Juri Schlünz, Axel Schulz – Sie sind beide alt­ein­ge­ses­sene Ros­to­cker. In der Meis­ter­saison 1990/91 gehörten Sie schon zum alten Eisen. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie kurz vor Sai­son­be­ginn erfuhren, dass nur die ersten sechs Mann­schaften in den bezahlten gesamt­deut­schen Fuß­ball auf­ge­nommen werden?

Juri Schlünz: Ich habe meine ganzes Fuß­bal­ler­leben bei Hansa ver­bracht und meine größte Sorge war, dass wir den Sprung in die Bun­des­ligen nicht schaffen würden. Uns allen war klar, dass dann die Lichter in Ros­tock aus­ge­gangen wären. Das war also unser Anspruch in dieser Saison: Hansa Ros­tock am Leben zu erhalten.

Axel Schulz: Für mich gab es keine Alter­na­tive zu Hansa, woan­ders hätte ich nie spielen wollen. Ich brauche nun mal die Ostsee wie die Luft zum Atmen und Hansa zum Fuß­ball spielen. Wir alle hatten uns vor Sai­son­be­ginn auf das Ziel sechster Platz ein­ge­schworen. Ohne die Qua­li­fi­ka­tion für die Bun­des­liga wären wir heute sicher­lich nicht da wo wir sind.

Der Erfolg dieser Saison ist eng mit dem Namen Uwe Rein­ders ver­bunden. Was machte er besser?

Axel Schulz: Er machte vor allem vieles anders. Vorher trai­nierten wir in der Vor­be­rei­tung teil­weise vier Mal am Tag. Da verlor man schon mal die Lust. Unter Uwe Rein­ders wurde dann kürzer und nicht mehr so häufig trai­niert und er hatte auch eine andere Art der Ansprache. Das kam gut bei uns an.

Juri Schlünz: Das fanden wir natür­lich schon mal super! Außerdem trai­nierten wir nicht mehr so häufig, dafür aber inten­siver und abwechs­lungs­rei­cher. Und wenn ihm unsere Leis­tung im Trai­ning beson­ders gefiel, dann konnte es schon mal vor­kommen, dass er uns den Nach­mittag frei gab. Eine völlig neue Situa­tion für uns.

Axel Schulz: Da fällt mir eine schöne Anek­dote aus dem Trai­ning ein: Bei einer Übung, wo wir nach Flanken die Bälle volley aufs Tor schossen, traf bei den ersten zehn Ver­su­chen keiner die Kiste. Uwe Rein­ders unter­brach und ließ sich selbst einen Ball von außen zuspielen. Der kam alles andere als optimal und er zim­merte ihn genau in den Winkel. Er verzog keine Miene und sagte nur tro­cken: So, wei­ter­ma­chen“. Dieses Selbst­be­wusst­sein und Selbst­ver­trauen hat er vor­ge­lebt und uns ein­ge­impft. Auch davon haben wir pro­fi­tiert.

Was änderte sich noch unter dem neuen Trainer?

Juri Schlünz: Die Ernäh­rung. Ich trank zu Hause eigent­lich nur Cola, bis mir Uwe klar machte, dass ich als Sportler doch bit­te­schön auf Wasser umsteigen solle. Das tat ich mit Hin­gabe. Ich trank jeden Tag liter­weise Staat­lich Fach­ingen“ . Ich dachte, dass es genau das rich­tige für mich sei.

Spürten Sie die Folgen der Ver­än­de­rungen?

Axel Schulz: Ich brauche mir nur unsere Fotos von damals anzu­schauen – wir sahen schon alle ziem­lich schlank aus! So viel Salat wie in dieser Saison habe ich in meinem Leben nie wieder gegessen.

Juri Schlünz: Früher trafen wir uns vor den Heim­spielen immer in einem Ros­to­cker Hotel, um uns auf Ver­eins­kosten die Bäuche voll zu schlagen. Da gab es dann def­tige Haus­manns­kost und anschlie­ßend Eis mit Kuchen. Eine Stunde später standen wir schon auf dem Platz. Das Motto lau­tete: Wenn wir sowieso ver­lieren, dann wenigs­tens mit vollem Magen.

Das tra­di­tio­nelle Hotel­essen wurde abge­schafft?

