Das Inter­view erschien erst­mals im Sommer 2012 in 11FREUNDE #127. Das Heft findet ihr bei uns im Shop.

Peter Schmei­chel, Sie standen beim sen­sa­tio­nellen EM-Tri­umph Däne­marks 1992 ebenso im Tor wie beim Cham­pions-League-Finale 1999, als Man­chester United Bayern Mün­chen in den letzten zwei Minuten besiegte. Sind Sie ein Experte für Fuß­ball­wunder?
Wenn Sie es so for­mu­lieren, klingt es ganz her­vor­ra­gend. Ich muss Sie aller­dings ein biss­chen ent­täu­schen: Unser EM-Titel 1992 war kein Wunder.

Wie bitte? Ihre Mann­schaft wurde wenige Tage vor dem Tur­nier­start nach­no­mi­niert, star­tete quasi ohne Vor­be­rei­tung und holte den Titel.
Den­noch standen wir alle noch voll im Saft. Viele von uns hatten bis kurz vor dem Tur­nier­start noch in ihren Ver­eins­mann­schaften gespielt. Außerdem hatten wir noch ein Freund­schafts­spiel gegen die GUS, die sich damit auf das Tur­nier vor­be­rei­tete. Am 30. Mai, beim Mit­tag­essen vor der zweiten Trai­nings­ein­heit, erfuhren wir dann, dass wir wohl bei der EM für Jugo­sla­wien starten werden.

Viele Mit­spieler hatten da schon Ihren Urlaub gebucht.
Lars Olsen hatte mir nur Stunden vorher noch von seinem Feri­en­haus auf Mal­lorca vor­ge­schwärmt. Und dann das. Man muss das eben so sehen: Unsere Saison war vorbei, alle hatten die Maschinen schon run­ter­ge­fahren. Mental waren wir bereits im Urlaub. Das Freund­schafts­spiel gegen die GUS bedeu­tete nur unserem Trainer Richard Møller Nielsen etwas. Er stand unter Druck und nahm die Partie sehr ernst. In dieser selt­samen Situa­tion erfuhren wir dann, dass wir bei einer Euro­pa­meis­ter­schaft antreten. Als uns die Nach­richt erreichte, hat jeden­falls keiner laut­stark geju­belt.

Die Mann­schaft machte sich den­noch einen Spaß aus der Sache, trat locker auf, schlurfte in Bade­schlappen über den Trai­nings­platz.
Stopp! Nie­mand hat sich einen Spaß aus dem Tur­nier gemacht. Unsere Teil­nahme hatte tra­gi­sche Umstände. Wir durften antreten, weil in Jugo­sla­wien vielen unschul­digen Men­schen unglaub­li­ches Unrecht wider­fahren ist. Wir waren uns dieser Ver­ant­wor­tung jeder­zeit bewusst. Es klingt immer so, als seien wir eine Frei­zeit­mann­schaft gewesen. Das ist unfair, auch unserem Trainer gegen­über. Wir haben uns genauso pro­fes­sio­nell vor­be­reitet wie jedes andere Team auch.

Aller­dings nur zehn Tage. War diese kurze Vor­be­rei­tung ein Nach­teil gegen­über anderen Teams, die seit Monaten auf die Euro­pa­meis­ter­schaft hin­ge­ar­beitet
hatten?
Im Gegen­teil, für uns war es sogar ein Vor­teil. Bei der Vor­be­rei­tung auf eine Euro­pa­meis­ter­schaft durch­läuft man nor­ma­ler­weise viele Phasen. Ständig kommen neue Spieler in den Kader, der interne Wett­be­werb ist extrem. Dazu gibt es viele Wer­be­ter­mine, der Druck von außen steigt stetig. Das kann inner­halb einer Mann­schaft für Unruhe und Stress sorgen. Das alles gab es bei uns nicht. Richard Møller Nielsen hatte 22 Spieler zum Län­der­spiel gegen die GUS ein­ge­laden. Und diese Mann­schaft fuhr dann auch zur EM.

Im ersten Spiel ging es gegen Eng­land. Erin­nern Sie sich noch an die Kabi­nen­an­sprache Ihres Trai­ners?
Wir sagten uns immer wieder: Wer weiß, wann wir jemals wieder an einem großen Tur­nier teil­nehmen werden.“ Wir wollten bei allem Ehr­geiz jede Minute genießen. Møller Nielsen kam also in die Kabine und sagte tro­cken: Jungs, geht raus und bla­miert euch nicht. Macht euch stolz. Das reicht mir voll­kommen.“

Das Spiel endete 0:0.
Und es war wohl den­noch unser wich­tigstes Ergebnis im gesamten Tur­nier.

Warum?
Man stelle sich vor, wir wären mit 0:5 vom Platz gegangen. Das war durchaus mög­lich. Wir wären die Lach­nummer des Tur­niers gewesen, und alle hätten gesagt: Das war doch klar, die nehmen das nicht ernst.“ Aber nach dem Spiel waren wir sogar ent­täuscht, dass wir nicht gewonnen hatten. Für mich war das ein posi­tives Signal.

Weil die Mann­schaft merkte, dass Sie mit den Großen mit­halten kann?
Es war ein Zei­chen für das Selbst­ver­trauen, das in unserer Mann­schaft herrschte. Jeder merkte, dass auch der andere etwas errei­chen will. Nie­mand spielte für sich, son­dern für den Erfolg der Mann­schaft, für Däne­mark. So ein Spirit ist wäh­rend eines Tur­niers Gold wert und kann die Kleinen sehr groß werden lassen.