Seite 2: Benfica veränderte Europas Fußball – auch wegen Herberger

50.000 Men­schen sind am 31. Mai 1961 im Wank­dorf­sta­dion. Dem Fritz sei´ Wedder? Ist nicht in Sicht. Dafür wie­der­holt sich an anderer Stelle die Geschichte: Der Favorit geht früh in Füh­rung. Sandor Koscics, 1954 mit 11 Tref­fern WM-Tor­schüt­zen­könig, nickt er eine Flanke von der rechten Seite nach 20 Minuten pro­blemlos ein. Ben­fica-Tor­wart Costa Pereira bekommt sein Fett weg, er hat den Ball unter­laufen. Nur zehn Minuten später ist wieder alles gut. José Aguas, der Groß­wild­jäger, braucht eine flache Her­ein­gabe von der linken Seite nur noch ein­zu­schieben, der Aus­gleich. Und wie­derum zwei Minuten später führt der Außen­seiter aus Por­tugal! Eine ver­un­glückte Kopf­ball­ab­wehr eines Barca-Ver­tei­di­gers schießt so unbe­quem aus der Höhe auf das Tor von Antoni Rama­letts, dass der daneben greift und das zweite Gegentor ver­ur­sacht. Nach der Pause sind es wieder die Ben­fica-Fans, die die selbst gebas­telten Dop­pel­halter im Wank­dorf schwenken dürfen: Mario Coluna erzielt aus 20 Metern ein herr­li­ches Volley-Tor. Ben­fica Lis­sabon führt mit 3:1 gegen den großen FC Bar­ce­lona, 55 Minuten sind gespielt. Jetzt folgen die wütenden Angriffe der Kata­lanen, die gran­diosen Ungarn Kubala, Czibor und Koscics wir­beln über den Rasen wie Brumm­kreisel und in der 75. Minute ist es Zoltan Czibor – auch er ein Vize-Welt­meister von 1954 – der mit einer sen­sa­tio­nellen Direkt­ab­nahme den 2:3‑Anschlusstreffer erzielt.

Die Masse köchelt. Und das Herz des Prä­si­denten hört auf zu schlagen

Nur noch 15 Minuten. Auf den Tri­bünen köchelt die Masse und das Herz von Mau­ricio de Brito hört auf zu schlagen. Schön vor dem Anpfiff hatte sich der Ben­fica-Prä­si­dent auf­fal­lend häufig an die Pumpe gefasst, jetzt kol­la­biert er vor lauter Auf­re­gung. Eine Herz-Attacke, aber de Brito kann dem Tod noch einmal ent­kommen. Helfer bringen ihn in die Kabine seiner Mann­schaft. Die feiert der­weil auf dem Spiel­feld ihren Helden: Tor­wart Pereira lässt in der letzten Vier­tel­stunde keinen Ball mehr durch. Und als Schieds­richter Gott­fried Dienst end­lich zum Abpfiff bläst, ist Ben­fica Lis­sabon am Ziel der Träume: Europas neue Cham­pions kommen aus Por­tugal! 

Die Ehren­runde ist gelaufen, der Pokal gestemmt, Trainer Bela Gutt­mann abge­bus­selt, Ben­ficas Spieler ver­la­gern die Party jetzt in die Kabine. Dort liegt Mau­ricio de Brito auf der Mas­sa­ge­bank und rührt sich nicht. Noch weiß nie­mand, was zuvor auf der Tri­büne pas­siert ist. Minu­ten­lang stehen die Spieler in Schock­starre um ihren reg­losen Prä­si­denten, in der Hand von Mario Coluna schau­kelt der Pott mit den großen Ohren. Jetzt end­lich stellt er das gute Stück ab und ver­sucht mit seinem wedelnden Trikot den Boss wieder auf die Beine zu bringen. Der Legende nach öffnet der Prä­si­dent die Augen und mur­melt: Welch ein Pri­vileg lange genug gelebt zu haben, um diesen Tag mit­zu­er­leben. Mein Gott: Ben­fica ist der beste Klub Europas! Einen schö­neren Tag um drauf­zu­gehen kann ich mir nicht vor­stellen.“ Doch de Brito stirbt nicht an diesem 31. Mai 1961. Natür­lich nicht. Statt­dessen feiert er vier Tage lang mit seiner Mann­schaft den Tri­umph in der Heimat, dann legt er das Amt als Ver­eins­all­mäch­tiger nieder – und folgt damit dem dring­li­chen Rat seiner Ärzte. 

Ben­fica ver­än­derte Europas Fuß­ball – auch wegen Her­berger

Ben­fica hat die spa­ni­sche Pha­lanx durch­bro­chen und kann ein Jahr später den Tri­umph gegen Real Madrid sogar wie­der­holen. Beim auf­re­genden 5:3‑Erfolg gegen die König­li­chen“ schießt ein 20-jäh­riger Stürmer namens Eusebio zwei Tore und startet eine Welt­kar­riere. Die Wach­ab­lö­sung im euro­päi­schen Fuß­ball ist voll­zogen. Ein schöner Gedanke, dass Sepp Her­berger auch dabei seine Finger im Spiel hatte.