Wo muss Messi spielen? Wie kann uns Messi am besten helfen? Können wir uns glück­lich schätzen, Messi zu haben? Ist Messi ein Segen oder ein Fluch? Seit Jahren stellen sich die Argen­ti­nier solche und ähn­lich exis­ten­ti­elle Fragen, wenn es um das Wun­der­kind geht, das seit 2005 als legi­timer Erbe von Diego Mara­dona gehan­delt wird.

Seitdem wir das erste Mal zusam­men­spielten, war mir klar, dass er ein beson­derer Junge ist“, sagte Juan Sebas­tián Verón wäh­rend der Copa Amé­rica 2007 in Vene­zuela. Damals galt Ronald­inho noch als bester Spieler der Welt. Ich bin sicher, dass Messi eines Tages für Argen­ti­nien das sein wird, was Ronald­inho heute für Bra­si­lien ist“, pro­phe­zeite Carlos Tevez.
Dabei zeigte sich schon ziem­lich früh, dass Messis Ver­hältnis zum argen­tinischen Natio­nal­team nicht ein­fach würde.

Wie ein ver­zo­gener Bengel

Die WM 2006 wird als die Erfah­rung bezeichnet, die Mara­dona im Unter­schied zu Messi nicht ver­gönnt war. Messi war damals 19, in etwa so alt wie Mara­dona 1978, als er für die WM im eigenen Land nicht nomi­niert wurde. Doch als Argen­ti­nien im Vier­tel­fi­nale gegen Deutsch­land den Kür­zeren zog, schickte José Pekerman beim Stand von 1:0 zum Glück für Messi (oder für Deutsch­land) nicht den Jung­star aufs Feld, son­dern statt­dessen Julio Cruz. Beim Elf­me­ter­schießen, das Deutsch­land 4:2 gewann, saß Messi dann wie ein ver­zo­gener Bengel auf der Bank, als ginge ihn das alles nichts an. So ähn­lich hatte er sich schon Frank Rij­kaard gegen­über im Cham­pions-League-Finale gegen Arsenal ver­halten, das Bar­ce­lona ohne ihn mit 2:1 gewann. Der Junge hatte Cha­rakter, aber der musste gezähmt werden.

Doch so sehr alle Welt bald von seinen Leis­tungen beim FC Bar­ce­lona schwärmte, daheim tat er sich schwer. Als Argen­ti­nien 2007 das Finale der Copa Ame­rica gegen Bra­si­lien verlor, war von Messi nichts zu sehen. Auch in den fol­genden Jahren blieb er in der Natio­nal­mann­schaft meist blass, ledig­lich bei den Olym­pi­schen Spielen in Peking 2008 hatte er einmal die hohen Erwar­tungen erfüllen können. Trainer der Mann­schaft, die damals Gold gewann und in der außerdem Riquelme, Angel Di María und Sergio Agüero standen, war Sergio Batista. Nachdem Mara­dona, mit dem sich Messi zwar bes­tens ver­stand, dessen Parolen wie Auf geht’s! Essen wir ihre Herzen!“ aber nie­manden wei­ter­brachten, bei der WM 2010 in Süd­afrika gran­dios schei­terte, wurde Batista zu dessen Nach­folger ernannt.

Bar­ce­lona kann man nicht kopieren

Unter Batista ver­wan­delte sich das Trai­nings­ge­lände der Argen­ti­nier in Ezeiza in eine Art Labo­ra­to­rium, in dem man ver­suchte, Bar­ce­lona zu klonen. Auf Pres­se­kon­fe­renzen wurde mehr über die Kata­lanen gespro­chen als über die eigene Mann­schaft. Die Idee dahinter war, Messi mit­tels einer Barça-Kopie weiter bei Laune zu halten.

Spielte er bei den Kata­lanen auf dem Flügel, so wurde er auch für Argen­ti­nien auf dem Flügel ein­ge­setzt. Wurde er von Guar­diola als Mit­tel­stürmer auf­ge­boten, bot auch Batista ihn als Mit­tel­stürmer auf. Batista reiste eigens nach Bar­ce­lona, um mit Guar­diola zu bespre­chen, was zu tun sei. Aber die Argen­ti­nier und Messi selbst mussten ein­sehen, dass man Bar­ce­lona nicht ein­fach kopieren kann. Cam­bi­asso war kein Xavi, Banega kein Iniesta. Es gab keinen Dani Alves, keinen Piqué und keinen Villa, die die Drecks­ar­beit machten.

