Georg Schmitz, wie wird man Gre­en­keeper bei einem Bun­des­li­ga­verein?
Schon mein Groß­vater hat sich bei Bayer Lever­kusen um den Rasen geküm­mert, damals aller­dings noch als Gärtner. Mein Vater, ein gelernter Schreiner, war dann eben­falls im Verein für die Platz­pflege ein­ge­stellt – und seit 16 Jahren führe ich als gelernter Land­schafts­gärtner diese Tra­di­tion fort.

Muss man Fuß­ballfan sein, um Gre­en­keeper eines Fuß­ball­ver­eins zu sein?
Muss man nicht. Aber ich bin defi­nitiv Fan meines Arbeit­ge­bers. Nur als aktiver Fuß­baller habe ich mich nie her­vor­getan.

Wie sehr hat sich in den all den Jahren die Arbeit als Gre­en­keeper ver­än­dert?
Seit 1997 müssen alle Erst­li­gisten eine Rasen­hei­zung in ihren Sta­dien vor­weisen, das war sicher­lich die größte Ver­än­de­rung. Früher durfte sich der Rasen im Winter eine Pause gönnen – so wie es die Natur ja nun einmal vor­gibt. Mit der Rasen­hei­zung gibt es diese Pause nicht mehr, wir Gre­en­keeper mussten anfangen, die Natur zu mani­pu­lieren und aus­zu­tricksen. Das ist heute unsere Haupt­auf­gabe: Dem Rasen opti­male Bedin­gungen vor­zu­gau­keln, obwohl uns der Winter fest im Griff hat.

Uwe Kli­maschefski wies in den sieb­ziger Jahren seinen Platz­wart vor einem wich­tigen Spiel im tiefsten Winter noch an, den Rasen in der Nacht zu über­fluten, um den Schieds­richter am nächsten Tag von einer Spiel­ab­sage zu über­zeugen, weil ihm wich­tige Stamm­spieler fehlten. Gibt es solche schmut­zigen Tricks heute auch noch?
Der Trai­ner­stab und unsere medi­zi­ni­sche Abtei­lung würden mir heut­zu­tage was husten, wenn ich auf solche Ideen kommen würde. Kein Gre­en­keeper ver­schan­delt seinen Rasen absicht­lich, damit würde man sich ja die eigene Arbeit rui­nieren.

Eine Zeit­lang schien hol­län­di­scher Roll­rasen die Lösung aller Platz­pro­bleme zu sein. Wie sehen Sie das?
Zunächst: Guten Roll­rasen findet man auch in Deutsch­land. Außerdem sagt der Namen Gre­en­keeper ja schon, was unsere wich­tigste Auf­gabe ist: Den Rasen zu halten und zu pflegen. Ein neu aus­ge­legter Rasen ist immer nur eine Not­lö­sung. Rasen muss anwachsen, um ideale Bedin­gungen zu schaffen. Außerdem ist so ein Roll­rasen nur zu Beginn schön anzu­sehen, nach den ersten Spielen und Belas­tungen geht seine Form­kurve schon wieder nach unten. Und dann heißt es wieder: hegen, pflegen und mani­pu­lieren.

Ihre deut­schen Gre­en­keeper-Kol­legen beklagen die zum Teil man­gelnde Akzep­tanz ihrer Fähig­keiten im Verein. Mit wem müssen Sie sich gut stellen, damit Ihnen über­eif­rige Fuß­baller nicht den Rasen kaputt­treten?
Wenn alles gut läuft, macht jeder seine Arbeit und geht seines Weges. Dann prä­pa­rieren wir den Rasen, der Trainer lässt trai­nieren und die Mann­schaft spielt Fuß­ball. Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Trainer gibt es eigent­lich nur dann, wenn es Pro­bleme gibt, wenn sich die Spieler über den schlechten Zustand beklagen oder die Mann­schaft ein Spiel ver­loren hat, weil angeb­lich der Rasen daran Schuld war. Von daher weiß ich, dass ich einen guten Job mache, wenn man mich in Ruhe lässt.

Wie geht es Ihnen, wenn ein Abwehr­spieler mit seinen Grät­schen tel­ler­große Stücke aus dem Rasen reißt oder Frei­stoß­spe­zia­listen mit den Stollen den Rasen abkratzen?
Nicht gut. Aber dann ist es eben meine Auf­gabe, die Pro­blem­zonen zu behan­deln und so her­zu­richten, dass die Schäden am nächsten Spieltag nicht mehr zu sehen sind. Ein gepflegter Rasen ist schließ­lich die Visi­ten­karte eine jeden Gre­en­kee­pers.

Das Para­dies für Rasen­freunde ist noch immer Eng­land, richtig?
Das stimmt. Dort heißt der Gre­en­keeper Groundsman“ und hat wesent­lich mehr Mög­lich­keiten als seine deut­schen Kol­legen. Zum Bei­spiel wird in einigen Sta­dien der Rasen im Fünf-Meter-Raum fünf Mil­li­meter länger geschnitten, als auf dem rest­li­chen Spiel­feld, weil in diesem Bereich die Belas­tung ein­fach höher ist. In Deutsch­land ist das nicht durch­setzbar. Außerdem sind Trainer und Spieler in Bezug auf die Rasen­pflege viel mehr sen­si­bi­li­siert: Tor­hüter machen sich vor dem Spiel einige Meter neben dem Tor warm, um den Tor­raum nicht unnötig zu belasten. Und kein Trainer käme auf die Idee, im Sta­dion trai­nieren zu lassen. In vielen Ver­einen darf der Groundsman sogar Strafen für Spieler aus­spre­chen, wenn die uner­laub­ter­weise seinen Rasen betreten.

Wioe Sie bereits gesagt haben: Rasen­hei­zungen sind längst Pflicht in der Bun­des­liga, einige Klubs besitzen zudem bereits Wär­me­strahler, um dem Rasen selbst im Winter som­mer­liche Ver­hält­nisse vor­zu­gau­keln. Ihr Job ist längst eine Wis­sen­schaft für sich. Was kommt als Nächstes?
Eine an sich gar nicht so wis­sen­schaft­liche Idee, die aber in idealer Aus­füh­rung gute Ergeb­nisse erzielen könnte. Kennen Sie die Planen, die bei Regen­pause in Wim­bledon über die Ten­nis­felder gezogen werden? Solche Planen könnte ich mir auch beim Fuß­ball vor­stellen. Aller­dings müssten diese Planen dann einige Zen­ti­meter über dem Rasen auf­ge­spannt werden, und man müsste dafür sorgen, dass das Wasser anständig abfließt. So ein­fach, wie es sich anhört, ist es also doch nicht.

Hand aufs Herz: Als beim Rele­ga­ti­ons­spiel 2012 zwi­schen For­tuna Düs­sel­dorf und Hertha BSC der Zuschauer ein­ge­blendet wurde, der gerade den Elf­me­ter­punkt aus dem Rasen gerissen hatte, sind Sie richtig wütend geworden, oder?
Nein. Ich konnte den Fan ja irgendwie ver­stehen. Es gibt ja kein schö­neres Sou­venir als ein Stück vom hei­ligen Rasen.

Georg Schmitz, wie sieht der Rasen eigent­lich bei Ihnen zu Hause im Garten aus?
Zu meiner Aus­bil­dungs­zeit lag tat­säch­lich ein Stück Golf­rasen in meinem Garten, an dem ich dann meine neu erlernten Fähig­keiten aus­testen konnte. Heute wohne ich auf dem Land und lasse es ein­fach wachsen. Man muss die Arbeit ja nicht mit nach Hause nehmen.