Juri Schlünz: Das war Geschichte. Mit ein paar Mit­spie­lern trafen wir uns zum Nudel­nessen in meiner Woh­nung. Alles frisch zube­reitet durch meine Frau. Keine Cola, keine Haus­manns­kost – ich war bald dünn wie eine Gerte und konnte laufen wie ein Wahn­sin­niger.

Axel Schulz: Uwe Rein­ders lud sogar die Spie­ler­frauen ein, um ihnen zu erzählen, wel­ches Essen sie ihren Män­nern zube­reiten sollten.

Wie griff Rein­ders noch in Ihren Alltag ein?

Juri Schlünz: Das fing schon mit den ersten Trai­nings­ein­heiten an. Er sagte uns: Jungs, ich bin immer für euch zu errei­chen. Hier ist meine Tele­fon­nummer.“ Als er die Zettel ver­teilen wollte, sagte ich: Trainer, ich habe gar kein Telefon.“ Er schaute mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, ich sei vom Mars. Dann mel­deten sich auch meine Kol­legen. Eine Telefon war damals in Ros­tock eine Sel­ten­heit.

Das war aller­dings nicht die ein­zige kuriose Kon­fron­ta­tion zwi­schen Wessi und Ossi…

Juri Schlünz: Nach einer Trai­nings­ein­heit am Nach­mittag sagte Uwe zu uns: Jungs, jetzt geht ihr in die Sauna, lasst euch mas­sieren, dann geht’s um 19 Uhr nach Hause.“ Ich sagte: Das geht nicht!“ Wieso?“ Ich muss um halb sechs meine Kinder aus dem Kin­der­gerten abholen. Meine Frau hat heute Spät­schicht.“ Für ihn war das unbe­greif­lich. Er meinte nur: Dann sag deiner Frau, ab heute braucht sie nicht mehr arbeiten zu gehen. Jetzt ver­dienst du das Geld.“

Wie haben Sie reagiert?

Juri Schlünz: Ehr­lich gesagt, ich fand die Ant­wort ziem­lich cool! (lacht) Aber meiner Frau wollte natür­lich wei­ter­ar­beiten.

Den­noch: Der Erfolg gab den Methoden von Rein­ders schließ­lich recht. Zur Win­ter­pause führte Hansa Ros­tock, in der DDR als Fahr­stuhl­mann­schaft“ gebrand­markt, sen­sa­tio­nell die Tabelle in der DDR-Ober­liga an.

Axel Schulz: Nur schade, dass ich zur Win­ter­pause bereits nicht mehr mit­ma­chen konnte…

Warum?

Axel Schulz: Weil mir Juri im Trai­ning das Kreuz­band zer­treten hatte! (lacht)

Sie lachen?

Juri Schlünz: Kurz zuvor hatte Axel eine Inva­li­den­ver­si­che­rung abge­schlossen, also wollte ich ihn recht­zeitig vor dem Kar­rie­re­ende absi­chern (beide lachen). Kleiner Scherz. Eine unglück­liche Grät­sche, das pas­siert schon mal.

Sie, Juri Schlünz, sollen ja eh ein rich­tiger Heiß­sporn gewesen sein. Ihr dama­liger Kol­lege Henri Fuchs ver­riet uns, dass Sie vor den Spielen gerne mit gefletschten Zähnen an die Kabinen des Geg­ners häm­merten und brüllten: Kommt jetzt raus, ihr Feig­linge!“ Das kann man sich heute gar nicht vor­stellen.

Juri Schlünz: Das war Uwes größte Waffe: Er hat uns mit seiner Lei­den­schaft und seinem Enthu­si­asmus ange­steckt. Früher hätten wir bei­spiels­weise eigent­lich nie gegen Carl Zeiss Jena antreten müssen, die Punkte hätten wir ihnen auch per Post zuschi­cken können. Perry Bräu­tigam, ein ehe­ma­liger Jenenser, sagte mir Jahre später: Euch brauchte man in den ersten Minuten nur ein paar Mal tüchtig auf die Stö­cker treten, dann war das Spiel schon gewonnen.“

Und das änderte sich unter Rein­ders?

Juri Schlünz: Auf jeden Fall. Ihm war es völlig egal, ob der Gegner nun Dynamo Dresden, BFC Dynamo oder Carl Zeiss Jena hieß. Er wollte ein­fach jedes Spiel gewinnen.