Mal­dito Bar­ce­lona („Ver­fluchtes Bar­ce­lona“) wurde zum meist­ge­le­senen Artikel auf der Web­site des Sport­ma­ga­zins El Gra­fico“. Ein Essay über die fixe Idee der Argen­ti­nier, Peps Barça zu imi­tieren, und über die Unmög­lich­keit, es ohne das pas­sende Per­sonal zu schaffen. Der Artikel erschien am Tag, nachdem die Albice­leste bei der Copa Amé­rica 2011 im eigenen Land gegen Kolum­bien nicht über ein 0:0 hin­aus­ge­kommen waren. Messi war vom Publikum aus­ge­buht worden, es war einer der bit­tersten Abende seiner Kar­riere.

Das Tur­nier geriet zum Debakel für Argen­ti­nien, schon im Vier­tel­fi­nale war Schluss, und Messi blieb wie schon bei der WM in Süd­afrika ohne Tor. Für die hei­mi­schen Fans sah es so aus, als wäre der argen­ti­ni­sche Messi nur eine bil­lige Kopie des kata­la­ni­schen Ori­gi­nals. In 16 Pflicht­spielen hin­ter­ein­ander war ihm kein ein­ziger Treffer gelungen.

Messi als Bei­spiel für men­tale Blo­ckade

Wenn ich Messi hätte, würde ich ihn als Joker ein­setzen“, frot­zelte der Trainer der Argen­tinos Juniors aus Buenos Aires, Ricardo Caruso Lom­bardi. Wie die gehirn­ge­wa­schenen Anhänger einer Sekte fingen immer mehr Leute an, den aber­wit­zigen Geschichten zu glauben, denen zufolge spa­ni­sche Ver­tei­diger nicht eng genug deckten, die Cham­pions League ein­fa­cher zu spielen sei als ein Heim­spiel gegen Boli­vien oder Valencia ein leich­terer Gegner als Atlé­tico Rafaela.

El Grá­fico“ musste sich den Vor­wurf gefallen lassen, zu viel über Messi zu berichten, dessen Extra­klasse manche Leute inzwi­schen als eine Erfin­dung der Medien betrach­teten. Wenn Fern­seh­psy­cho­logen zu erklären ver­suchten, was eine men­tale Blo­ckade sei, führten sie Messi als Bei­spiel an.

Die Jungs ver­ar­schen mich“

Dann gab es noch die­je­nigen, die ihm vor­warfen, sich nicht um sein Land zu scheren. Er lebe schon so lange in Spa­nien, sei in Bar­ce­lona auf­ge­wachsen und esse lieber kata­la­ni­sche Boti­farra als argen­ti­ni­sches Cho­ripán. Er könne nicht einmal die Natio­nal­hymne singen, wie sollte ihm da die Fahne etwas bedeuten? Die Jungs ver­ar­schen mich und schi­cken mir Aus­schnitte aus der Natio­nal­hymne, um mich hoch­zu­nehmen“, ver­riet Messi. Hinter sol­chen Witz­chen steckte Juan Sebas­tian Verón, der so etwas wie eine Vater­figur für Messi war und ihm klar­zu­ma­chen ver­suchte, dass er die Dinge mit Humor nehmen solle.

Doch es blieb für Messi schwierig daheim. Keiner der Kol­legen im Natio­nal­team stand unter einem sol­chen Druck. Messi sollte nicht nur Spiele alleine ent­scheiden, son­dern musste auch noch mit den Palast­in­trigen zurecht­kommen, die bei den Argen­ti­niern seit 1990 gang und gäbe sind. Zwei Gruppen, ver­schie­denen Anfüh­rern ver­pflichtet, schauten arg­wöh­nisch auf Messi, und er wusste nicht, wie er sich ein­fügen sollte. Als wäre das nicht schon genug, sollte er auch noch in die Fuß­stapfen Mara­donas treten, denn wäre er wirk­lich so gut, wie alle behaupten, dann müsste er doch wohl auch Welt­meister werden.

