Ralf Rang­nick, sind Sie mal mit dem Schal Ihres Lieb­lings­ver­eins um den Hals ins Sta­dion gegangen?
Ja, sogar mit Schal, Trikot und Fahne. Zur Glad­ba­cher Foh­lenelf, als sie 1972 mit Günter Netzer, Allan Simonsen und Trainer Hennes Weis­weiler im Neckar­sta­dion gespielt hat. Da bin ich von Backnang aus die 30 Kilo­meter im Zug nach Stutt­gart gefahren. Die Glad­bach-Fahne musste ich im Zug ein­rollen. Meine Eltern hätten sonst Sorge gehabt, dass mir mit den Stutt­gart-Fans etwas pas­siert.

Hat die Liebe zu Glad­bach über­dauert?
Wenn man Pro­fi­trainer ist, wird das Fan­sein schwie­riger. Trotzdem hatte ich immer Sym­pa­thien für Glad­bach. Auch durch die Außen­sei­ter­rolle, in der sie sich mit den Bayern duel­liert haben.

Glad­bachs Geschichte ist reich und voller Mythen. Aber was würden Sie jemandem, der noch nie von RB Leipzig gehört hat, über die Geschichte des Klubs berichten?
Die ist schnell erzählt, das sind ja nur sechs Jahre. Es ist der jüngste Pro­fi­verein in Deutsch­land, und Red-Bull-Gründer Diet­rich Mate­schitz hat es mal schön so for­mu­liert: In 600 Jahren ist der ein­zige Unter­schied zwi­schen Leipzig und den anderen Ver­einen, dass es die anderen 700 Jahre gibt und uns eben erst 600 Jahre.

Nennen Sie den Klub eigent­lich Rasen­Ball­sport Leipzig?
Bis das aus­ge­spro­chen ist, ist die Rede­zeit doch schon vorbei. Wir nennen unseren Verein RBL.

Er darf nicht Red Bull heißen, weil ein Verein in Deutsch­land nicht wie ein Pro­dukt heißen darf. Also heißt er Rasen­Ball­sport, wird RB abge­kürzt, und in der gesamten Kom­mu­ni­ka­tion ist von den Roten Bullen die Rede. Das wider­spricht nicht dem Wort­laut der Regeln, aber ihrem Geist, oder?
Es war eine durchaus inno­va­tive Idee, den Verein so zu nennen. Waldhof Mann­heim trug auch mal den Namen der Chio“-Chips, und Bayer Lever­kusen ist nicht nach einem Bun­des­land benannt. Andere Ver­eine sind nach Fir­men­namen benannt worden und wir sind auch nicht der erste Verein, dessen Initialen mit einem Sponsor in Ver­bin­dung stehen – wie damals bei­spiels­weise LR Ahlen.

Diese Ver­eine wurden aber nicht gegründet, um ein Pro­dukt zu bewerben.
Das unter­stellt, dass Herr Mate­schitz die Ver­eine in Salz­burg, New York und Leipzig aus Mar­ke­ting-Gründen gegründet hat.

Das ist für uns die plau­si­belste Erklä­rung.
Ich sage ganz klar: Nein. Immer wenn ich mit ihm dar­über rede, geht es Herrn Mate­schitz in erster Linie darum, dass er jungen, begabten Sport­lern die Mög­lich­keit geben möchte, sich zu ent­wi­ckeln. Mir gegen­über hat er noch nie den Ein­druck erweckt, dass er des­wegen möchte, dass wir rasch Erfolg haben, damit er mehr Dosen ver­kaufen kann. Und weil sie RB Leipzig nicht mögen, ver­zichten unse­ret­wegen Men­schen viel­leicht sogar darauf, Red Bull zu trinken.

Das klingt so, als würden Sie ihm raten, es mit dem Fuß­ball besser zu lassen, wenn er mehr Dosen ver­kaufen möchte.
Ich habe eine ähn­liche Erfah­rung mit Dietmar Hopp gemacht. Der hatte schon viel Gutes in seinem Leben getan. Doch als wir in die erste Liga auf­ge­stiegen waren, hat er zum ersten Mal so richtig gemerkt, dass er für das, was er da tut, nicht überall geliebt wird. Das hat ihn irri­tiert. Klar ist auch, dass da ein biss­chen der Faktor Neid eine Rolle spielt. Da sind wir uns, glaube ich, auch einig, dass das schon etwas typisch Deut­sches ist.

Die Motive von Herrn Mate­schitz können wir letzt­lich nicht über­prüfen. Aber wenn es ihm nur um die gute Sache gehen würde, warum dann die krude Namens­ge­bung, die hin­ge­bo­gene Ver­eins­struktur?
Nun, ich ver­stehe Herrn Mate­schitz, der hier als Haupt­sponsor relativ viel Geld in die Hand genommen hat und keine Mit­glie­der­ver­samm­lung haben will, die sagt: Vielen Dank für alles, aber danke, das war’s für Sie!“

Kennen Sie alle 17 stimm­be­rech­tigten Mit­glieder des Ver­eins?
Teil­weise schon, ja. Aber das Mit­glie­der­thema ist für mich nicht so wichtig. Ich bin Mit­glied in Backnang, Groß­as­pach und Schalke, aber würde nicht im Traum darauf kommen, zu Mit­glie­der­ver­samm­lungen zu gehen oder auf die Ver­eins­po­litik in irgend­einer Weise Ein­fluss zu nehmen. Selbst wenn ich Zeit hätte, nicht. Für mich geht es viel­mehr darum, wie ernst Ver­eine ihre Fans nehmen: Wir nehmen sie und ihre Wün­sche hier sehr ernst.

Die Süd­deut­sche Zei­tung“ schrieb, das Wirt­schafts­un­ter­nehmen Red Bull tarne sich als gemein­nüt­ziger Skat­club“, um die 50+1‑Regel zu umgehen.
Ich bin nur der Leiter Sport und kann diese Fragen nicht alle bis ins letzte Detail beant­worten. Aber ich kann mir kaum vor­stellen, dass DFL oder DFB uns die Lizenz gegeben hätten, wenn wir Regeln gebro­chen und bis auf Äußerste gebeugt hätten.