der­ho­lungs­spiel mit 2:3. Johan­neson war der über­ra­gende Spieler. Doch er ver­letzte sich erneut und been­dete nach der Saison seine Kar­riere. Fast unbe­merkt.

Als­bald begann er zu trinken, harten Stoff, seine Frau und seine Tochter ver­ließen ihn, sie zogen in die USA. Johan­neson war am Ende. Erst Jahre später wurde ihm dies wirk­lich bewusst: Ich war ein Bas­tard, ich konnte mit der Situa­tion nicht umgehen. Und nun habe ich nichts.“ Die ersten Anzei­chen seiner Trunk­sucht hätte es schon Jahre vorher gegeben, in einem Match gegen Stoke City in der Sasion 1966/67. Trainer Revie bewahrte zu jener Zeit in der Kabine stets eine Fla­sche Whiskey auf, die eigent­lich für Bobby Col­lins bestimmt war, der sich mit einem kleinen Schluck des harten Gesöffs moti­vierte. Eine Art Tick. Als Johan­neson in der Halb­zeit aus­ge­wech­selt wurde, blieb er in der Kabine, er kehrte nicht mehr zur Aus­wech­sel­bank zurück. Als die Spieler nach dem Spiel die Kabine betraten, war die Fla­sche leer. Johan­neson lag auf dem Boden. 

Einige ehe­ma­lige Mit­spieler ver­suchten ihm zu helfen, boten ihm an, die Ex-Spieler-Ver­ei­ni­gung, ein gesel­liges Zusam­men­sein von Ehe­ma­ligen, zu besu­chen. Doch Johan­neson lehnte ab. Gele­gent­lich schaute er noch beim Trai­ning vorbei. Dann ver­sprach er den ehe­ma­ligen Mit­spie­lern, er wolle wieder mit dem Fuß­ball beginnen, alleine, er wüsste nicht wie, es fehle ihm an Equip­ment, an Schuhen, Hosen, Jer­seys. Eddie Gray, der nach seiner Pro­fi­kar­riere in den Acht­zi­gern als Manager bei Leeds United tätig war, sagt: Ich wusste, dass er das Equip­ment ver­kaufen wollte, um sich dafür Alkohol zu kaufen. Ich gab es ihm trotzdem.“

Ein schwarzer Ozean

Einige Male schlief Johan­neson in Obdach­lo­sen­heimen, doch nicht immer war es ein­fach, einen Schlaf­platz zu bekommen, und so musste manchmal auch die Bahn­sta­tion rei­chen. Jeden­falls so lange bis ihn ein Leeds-Fan, der in einem nahe gele­genen Hotel arbei­tete, erkannte, und ihn auf einem Sofa in der Lobby schlafen ließ. Später zog Johan­neson zu seinem Bruder Trevor, der ebenso gerne trank wie er.

Jahre nach seinem Tod fand Paul Eubanks die Grab­stätte von Johan­neson. Kein Stein, nicht mal ein höl­zernes Kreuz, nur eine Nummer mar­kierte die Stelle. Eubanks infor­mierte den Klub, der dar­aufhin ein Kreuz ver­sprach. Schließ­lich gelang es Eubanks, einen Grab­stein auf­zu­stellen. Auf ihm ließen Johan­ne­sons Tochter und Frau ein Vers des Bür­ger­recht­lers Maya Angelou gra­vieren: I am a black ocean lea­ping and wide.“

Später erin­nerte sich auch George Best noch einmal an den ersten Süd­afri­kaner, der im eng­li­schen Fuß­ball Berühmt­heit erlangte. Er wie­der­holte seinen Satz von einst: Albert war tapfer. Ein großer Spieler.“ Und fügte an: Doch war er vor allem ein sehr guter und freund­li­cher Mensch. Und das ist, glaube ich, noch viel wich­tiger als das, was er am Ball konnte. Es ist wich­tiger als alles andere.“