Klaus Täuber, lassen Sie uns zunächst über ein Ten­nis­spiel mit einer Brat­pfanne spre­chen. 
Ach ja, diese Geschichte hatte ich ganz ver­gessen. Mein Schwie­ger­vater hatte sich damals etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, was seine sport­li­chen Fähig­keiten anbe­langte. Da sagte ich zu ihm: Komm, wir spielen Tennis um ein Essen für die Familie. Du spielst mit dem Ten­nis­schläger und ich mit einer Brat­pfanne.“ Nun ja, ich habe ein­deutig gewonnen.

Wie haben Sie die Rück­hand gemeis­tert?
Ich habe ver­sucht zu umlaufen, das war gar nicht so ein­fach. Außerdem habe ich eine sehr große Brat­pfanne genommen, da wurde nach dem zweiten Satz der Arm ganz schwer. 

Doch der Ehr­geiz war zu groß, um auf­zu­hören?
Ja, sicher. Ich war immer ein Kämp­fertyp. Auf­geben gilt nicht, das war mein Grund­satz. Mit 13 Jahren zog ich mir den ersten Schien- und Waden­bein­bruch zu, nur sieben Monate später den zweiten. Schon damals habe ich mir geschworen, dass ich nie mit einer Trage vom Platz getragen werde, son­dern immer selbst raus­mar­schiere. Diesen Kodex habe ich wäh­rend meiner gesamten Kar­riere auf­recht­erhalten.

Da war der Spitz­name Boxer“ nur fol­ge­richtig.
Spitz­namen hatte ich immer: Ober­stier“ oder Rambo“, doch Boxer“ hat sich durch­ge­setzt. Den ver­passte mir Alfred Draxler von der Bild“-Zeitung, als er sah, wie ich im Trai­ning auf Schalke zur Sache gegangen bin. Außerdem erzählte ich ihm, dass ich am glei­chen Tag Geburtstag habe wie Muhammad Ali. Von da an war nur noch von Boxer Täuber“ die Rede, das hat mir gehörig Respekt in der Liga ver­schafft.

In einer Stern“-Umfrage unter allen Bun­des­li­ga­spie­lern wurden Sie damals zum größten Klopper der Liga“ gewählt.
Als Stürmer, das muss man sich mal vor­stellen, vor Leuten wie Buch­wald und Förster. Kurz vor der Umfrage hatten sich dum­mer­weise ein paar Gegen­spieler in Zwei­kämpfen mit mir ver­letzt. Karsten Sur­mann von Han­nover hatte sich den Kiefer gebro­chen und solche Sachen. Wenn mir einer weh tat, habe ich das jah­re­lang nicht ver­gessen und auch etwas zurück­ge­zahlt. Aber ich habe nie unfair gespielt. Und: Ich habe viel mehr ein­ste­cken müssen, als ich aus­ge­teilt habe.

Was stand in Ihrer Kran­ken­akte?
Also mal über­legen, zwei Mal Schien- und Waden­bein, Innen­band­riss, drei Meniskus-OPs, Kie­fer­brüche, Hand­ge­lenk durch, Daumen, Fuß­ge­lenk. Am Ende hat es mir dann noch die Band­scheibe zer­fetzt.

Den­noch liefen Sie über 300 Mal in der ersten und zweiten Liga auf.
Ich war eben sehr hart zu mir selbst. In einer Saison spielte ich mona­te­lang mit einem gebro­chenen Zeh, vor jedem Spiel kam der Doc mit einer Betäu­bungs­spritze. Die Haut war dann so dick, dass der mit der Spritze gar nicht mehr rein kam. Ich hatte Schweiß auf der Stirn, weil ich wusste: Die Spritze muss er jetzt mit Gewalt rein­hauen.

Warum haben Sie nicht aus­ge­setzt?
Die Trainer kamen immer zu mir und sagten: Klaus, du musst spielen.“ Einmal rammte mir ein Assis­tent des Arztes eine Spritze rein, traf aber aus Ver­sehen den Muskel. Ich konnte mich gar nicht mehr bewegen, in der ersten Vier­tel­stunde des Spiels stand ich nur an der Außen­linie. Meinen Mit­spie­lern rief ich zu: Spielt mich bloß nicht an, spielt mich bloß nicht an.“

Legendär ist ein Spiel von Ihnen mit Schalke 04 gegen den VfB Stutt­gart, als Sie dick ban­da­giert waren.
Und zwar vom Bauch bis zur Fuß­spitze. Es lief erst richtig gut, ich schoss zwei Tore und wir führten 4:0 gegen den VfB, den amtie­renden Meister. Doch der Ver­band war zu eng und schnürte mir so ab der 70. Minute die Durch­blu­tung ab. Das waren höl­li­sche Schmerzen. Ich musste raus und bin fast durch­ge­dreht, weil es plötz­lich 4:3 stand. Aber das dollste Ding war ein Spiel gegen Rot-Weiss Essen.

