Hen­drik Nachts­heim, gibt es eigent­lich so etwas wie die Frank­furter Fuß­ball-Men­ta­lität?
Hen­drik Nachts­heim: In meinem Büh­nen­pro­gramm bringe ich dafür immer ein Bei­spiel aus der Saison 1975/76: Am 15. Spieltag gewannen wir gegen die Bayern mit 6:0, und waren die Größten! Eine Woche später endete ein tristes Duell im tabel­la­ri­schen Mit­tel­feld gegen Hertha BSC mit 1:1. Das ist die Ein­tracht: Stets beseelt vom leichten hes­si­schen Grö­ßen­wahn.

Unbe­rech­tigten Grö­ßen­wahn wirft man doch seit jeher dem 1. FC Köln vor.
Hen­drik Nachts­heim: Die sind wahr­schein­lich noch schlimmer als wir. Aber wir ticken ähn­lich. Noch ein Bei­spiel aus der lau­fenden Saison: Vor dem ersten Rück­run­den­spiel gegen Han­nover – Frank­furt war zu diesem Zeit­punkt Siebter – stellt sich doch tat­säch­lich Patrick Ochs mit so einem naiven Kin­der­lä­cheln vor die Kameras. Ich denk noch: Bitte, halt die Klappe! Aber er: Wir wollen jetzt natür­lich noch weiter nach oben. Einer Mann­schaft wie Han­nover sind wir qua­li­tativ ja eigent­lich über­legen.“ Und was pas­siert? Han­nover führt uns vor, wir ver­lieren 0:3 und bis zum heu­tigen Tag hat die Mann­schaft kein ein­ziges Tor mehr geschossen! Immer dann, wenn die SGE ihre eigene Fähig­keiten über­schätzt, wird sie dafür gna­denlos bestraft. Es ist zum Heulen. 

Aktuell ist Frank­furt Zwölfter und hat seit 723 Minuten kein Tor mehr geschossen. Wie groß ist der Anteil von Trainer Michael Skibbe an der Nega­tiv­serie der Rück­runde?
Hen­drik Nachts­heim: In der Hin­runde hat man ihn gefeiert, weil die Mann­schaft tollen Fuß­ball gespielt hat, teil­weise one-touch – das waren wir hier gar nicht mehr gewöhnt. Aber jetzt steckt er in einer Situa­tion, mit der er sich nicht aus­kennt: Dem Abstiegs­kampf. Und er wirkt hilflos. Sein Vor­gänger Fried­helm Funkel ist damit schon deut­lich besser zu Recht gekommen. 

Aber war man in Frank­furt nicht froh, den ewigen Gries­gram Funkel im ver­gan­genen Sommer end­lich los­ge­worden zu sein?
Hen­drik Nachts­heim: Ach, ich mochte sein Art: Loyal, zurück­hal­tend und vor allem rea­lis­tisch. Ich brauche keinen Enter­tainer, ich brauche einen Trainer. Viel­leicht einen wie Dieter Hecking, der im Trai­nings­anzug an der Linie steht. So ein boden­stän­diger Typ, keiner, der unnötig viel redet. 

Sieht das Rest der Fan­szene denn genauso?
Hen­drik Nachts­heim: Nicht unbe­dingt. Ich schreibe seit einigen Jahren Ein­tracht-Kolumnen in diversen Tages­zei­tungen und auch nach den ersten Funkel raus“-Rufen habe ich ihn damals wei­terhin eisern ver­tei­digt. Eines Tages stand ich im Super­markt am Kühl­regal, als ich mich ein Kerl von hinten an der Jacke packte und mich anbrüllte, was ich denn für einen Scheiß in der FAZ geschrieben hätte. Das war wirk­lich unan­ge­nehm. Vor allem, weil der so einen schlechten Atem hatte: Eine unge­sunde Mischung aus Mal­boro und Fisch­bröt­chen. Gene­rell würde ich sagen, dass die Frank­furter Fan­szene damals gespalten war: In die Fun­ke­listen und die Anti-Fun­ke­listen.

Was sind die Gründe für den aktu­ellen Miss­erfolg?
Hen­drik Nachts­heim: Die Zusam­men­set­zung des Kaders passt ein­fach nicht. Wenn man ganz brutal durch­greifen würde, müsste man die halbe Mann­schaft raus­schmeißen. Und zum Thema torlos: Wenn sich eine Mann­schaft von nur einem ein­zelnen Mann – hier Teofanis Gekas – so abhängig macht, dann ist es kein Wunder, dass nie­mand anders in der Lage ist Tore zu schießen, wenn der Tor­jäger mal eine Lade­hem­mung hat. Ich bin von der Ein­tracht momentan sehr ent­täuscht.

Als natür­li­cher Lebens­raum von Ein­tracht Frank­furt gilt seit Jahren das Mit­tel­feld der Bun­des­liga-Tabelle. Was hin­dert den Klub daran, bei den Großen mit­zu­mi­schen?
Hen­drik Nachts­heim: Ich glaube, wir Hessen haben uns noch immer nicht von der ver­passten Meis­ter­schaft 1992 erholt. Das Spiel gegen Ros­tock (am letzten Spieltag der Saison 1991/92 verlor Tabel­len­führer Frank­furt gegen Hansa Ros­tock 1:2 und damit auch die Meis­ter­schaft, d. Red.) war für uns wie ein Coitus inter­ruptus. Wir standen da, mit her­unter gelas­sener Hose, waren völlig geil auf diesen Moment – und wurden auf furcht­bare Art und Weise ent­täuscht.
Wir warten noch immer auf den Orgasmus, des­halb sind hier auch so viele so unge­duldig. Heute siehst du im Wald­sta­dion immer noch Men­schen, die T‑Shirts mit der Auf­schrift tragen: Trau­ma­ti­siert am 16. Mai 1992“. Das ist Ein­tracht Frank­furt.