Dieses Inter­view erschien erst­mals bereits im Juli 2011.

Juri Schlünz, Axel Schulz – Sie sind beide alt­ein­ge­ses­sene Ros­to­cker. In der Meis­ter­saison 1990/91 gehörten Sie schon zum alten Eisen. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie kurz vor Sai­son­be­ginn erfuhren, dass nur die ersten sechs Mann­schaften in den bezahlten gesamt­deut­schen Fuß­ball auf­ge­nommen werden?
Juri Schlünz: Ich habe meine ganzes Fuß­bal­ler­leben bei Hansa ver­bracht und meine größte Sorge war, dass wir den Sprung in die Bun­des­ligen nicht schaffen würden. Uns allen war klar, dass dann die Lichter in Ros­tock aus­ge­gangen wären. Das war also unser Anspruch in dieser Saison: Hansa Ros­tock am Leben zu erhalten.
Axel Schulz: Für mich gab es keine Alter­na­tive zu Hansa, woan­ders hätte ich nie spielen wollen. Ich brauche nun mal die Ostsee wie die Luft zum Atmen und Hansa zum Fuß­ball spielen. Wir alle hatten uns vor Sai­son­be­ginn auf das Ziel sechster Platz ein­ge­schworen. Ohne die Qua­li­fi­ka­tion für die Bun­des­liga wären wir heute sicher­lich nicht da wo wir sind.

Der Erfolg dieser Saison ist eng mit dem Namen Uwe Rein­ders ver­bunden. Was machte er besser?
Axel Schulz:
Er machte vor allem vieles anders. Vorher trai­nierten wir in der Vor­be­rei­tung teil­weise vier Mal am Tag. Da verlor man schon mal die Lust. Unter Uwe Rein­ders wurde dann kürzer und nicht mehr so häufig trai­niert und er hatte auch eine andere Art der Ansprache. Das kam gut bei uns an.
Juri Schlünz
: Das fanden wir natür­lich schon mal super! Außerdem trai­nierten wir nicht mehr so häufig, dafür aber inten­siver und abwechs­lungs­rei­cher. Und wenn ihm unsere Leis­tung im Trai­ning beson­ders gefiel, dann konnte es schon mal vor­kommen, dass er uns den Nach­mittag frei gab. Eine völlig neue Situa­tion für uns.
Axel Schulz
: Da fällt mir eine schöne Anek­dote aus dem Trai­ning ein: Bei einer Übung, wo wir nach Flanken die Bälle volley aufs Tor schossen, traf bei den ersten zehn Ver­su­chen keiner die Kiste. Uwe Rein­ders unter­brach und ließ sich selbst einen Ball von außen zuspielen. Der kam alles andere als optimal und er zim­merte ihn genau in den Winkel. Er verzog keine Miene und sagte nur tro­cken: So, wei­ter­ma­chen“. Dieses Selbst­be­wusst­sein und Selbst­ver­trauen hat er vor­ge­lebt und uns ein­ge­impft. Auch davon haben wir pro­fi­tiert.

Ich trank zu Hause eigent­lich nur Cola, bis mir Uwe klar machte, dass ich als Sportler doch bit­te­schön auf Wasser umsteigen solle“

Juri Schlünz über Uwe Reinders

Was änderte sich noch unter dem neuen Trainer?
Juri Schlünz
: Die Ernäh­rung. Ich trank zu Hause eigent­lich nur Cola, bis mir Uwe klar machte, dass ich als Sportler doch bit­te­schön auf Wasser umsteigen solle. Das tat ich mit Hin­gabe. Ich trank jeden Tag liter­weise Staat­lich Fach­ingen“. Ich dachte, dass es genau das rich­tige für mich sei.

Spürten Sie die Folgen der Ver­än­de­rungen?
Axel Schulz
: Ich brauche mir nur unsere Fotos von damals anzu­schauen – wir sahen schon alle ziem­lich schlank aus! So viel Salat wie in dieser Saison habe ich in meinem Leben nie wieder gegessen.
Juri Schlünz
: Früher trafen wir uns vor den Heim­spielen immer in einem Ros­to­cker Hotel, um uns auf Ver­eins­kosten die Bäuche voll zu schlagen. Da gab es dann def­tige Haus­manns­kost und anschlie­ßend Eis mit Kuchen. Eine Stunde später standen wir schon auf dem Platz. Das Motto lau­tete: Wenn wir sowieso ver­lieren, dann wenigs­tens mit vollem Magen.

Das tra­di­tio­nelle Hotel­essen wurde abge­schafft?
Juri Schlünz
: Das war Geschichte. Mit ein paar Mit­spie­lern trafen wir uns zum Nudel­nessen in meiner Woh­nung. Alles frisch zube­reitet durch meine Frau. Keine Cola, keine Haus­manns­kost – ich war bald dünn wie eine Gerte und konnte laufen wie ein Wahn­sin­niger.
Axel Schulz
: Uwe Rein­ders lud sogar die Spie­ler­frauen ein, um ihnen zu erzählen, wel­ches Essen sie ihren Män­nern zube­reiten sollten.

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Ach­tete auf einen gesunden Lebens­wandel, jeden­falls bei seinen Spie­lern: Hansa-Trainer Uwe Rein­ders

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Wie griff Rein­ders noch in Ihren Alltag ein?
Juri Schlünz
: Das fing schon mit den ersten Trai­nings­ein­heiten an. Er sagte uns: Jungs, ich bin immer für euch zu errei­chen. Hier ist meine Tele­fon­nummer.“ Als er die Zettel ver­teilen wollte, sagte ich: Trainer, ich habe gar kein Telefon.“ Er schaute mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, ich sei vom Mars. Dann mel­deten sich auch meine Kol­legen. Ein Telefon war damals in Ros­tock eine Sel­ten­heit.

Das war aller­dings nicht die ein­zige kuriose Kon­fron­ta­tion zwi­schen Wessi und Ossi…
Juri Schlünz
: Nach einer Trai­nings­ein­heit am Nach­mittag sagte Uwe zu uns: Jungs, jetzt geht ihr in die Sauna, lasst euch mas­sieren, dann geht’s um 19 Uhr nach Hause.“ Ich sagte: Das geht nicht!“ Wieso?“ Ich muss um halb sechs meine Kinder aus dem Kin­der­gerten abholen. Meine Frau hat heute Spät­schicht.“ Für ihn war das unbe­greif­lich. Er meinte nur: Dann sag deiner Frau, ab heute braucht sie nicht mehr arbeiten zu gehen. Jetzt ver­dienst du das Geld.“

Wie haben Sie reagiert?
Juri Schlünz:
Ehr­lich gesagt, ich fand die Ant­wort ziem­lich cool! (Lacht.) Aber meiner Frau wollte natür­lich wei­ter­ar­beiten.