Wie moti­vierte er Sie in der Kabine vor den Spielen?

Axel Schulz: Auf ganz unter­schied­liche Weise. Mal malte er uns das Hor­ror­sze­nario an die Wand und erin­nerte an die Exis­tenz­angst, die dieser letzten DDR-Ober­li­ga­saison anhaf­tete. Ein anderes Mal fal­tete er scheinbar grundlos einen Spieler zusammen. Uwe Rein­ders sorgte dafür, dass immer alle unter Span­nung standen und nie­mand sich zufrieden zurück­lehnte. Ein Bei­spiel: Einmal aß einer von uns einen Tag vor dem Spiel auf dem Flug­hafen ein Eis. Uwe Rein­ders machte ihn des­wegen zur Minna. Wenn er ihn beim Rau­chen erwischt hätte, wäre wohl nichts pas­siert.

Juri Schlünz: Häufig erzählte er uns auch Dinge, die er in seinem Alltag als west­deut­scher Neu­ling in der DDR erlebt hatte. Im Neu­bau­ge­biet Ros­tocks gab es damals nur eine große Tank­stelle, davor staute sich natür­lich immer eine lange Schlange. Ein Mer­ce­des­fahrer ver­suchte sich aller­dings vor­zu­drän­geln. Uwe erzählte uns, wie er dem dreisten Kerl gedroht hatte: Wenn du den Zapf­hahn berühst, dann haue ich dir den Arm ab!“ Das fanden wir natür­lich groß­artig. Dieser Wessi war einer von uns!

Axel Schulz: In dieser Saison passte ein­fach alles und wir erlebten eine uner­wartet erfolg­reiche Saison. Der fri­sche Wind, der mit Uwe Rein­ders kam, beflü­gelte alle. Ich kann mich an ein Spiel gegen Vor­wärts Frank­furt erin­nern, als mir mein Gegen­spieler mitten im Spiel sagte: Mann, habt ihr das gut in Ros­tock! Bei uns läuft alles im alten Trott.“

Hansa Ros­tock hatte in diesem Jahr sogar einen rich­tigen Para­dies­vogel in den eigenen Reihen: Paul Cali­guri, der erste US-Ame­ri­kaner im DDR-Fuß­ball!

Axel Schulz: Für ihn war natür­lich vieles neu und unge­wohnt. Juri hat sich um ihn geküm­mert, das hat ihm das Ein­leben erleich­tert.

Juri Schlünz: Nach den ersten Wochen im Hotel, zog Paul in eine Neu­bau­woh­nung in den fünften Stock. Ich wohnte im Nach­bar­haus. Ich zeigte ihm die Stadt und sorgte dafür, dass er sich schnell ein­ge­wöhnte.

Gab es keine Dif­fe­renzen zwi­schen dem US-Boy und dem alt­ge­dienten DDR-Sportler?

Juri Schlünz: Eigent­lich nicht. Bis auf eine Aus­nahme: Ich zeigte ihm den Ost­see­strand in War­ne­münde und er war sicht­lich begeis­tert. Mit seinem lus­tigen Akzent sagte er: Won­derful! Das ist per­fect zum Reiten! Juri, wo bekomme ich hier ein Pferd?“ Er wollte tat­säch­lich einen Gaul, um mit seiner Frau an der Ostsee ent­lang zu reiten. Ich war völlig von den Socken und ant­wor­tete: Paul, unser Strand hat noch nie ein Pferd gesehen!“

Mit Cali­guri in der Stamm­for­ma­tion wurden Sie am Ende dieser letzten DDR-Saison Meister und Pokal­sieger. Wann war Ihnen klar, dass sie die Meis­ter­schaft gewinnen würden?

Juri Schlünz: Eigent­lich erst, als wir vier Spiel­tage vor Sai­son­ende mit 3:1 gegen Dynamo Dresden gewannen und dadurch auch rech­ne­risch vor­zeitig Meister waren. Natür­lich hatten wir auch schon vorher mal einen Gedanken an die Meis­ter­schaft ver­schwendet, wir führten schließ­lich fast die gesamte Saison über die Tabelle an. Aber über allem stand der Einzug in den bezahlten Fuß­ball.