Warum?
Wir waren mit Schalke auf­ge­stiegen und kurz vor Schluss bela­gerten die Fans schon die Außen­linie. Der Schieds­richter pfiff Foul und die Zuschauer hielten es für den Abpfiff. Sie stürmten den Rasen, doch der Schieds­richter wollte die letzten fünf Minuten noch zu Ende spielen lassen. Die Fans hatten mir aber schon Trikot, Stutzen und Fuß­ball­schuhe weg­ge­rissen. Also lieh ich mir von einem Anhänger ein Shirt und von unserem Mas­seur die Schuhe. So weit, so gut. Die Sache hatte nur einen Haken.

Wel­chen?
Unser Mas­seur hatte Schuh­größe 40, ich aber 44. Meine Hacken schauten also hinten raus, ich konnte in den letzten Minuten also gar nicht richtig laufen.

Zu dieser Zeit auf Schalke lernten Sie auch den jungen Olaf Thon kennen. Er erin­nert sich noch heute leb­haft an das zweite Trai­ning mit Ihnen.
Ich war zu dieser Zeit auf Schalke schon ein biss­chen Hei­ligtum. Die anderen Spieler wussten, dass sie mich im Trai­ning besser nicht angehen. Dann kam Olaf mit 17 Jahren dazu. Und was macht der Kerl? Foult mich, nimmt mir den Ball weg. Da hat er dann links und rechts eine Back­pfeife bekommen. Doch in all den fol­genden Jahren war ich Olafs Pit­bull.

Wie meinen Sie das?
Ich habe Olaf immer ver­tei­digt, auf dem Platz und daneben. Einmal kam er im Spiel zu mir und sagte: Klaus, der Uli Borowka hat mir gesagt, er will mich im nächsten Zwei­kampf umbringen.“ Ich kannte Uli gut, bin direkt mit Olaf zu ihm hin und meinte: Uli, den Olaf lässt du in Ruhe, sonst bekommst du es mit mir zu tun.“ So war das früher. Dem Jürgen Klins­mann habe ich bei den Stutt­garter Kickers genauso geholfen. Die jungen Spieler hatten schließ­lich in der dama­ligen Zeit einen sehr schweren Stand.

Wer war denn Ihr Pit­bull, als Sie ein junger Spieler waren?
Den gab es nicht, ich musste mir das selbst erar­beiten. Damals herrschten noch ganz andere Hier­ar­chien. Wenn du als junger Spieler unter der Dusche stan­dest und ein älterer kam rein, muss­test du Platz machen. Auch die Trainer waren von einem anderen Schlag. Ich werde nie eine Begeg­nung mit Zapf“ Geb­hardt ver­gessen. 

Ihrem Trainer in Nürn­berg.
Ja, das war noch die alte Garde. Im Win­ter­trai­nings­lager platzte er häufig in die Zimmer der Spieler. Einmal stand ich gerade draußen auf dem Balkon, um eine zu rau­chen. Plötz­lich flog die Tür auf und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Anstatt die Ziga­rette ein­fach weg­zu­schmeißen, bin ich vor lauter Schreck ein­fach vom Balkon gesprungen.

Wie tief ging es runter?
Ich flog so zwei Meter tief auf ein Vor­dach. Es war Winter, minus acht Grad, und auf dem Dach hatte sich eine Eis­scholle gebildet. Zum Glück, muss man sagen. So stand ich knie­tief im Eis­wasser. Das Pro­blem: Ich konnte bestimmt zehn Minuten lang meine Füße nicht mehr spüren.

Rauchten viele Fuß­baller zur dama­ligen Zeit?
Gerade die älteren Spieler. Auf Schalke saßen wir nach jedem Spiel mit Manni Drexler und Michael Jakobs im Ent­mü­dungs­be­cken und qualmten drauflos. Die anderen Spieler konnten vor lauter Rauch gar nichts mehr erkennen. Ich weiß noch, wie ich zu meiner Lever­ku­sener Zeit mit Bum-Kun Cha das Zimmer teilte. Kann nix schlafen“, beschwerte er sich über den Qualm. Ich sagte nur: Mensch Bummi, reg dich doch nicht auf.“

Wie ver­hielt es sich mit dem Alkohol?
Man muss klar sagen, dass zu meiner Zeit viele Spieler ein Alko­hol­pro­blem hatten. Ich habe mich zurück­ge­halten, war nicht so der Bier­trinker. Wenn ich mal trank, dann ab und zu einen Whiskey-Cola. Damals konnte man als Spieler noch unbe­hel­ligt in den Kneipen der Stadt ver­kehren. Wenn ich da mit meinem Mit­spieler Thomas Kruse saß, raunte schon mal einer: Mit dem Kruse kann ja nix werden, wenn der Bier trinkt. Der Täuber bleibt wenigs­tens bei Cola.“

Bei einem Spiel in Nürn­berg sollen Sie aber etwas mehr als nur einen Drink genossen haben.
Ja, da habe ich mir mit dem Michael Jakobs richtig einen getrunken. Wir spielten mit Schalke in Nürn­berg, also in meiner Heimat. Am fol­genden Tag war in der Nähe noch ein Freund­schafts­spiel ange­setzt, bei dem wir Stamm­spieler aber geschont werden sollten. Ich zog mit den Jungs los, unser Trainer Rolf Schaf­stall hatte den Zap­fen­streich auf Mit­ter­nacht ange­setzt. Wir wussten, dass er in der Hotel­lobby warten würde. Wir wussten aber auch: Der sitzt da viel­leicht um zwölf oder um eins, aber bestimmt nicht mehr um sechs oder sieben Uhr.

