Rainer Schüt­terle, das legen­däre 7:0 des Karls­ruher SC gegen den FC Valencia liegt nun schon 20 Jahre zurück. Kommt es Ihnen auch schon so lange vor?
Nein. Und das ist eigent­lich komisch, denn seitdem ist rund um den KSC so viel pas­siert mit den ganzen Ab- und Auf­stiegen des Ver­eins. Aber das Spiel gegen Valencia und die Euro­pa­po­kal­teil­nahme über­haupt ist für Men­schen, die mit dem KSC zu tun haben, immer noch all­ge­gen­wärtig. Was natür­lich auch daran liegt, dass man oft an diesen Tag erin­nert wird.

Wer erin­nert Sie denn daran?
Mein Zahn­arzt zum Bei­spiel. Der trifft sich mit zwei Freunden einmal pro Jahr und schaut sich das Spiel auf Video an. Er ver­sucht auch immer wieder, mich zu über­reden, mal mit­zu­schauen. Aber ich habe das Spiel noch nie über 90 Minuten gesehen.

Fühlten Sie sich als direkt Betei­ligter eigent­lich im Laufe der Jahre auf dieses Spiel redu­ziert?
Wir haben mit dem 7:0 Großes geleistet, von daher ist es logisch, dass das Spiel oft aus der Schub­lade geholt wird. Wenn über­haupt, muss ich eine Sache betonen: Unsere Leis­tung gegen Valencia war mit Sicher­heit nicht viel stärker ein­zu­schätzen als andere Auf­tritte in dieser Zeit. Eine Runde später sind wir auf Girondins Bor­deaux getroffen. Wissen Sie, wer da alles auf­ge­laufen ist?

Zidane, Liz­a­razu, Dug­arry – die fran­zö­si­schen Welt­meister von 1998.
Genau. Und die haben wir auch mit 3:0 aus dem Sta­dion gefegt. Wir haben auch den nie­der­län­di­schen Tabel­len­führer Eind­hoven geschlagen. Wir waren in der Lage, gegen euro­päi­sche Top­teams Aus­ru­fe­zei­chen zu setzen.

Der Karls­ruher SC im UEFA-Cup 1993/94 – hier geht’s zur Bil­der­ga­lerie!

Selbst Ottmar Hitz­feld war sei­ner­zeit über die Spiel­weise des KSC beein­druckt. Von ihm stammt das Zitat: Das ist kein Fore­che­cking mehr, das ist schon Krieg.“
Das ist natür­lich sehr dras­tisch aus­ge­drückt. Aber etwas Wahres ist da schon dran. Wir waren ver­rückt! Im Wild­park war es unsere Art, vorne drauf zu rennen ohne Rück­sicht auf Ver­luste.

Eine Spiel­weise, die gegen tech­nisch starke Mann­schaften eigent­lich nur selten zum Erfolg führt.
Mag sein, aber mit unseren Fans und der unglaub­li­chen Atmo­sphäre haben wir es hin­be­kommen, die Mann­schaften zu beein­dru­cken. Das Spiel gegen Valencia war der Wahn­sinn. Die Spa­nier wussten irgend­wann gar nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Die waren tech­nisch stärker als wir und hatten das bei ihrem 3:1‑Sieg im Hin­spiel unter Beweis gestellt. Aber wir haben es geschafft, sie zu lähmen – mit unserer Art Fuß­ball zu spielen.

Und das, obwohl Trainer Winnie Schäfer wegen einer Sperre, die er sich in Eind­hoven ein­ge­han­delt hatte, nicht direkt von der Sei­ten­linie aus Ein­fluss nehmen konnte.
Das war für uns Spieler aber nicht von Belang. Winnie hat draußen an der Sei­ten­linie immer eine große Show abge­zogen, aber das hat er haupt­säch­lich für sich gemacht. Um Dampf abzu­lassen, sich zu prä­sen­tieren oder aus anderen Gründen.

