Uwe Seeler, um das WM-Halb­fi­nale von 1958 gegen Schweden ranken sich viele Legenden. Die deut­schen Spieler sollen von der Kulisse der sin­genden schwe­di­schen Fans so beein­druckt gewesen sein, dass sie gar keine Chance hatten, das Spiel zu gewinnen. Sie waren dabei. Stimmt das?

Nein, das ist Quatsch. Wir waren ja auch aus Deutsch­land laute Sta­dien und Bom­ben­stim­mung gewohnt. Was stimmt: Wir waren beein­druckt und ver­är­gert, was wäh­rend des Spiels auf den Tri­bünen pas­sierte.



Ver­är­gert?

Nicht etwa, weil die Gesänge so laut waren, das war doch eine dolle Sache! Nein, was uns geär­gert hat, war diese totale Orga­ni­sa­tion der Fan­kurven.

Sie meinen die Anheizer, die rund ums Spiel­feld ver­teilt mit Fähn­chen und Megafon die Zuschauer zu den Heja Heja“-Rufen zu ani­mieren.

Genau. Das war keine Stim­mung aus dem Bauch heraus, keine Gefühls­re­gungen, die sich wäh­rend des Spiels ent­luden – das war kühl kal­ku­liert und berechnet. Und es ist nie gut, wenn etwas im Sport zu sehr orga­ni­siert ist.

In Ihrer Bio­grafie Alle meine Tore“ schreiben Sie zum Halb­fi­nale: Man hatte das Gefühl, gegen eine Mauer zu rennen, so laut tönte uns das zig­tau­send­stim­mige ´Heja-heja´-Gebrüll ent­gegen. Im Sta­dion herrschte eine Atmo­sphäre wie in einem Dampf­kessel, der jeden Augen­blick explo­dieren kann.“ Wie sehr hat diese Stim­mung den Spiel­ver­lauf bestimmt?

Wir selbst waren gar nicht so beein­druckt, wie hin­terher immer behauptet wurde. Das Sta­dion kochte – nun gut. Wirk­lich beein­flusst wurde scheinbar nur der Schieds­richter (István Zsolt aus Ungarn, der später von deut­scher Seite einige Kritik ein­ste­cken musste. Zsolt hatte u.a. Erich Jus­ko­wiak nach 59 Minuten vom Platz gestellt, d. Red.). Für den war das eine völlig neue Situa­tion. Wobei ich zugeben muss, dass auch wir das in dieser Form noch nicht erlebt hatten: Überall am Spiel­feld­rand standen Ein­peit­scher und brüllten ihre Befehle ins Publikum. Heute würde man dar­über lachen, so läuft es inzwi­schen bei­nahe in jedem deut­schen Sta­dion. Aber damals war das etwas voll­kommen Neues.

Wie sah die Fan­kultur denn zu dieser Zeit in Deutsch­land aus?

Bei uns wurde auch gebrüllt und natür­lich waren die Leute begeis­tert. Aber das war alles etwas anar­chi­scher, nicht so orga­ni­siert. Und im Übrigen auch nicht so text­si­cher, wie bei den eng­li­schen Fans. Wenn die ihren Chor auf den Tri­bünen ange­stimmt haben, konnten wir auf dem Platz nur staunen.

In der 11FREUNDE-Spe­zi­al­aus­gabe Das waren die Fünf­ziger“ werden die schwe­di­schen Ein­peit­scher als die ersten Ultras“ bezeichnet. Ist dieser Ver­gleich ange­messen?

Viel­leicht. 1958 habe ich es das erste Mal erlebt, dass nicht der Fuß­ball, son­dern das, was auf den Tri­bünen pas­sierte, im Vor­der­grund stand. Heute sind die Fuß­ball­sta­dien von einst Arenen und in diesen Arenen findet kein nor­males Fuß­ball­spiel statt, son­dern ein Event.

Stört Sie das?

So lange ich in diesen Arenen noch Fuß­ball geboten bekomme, habe ich kein Pro­blem damit. Wir sollten nur auf­passen, dass das Spiel im Vor­der­grund bleibt und nicht zu einem Puz­zle­stück im Event ver­kommt. Ich gehe immer noch ins Sta­dion, um Fuß­ball zu sehen, alles andere inter­es­siert mich nicht. Ich finde es toll, wenn auf den Rängen gesungen wird. Aber wenn bald nur noch gesungen und kein Fuß­ball mehr gespielt wird, hat sich der Sport selbst zer­stört.

Dabei sind Sie doch ver­ant­wort­lich für den ersten Dau­er­ge­sang in deut­schen Sta­dien!

Wie meinen Sie das?

UUUWE-UUUWE-UUUWE!

Ach so. Ja, das war schon dolles Gefühl, wenn ich auf den Rasen kam, und die Fans damit anfingen. Ich kann nur froh sein, dass meine Eltern mir diesen schönen kurzen Namen gegeben haben. Bei einem Johannes Seeler“ hätten die Fans wohl ihre liebe Müh und Not gehabt…