Sie machten also durch.
Und wie! Wir tor­kelten direkt von der Disco ins Mann­schafts­quar­tier zum Früh­stück. Ich konnte nicht mehr richtig laufen, geschweige denn reden. Jako und ich waren davon aus­ge­gangen, dass wir bei dem Test­spiel sowieso nicht spielen müssten. Dann schrieb Schaf­stall die Auf­stel­lung an die Tafel und ich traute meinen Augen nicht: Da standen tat­säch­lich unsere Namen. Ich fragte Jako nur: Wie soll ich spielen? Ich sehe den Ball doch gar nicht.“

Wurden Sie damals in den Bars nicht erkannt?
Ach, früher war es ja nicht wie heute, wo sich durch Foto-Handys und Internet alles schnell ver­breitet. Außerdem war es ein ganz anderes Mit­ein­ander. Einmal stand ein etwas rund­li­cher Fan am Trai­nings­platz, der kein Geld mehr hatte. Er sagte: Klaus, ich weiß nicht, wie ich in die Stadt kommen soll.“ Da habe ich ihn eben nach Hause gefahren.

Wie war der Umgang mit den Medien?
Der Ein­zige, der sich auch in den Gel­sen­kir­chener Kneipen rum­trieb, war der schon erwähnte Alfred Draxler von der Bild“. Ich kam mit ihm aus – bis auf das eine Mal, als er einige Unwahr­heiten über mein Pri­vat­leben ver­brei­tete. Wenig später sah ich ihn bei einem Spon­so­ren­termin. Alfred“, sagte ich, du hast fünf Minuten, um hier zu ver­schwinden. Sonst hau ich dir auf die Schnauze.“

Wie ging es weiter?
Nun ja, so weit kam es nicht. Aber ich wusste, dass die Retour­kut­sche kommt. Als Schalke mich ver­kaufen musste, ent­schied ich mich, nach Lever­kusen zu wech­seln. Schalke war zu diesem Zeit­punkt im gesi­cherten Mit­tel­feld. Die letzten Spiele ver­passte ich, weil ich mich tat­säch­lich wegen einer Ver­let­zung behan­deln ließ. Da titelte die Bild“: So lässt der Boxer Schalke im Stich.“ Das tat sehr weh.

Warum?
In all den Jahren hatte ich mich für den Klub zer­rissen, mit Spritzen gespielt und mich immer rein­ge­hangen. Schalke ist mir ans Herz gewachsen, ich sah, wie die Fans am Verein hingen. Wenn du Profi wirst und nur bei einem Verein spielen kannst, dann musst du nicht in Bar­ce­lona, nicht in Mün­chen, nicht in Dort­mund spielen. Son­dern auf Schalke.

Mit Lever­kusen wurden Sie auf Anhieb UEFA-Cup-Sieger.
Ja, rein sport­lich gesehen war der Wechsel gold­richtig. Wir hatten zwar nicht so eine gute Kame­rad­schaft wie auf Schalke, aber haben uns unglaub­lich gepusht vor jedem Spiel. In der Lever­ku­sener Mann­schaft waren fast aus­schließ­lich Häupt­linge. Wolf­gang Rolff als Kapitän, eine Offen­sive mit Tita, Schreier, Waas und mir. Da hat sich keiner unter­ge­ordnet. Ich habe mir auch häu­figer mit Thomas Hörster in den Haaren gelegen. Doch Erich Rib­beck hat aus der Mann­schaft eine Ein­heit geformt. Im Euro­pa­pokal sind wir dann als echtes Team auf­ge­treten.

Auf dem Weg ins Finale schlug Bayer in der Rei­hen­folge Aus­tria Wien, den FC Tou­louse, Feye­noord Rot­terdam, den FC Bar­ce­lona und Werder Bremen.
Alles echte Kra­cher. Bremen wurde schließ­lich 1988 auch Deut­scher Meister. Der UEFA-Cup hatte sei­ner­zeit noch eine ganz große Bedeu­tung, dort spielten euro­päi­sche Top­mann­schaften. Doch wir ver­loren kein ein­ziges Spiel – bis zum Finale bei Espanyol Bar­ce­lona. Da gingen wir 0:3 unter, obwohl wir gar nicht so viel schlechter waren.

14 Tage später stieg das Rück­spiel in Lever­kusen. