Seite 5: „Das scheint so ein Ort zu sein, wo all das erlaubt ist.“

Gab es trotzdem Gegen­spieler, mit denen Sie sich schwer getan haben?
Eigent­lich nur Didier Drogba. Egal, wie gut ich in Form war, hat er immer einen Weg gefunden, ein Tor zu machen. Wenn ich eng stand, ist er hinten weg­ge­rannt. Stand ich tiefer, ist er nach vorne weg. Er war fuß­ball­schlau und hatte einen mäch­tigen Körper, da war ich jedes Mal froh, wenn das Spiel vorbei war.

Sie haben neu­lich gesagt: Ich habe Fuß­ball gespielt, um besser zu werden. Heute spielen viele, um berühmt zu werden.“ Ist das Aus­druck eines Genera­ti­ons­wan­dels?
Ja, heute bekommen alle Spieler Medi­en­trai­ning, um zu lernen, was sie sagen dürfen und was nicht. Des­halb erlebt man bei den Inter­views nach dem Spiel auch nur noch regu­lierte Per­sön­lich­keiten. Und in der Kabine sitzen sie dann und schauen, was bei Insta­gram und Twitter über sie geschrieben wird.

Sie haben relativ früh zu twit­tern ange­fangen. Finden Sie Soziale Medien im Fuß­ball inzwi­schen blöd?
Nein, gut gemacht ist es super.

Wer macht es denn gut?
Die meisten Spieler jeden­falls nicht. Die haben ihre Stan­dard-Tweets, dass sie toll trai­nieren und im nächsten Spiel alles geben wollen. Aber ich weiß weder, warum man das lesen, noch, wie dadurch eine Ver­bin­dung zu den Fans ent­stehen sollte.

Aber es gibt auch Spieler wie Raheem Ster­ling oder Danny Rose, die sich dort zuletzt sehr intel­li­gent gegen Ras­sismus im Fuß­ball geäu­ßert haben.
Ich glaube, dass die ras­sis­ti­schen Belei­di­gungen viel damit zu tun haben, dass die geg­ne­ri­schen Spieler in eng­li­schen Sta­dien gene­rell so krass belei­digt werden. Wer einen Eck­ball schlägt, hat dreißig Mann im Nacken, die einen aufs Übelste beschimpfen. Wie oft habe ich mir anhören müssen, dass ich ein Nazi bin, einige Leute haben mir sogar den Hit­ler­gruß gezeigt. Ich bin durchaus hart im Nehmen, aber manchmal hatte ich schon die Schnauze voll.

Hat sich das im Laufe der Jahre ver­än­dert?
Nein, eigent­lich war es kon­stant so. Inter­es­sant ist aber, dass ich im Alltag nur posi­tive Erfah­rungen gemacht habe. Ich bin nie beschimpft worden, habe mich nie unwohl gefühlt, die unan­ge­nehmen Vor­fälle beschränken sich kom­plett aufs Sta­dion. Das scheint so ein Ort zu sein, wo all das erlaubt ist, was sonst ver­boten ist.

Wie groß ist in Eng­land die Nähe der Spieler zum Publikum noch?
Ich habe immer gerne mit Fans geredet. Aber wer will, kann als Profi ein Leben führen, ohne auf Fans zu treffen. Die Trai­nings­ge­lände sind total abge­schirmt, und am Sta­dion kann man kommen und gehen, ohne mit Fans zu spre­chen. Offi­zi­ellen Kon­takt mit Fans gibt es auch nicht, abge­sehen von einem Abend, wenn der Sup­por­ters Club den Preis für den Spieler des Jahres ver­gibt.

Wie fanden das die Spieler, die aus Deutsch­land kamen?
Chris­tian Fuchs hat mir gesagt: Du kannst dir nicht vor­stellen, wie schlimm es bei Schalke war.“ Er fand es hart, dass die Fans dort aufs Trai­nings­ge­lände dürfen, und wenn man am Wochen­ende ver­loren hat, musste man sich von ihnen anhören, was man falsch gemacht hat. Ich glaube, am besten wäre ein Mit­tel­ding zwi­schen beidem.

Ist Eng­land nach 19 Jahren inzwi­schen Ihre Heimat?
Nein, einer­seits merke ich zuneh­mend, wie viel Deut­sches in mir steckt, und dann müssen wir mal schauen, was mit dem Brexit wird. Meine Frau ist zwar Eng­län­derin und meine Kinder sind hier geboren und auf­ge­wachsen, aber ich könnte mir auch ein Leben in Deutsch­land vor­stellen.

Soll Fuß­ball in Ihrem Leben wei­terhin eine Rolle spielen?
Manchmal denke ich ja, dann kicke ich mit meinen Jungs im Garten und kann mir nicht vor­stellen, Trainer zu werden. Außerdem wäre das noch inten­siver als zu Spiel­er­zeiten.

Was jen­seits des Fuß­balls inter­es­siert Sie?
Ich mache gerade einen Pilo­ten­schein für zwei­sit­zige Maschinen. Fliegen hat mich schon lange fas­zi­niert.

Was finden Sie daran schön?
Man ist oben, hat seine Ruhe – und die Kon­trolle.