Seite 3: „Beim Sechser geht es nicht ums Abkippen“

Der Fuß­ball ist zu einer glo­ba­li­sierten Wis­sens­ge­sell­schaft geworden? 
Ja. In allen Bran­chen kann man heut­zu­tage besser und ein­fa­cher Infor­ma­tionen ein­holen, auch im Fuß­ball. Ich kenne einen Trainer in Äthio­pien, der wird sich in dieser Saison über Satel­li­ten­fern­sehen unsere Spiele in der Europa League anschauen. Noch vor zehn Jahren hätte er kaum Zugang zu euro­päi­schem Fuß­ball gehabt. Wenn er sich jetzt ein Spiel anschaut, macht er viel­leicht mit dem Smart­phone ein Foto von einer Situa­tion, zeigt es seinen Spie­lern und sagt: Jungs, so wie die wollen wir auch spielen.“

Leitet sich also der Stil, den Glad­bach unter Marco Rose spielen wird, aus hun­derten Ein­flüssen ab? 
Letzt­lich gibt es schon klare Grund­ele­mente seiner Spiel­phi­lo­so­phie. Gegen den Ball ist Marco am ehesten von Jürgen Klopp inspi­riert. Mit dem Ball haben wir Ansätze von gedul­digem Posi­ti­ons­spiel, wie es Glad­bach die letzten Jahre auf gutem Niveau prak­ti­ziert hat, aber auch wieder Klopp mit dem Fokus auf schnelle Kom­bi­na­tionen und Spiel in die Tiefe.

Mit allem Respekt: Ist der Begriff Phi­lo­so­phie“ im Fuß­ball nicht fast zu einem Witz geworden? 
Für mich nicht, denn inzwi­schen doku­men­tieren viele Ver­eine sehr genau, wie sie spielen wollen. Da kann man zurecht von einer Spiel­phi­lo­so­phie spre­chen. Ich selber habe in diesem Sommer im Urlaub 16 Prin­zi­pien für tech­ni­sche Aktionen von Fuß­bal­lern auf­ge­schrieben, nach denen man sie über­grei­fend für alle Spiel­weisen bewerten kann.

Sind Sie ein Nerd? 
Wirke ich so? 

Eigent­lich nicht. 
Ich bin auch ein eher gemüt­li­cher Typ, aber ich bin schon sehr inter­es­siert an der Materie, und das seit zwanzig Jahren. Zuge­geben, schon als Fünf­jäh­riger habe ich alle Spiele der WM 1998 auf Video auf­ge­nommen.

Die Frage kommt viel­leicht etwas früh, aber wollen Sie mal Chef­trainer werden? 
Ich war ja schon Chef­trainer, wenn auch nur bei einer Ama­teur­mann­schaft, und das hat mir Spaß gemacht. Als ich dann mit Marco gear­beitet habe, habe ich aber erst mal gesehen, wie viele Sachen ich falsch gemacht habe. 

Was denn? 
In der Ansprache der Mann­schaft war ich bei­spiels­weise zu unstruk­tu­riert, indem ich immer wieder wech­selnde Themen ange­spro­chen habe. Bei Marco dagegen hat das Hand und Fuß und trifft genau den Punkt. Hätte ich das so gemacht, wären manche Dinge schneller oder besser gegangen. Aber ob ich mir noch fünf oder zehn Jahre als Assis­tent etwas abschauen will, kann ich noch nicht sagen. 

Sie sind zum ersten Mal im Aus­land, wie gefällt es Ihnen bei Borussia Mön­chen­glad­bach? 
Mich beein­druckt, dass trotz der beein­dru­ckenden Tra­di­tion und Größe des Klubs eine so fami­liäre Atmo­sphäre herrscht. Die meisten Ange­stellten sind Fans, sehr begeis­te­rungs­fähig und leben ihren Verein. Als unser Trai­ner­team vor­ge­stellt wurde, kamen alle Mit­ar­beiter aus den Büros. Wir standen auf der Bühne und wurden von 120 Leuten freund­lich ange­lä­chelt, das war wirk­lich toll.