Nach dem Debakel bei der Copa Amé­rica 2011 wurde auf Vérons Emp­feh­lung hin der eher boden­stän­dige Ale­jandro Sabella zum Nach­folger von Batista bestimmt. Gleich in seinem ersten Inter­view stellte er klar: Messi ist der beste Spieler der Welt, Messi ist Argen­ti­nier, also wird die Mann­schaft um Messi herum gebaut. Er ernannte ihn zu seinem Anführer und Kapitän, Javier Mascherano musste die Binde abgeben. Es gibt Leader, die viel reden, und andere, die eher zurück­hal­tend sind. Man muss nicht her­um­schreien, um eine Mann­schaft zu führen“, unter­stützte Javier Zanetti die Ent­schei­dung.

Sabella setzte sich mit Messi zusammen und fand heraus, was dieser wirk­lich wollte und wie er sich am wohlsten fühlte, näm­lich mit vielen offen­siven Spie­lern um sich herum. Er mochte es nicht und war es auch nicht gewohnt, nur einen oder zwei Stürmer vor sich zu haben. Er brauchte drei. Also stellte Sabella auf ein 4 – 3‑3-System um, das manchmal zu einem 4−2−4 wird. Das ist nicht unbe­dingt das, was ich früher gemacht habe, aber beson­dere Umstände erfor­dern beson­dere Maß­nahmen“, sagte Sabella.

Die neue Rolle als Kapitän

Statt Bar­ce­lona zu kopieren, ori­en­tierte sich Sabella eher an Real Madrid: er nahm Di María und Gon­zalo Higuaín und stellte ihnen Messi und Agüero zur Seite. Statt auf Ball­be­sitz zu bauen, ver­wan­delte sich Sabellas Argen­ti­nien in eine brand­ge­fähr­liche, schnelle Kon­ter­ma­schine. Zwei defen­sive Mit­tel­feld­spieler zur Absi­che­rung, ein schneller Pass auf einen der Fan­tas­ti­schen Vier“ und dann binnen zehn Sekunden der Tor­ab­schluss.

Messi begann so häufig zu treffen wie in Bar­ce­lona. Bald fragte nie­mand mehr, auf wel­cher Posi­tion er spielen solle oder wel­ches System besser zu ihm passe, ob er die Hymne singen könne oder nicht. Die Ver­gleiche mit Bar­ce­lona hörten auf, und sein Enga­ge­ment wurde nicht mehr in Frage gestellt. Auch seine neue Rolle als Kapitän wirkte sich positiv aus, er wurde von der Mann­schaft als Anführer und bester Spieler respek­tiert. Die Ver­gan­gen­heit war passé.

Messi reist heute lieber zum argen­ti­ni­schen Team als jemals zuvor

Inzwi­schen gibt kein argen­ti­ni­scher Fan mehr zu, Messi jemals kri­ti­siert zu haben, aber was pas­siert wohl, falls er in Bra­si­lien nicht gewinnt? Seine zuletzt mäßigen Leis­tungen für Bar­ce­lona wer­teten manche als gutes Zei­chen dafür, dass er schon an die WM denke; andere hin­gegen fragten sich, ob er noch recht­zeitig in Form komme.

So oder so ist es nicht schön, einen trau­rigen Messi zu erleben, so wie es bis 2011 fast immer der Fall war, sobald er das blau­weiße Trikot über­streifte. Sabella hofft, dass die Natio­nal­mann­schaft inzwi­schen einen hei­lenden Ein­fluss auf Messis Moral hat. Messi reist heute lieber zum argen­ti­ni­schen Team als jemals zuvor. Aber egal, wie außer­ge­wöhn­lich er ist, man hat immer das Gefühl, als befinde er sich auf dem Prüf­stand. Sollte er Argen­ti­nien zum WM-Titel führen, könnte er sich der ewigen Dank­bar­keit seiner Lands­leute sicher sein. Bis dahin aber ist Messi für sie alles andere als ein unan­tast­barer Held.