Es hieß aber sei­ner­zeit, dass die Mann­schaft die Vor­gaben und ver­balen Arsch­tritte“ ihres Trai­ners nötig habe.
Naja. Uns haben Win­nies Tänze an der Sei­ten­linie irgend­wann nicht mehr groß geküm­mert, weil wir wussten, wie wir sie ein­zu­schätzen hatten. Und mit tak­ti­schen Anwei­sungen hatte das meis­tens auch nicht mehr viel zu tun. Möchten Sie ein Bei­spiel hören?

Sehr gerne.
In der selben Saison trafen wir im DFB-Pokal auf Borussia Mön­chen­glad­bach und ver­loren nach Ver­län­ge­rung mit 3:5. Fünf Minuten vor dem Ende der regu­lären Spiel­zeit sah Oliver Kahn die Rote Karte. Da wir nicht mehr wech­seln konnten, bin ich ins Tor gegangen. Nachdem etwa zehn wei­tere Minuten gespielt waren, sah Schäfer plötz­lich, dass auf der rechten Außen­bahn – meiner Posi­tion – eine Lücke klaffte, und brüllte wut­ent­brannt auf den Platz: Wo ist denn der Schüt­terle?“ Unser Mas­seur musste ihn beru­higen und machte ihn darauf auf­merksam, dass ich mitt­ler­weile im Tor stünde. Winnie hat manchmal, wenn er richtig unter Strom stand, gar nicht mehr mit­be­kommen, was da auf dem Platz so pas­siert.

Das klingt aber nicht sehr schmei­chel­haft.
Winnie hatte als Trainer posi­tiven Seiten, aber diesen Cha­rak­terzug wird Ihnen jeder Spieler bestä­tigen können, der damals mit ihm zusam­men­ge­ar­beitet hat. Wenn man ihn zu nehmen wusste, konnte man mit ihm Erfolg haben. Wir wussten es und hatten Erfolg. Es war eine Art Hass­liebe. Und das weiß der Winnie auch.

Wie bewerten Sie in diesem Zusam­men­hang, dass sich der wohl­ge­merkt gesperrte Schäfer vor dem Valencia-Rück­spiel in die Kabine schlich und die Ansprache hielt, wobei er sich zwi­schen­zeit­lich vor einem UEFA-Mit­ar­beiter ver­ste­cken musste, um nicht auf­zu­fliegen?
Dar­über konnten wir Spieler eigent­lich nur schmun­zeln. Als der Mann von der UEFA sich unserer Kabine näherte, ver­steckte er sich plötz­lich in einer Ecke. Wir haben uns nur gefragt: Was macht der denn da? Aber im Prinzip war es uns egal. Im Kabi­nen­gang hat einer von uns zwei, drei Mal laut gegen eine Bande geschlagen und irgendwas gebrüllt, danach waren wir im Tunnel, danach konnte es los­gehen.

Sie haben betont, dass die KSC-Fans fan­tas­tisch waren. Hat sich in dieser Zeit ein beson­dere Ver­hältnis zu den Anhän­gern her­aus­kris­tal­li­siert?
Das ent­stand zwangs­läufig, weil die Zuschauer schon Tage vor den UEFA-Cup-Spielen am Wild­park cam­pierten, um Karten zu ergat­tern. Die Ver­hält­nisse waren damals noch anders. Heute kommt es wohl kaum noch vor, dass die Spieler direkt nach einem großen Erfolg mit den Fans feiern. Damals war das noch mög­lich.

Wie weit ging es denn?
In Eind­hoven war der Kon­takt beson­ders eng. Wir hatten unser Hotel direkt in der Innen­stadt, dort waren auch viele Fans unter­wegs, und einige sind irgend­wann zu uns gekommen und haben mit uns in der Hotelbar das Wei­ter­kommen gefeiert. Die hat irgend­wann kurz nach Mit­ter­nacht geschlossen. Da haben dann Dirk Schuster und ich Klein­geld gesam­melt und am Bier­au­tomat des Hotels Nach­schub besorgt. Es kam so viel zusammen, dass wir auf einem unserer Zimmer eine Pyra­mide aus Fla­schen auf- und natür­lich auch wieder abge­baut haben. Einen Fan habe ich dann gegen 4 Uhr ins Taxi gesetzt, sonst wäre es mit seinem Rück­flug eng geworden.

Der Karls­ruher SC im UEFA-Cup 1993/94 – hier geht’s zur Bil­der­ga­lerie!

Auf­fällig war damals auch das gute Ver­hältnis zu den Medien.
Das war auch kein Wunder. Ob Jörg Dah­l­mann, Jörg Won­torra oder Johannes B. Kerner – das waren alles gute Jungs, von denen wir wussten, dass sie uns keinen rein­drü­cken wollten. Des­wegen konnte sich dieses fast schon freund­schaft­liche Ver­hältnis ent­wi­ckeln.

Für Dah­l­mann waren Sie nach ihrem Lupfer zum 3:0 gegen Valencia der Mann für die Welt­klasse-Tore“.
Das hat der Jörg aber eigent­lich nur von Otto Reh­hagel abge­kup­fert. Reh­hagel war Co-Kom­men­tator, als ich in der Saison zuvor beim 4:2‑Sieg gegen die Bayern ein schönes Tor erzielte. Otto nannte es Welt­klasse“. Daran knüpfte Jörg an. (lacht) Es war schon eine lus­tige Zeit mit den Leuten von ran“. Nur für Jörg Won­torra wurde es einmal richtig teuer.

Wie meinen Sie das?
Won­torra hatte gegen uns gewettet. Er war fest davon über­zeugt, dass wir nicht in Europa über­win­tern. Als wir es doch geschafft hatten, lud er uns in Karls­ruhe kurz nach Sil­vester zum Essen ein. Es war die letzte große Feier, bevor es mit der Vor­be­rei­tung auf die Rück­runde los­ging.

Und da hat die Mann­schaft nochmal richtig auf den Putz gehauen.
Ich trinke im Januar keinen Alkohol. Ich weiß aber noch, dass ich an diesem Abend ins­ge­samt 17 alko­hol­freie Bier getrunken habe. Von daher können Sie sich aus­rechnen, was bei den anderen, die sich nicht zurück­ge­halten haben, alles geflossen ist. Als Sergei Kir­jakow zu spä­terer Stunde den Kaviar und Wodka aus­packte, war das aller­dings für einige zu viel. Nur so viel: Ein Sat-1-Mann musste sich auf der Toi­lette über­geben.

Lassen alle diese Geschichten etwas in Ver­ges­sen­heit geraten, dass der große Traum vom Euro­pa­po­kal­sieg kurz vor dem Ziel zer­platzte?
Die Ent­täu­schung über das Aus­scheiden im Halb­fi­nale gegen Salz­burg wird immer bleiben. Vor allen Dingen, weil wir so unglück­lich mit einem 0:0 aus­wärts und einem 1:1 zu Hause raus­ge­flogen sind. Wir waren gegen Salz­burg zum ersten Mal der Favorit, das hat uns nicht gut getan. Wir konnten dem Gegner leider nicht unser Spiel auf­zwingen.



Über das Aus wird heute nicht mehr gespro­chen, son­dern nur über Valencia. Edgar Schmitt, der gegen die Spa­nier vier Tore erzielte, sagte einmal: Ich habe die Trag­weite dieses Spiels gar nicht so mit­be­kommen.
“ Rainer Schüt­terle, wie lange brauchten Sie, um zu rea­li­sieren, dass da was ganz Großes pas­siert war?
Das hat gedauert und dauert bis heute an. Die ganzen Umstände, wie es mit dem KSC seitdem wei­ter­ge­gangen ist, haben ja auch dazu geführt, dass das Spiel heute noch einen so hohen Stel­len­wert ein­nimmt. Direkt danach hatten wir ja auch gar keine Zeit, uns damit zu beschäf­tigen. Nur wenige Tage danach hatten wir unser nächstes Bun­des­liga-Spiel. Das haben wir übri­gens mit 5:0 gegen Duis­burg gewonnen. (Pause) Dar­über redet heute auch nie­mand mehr.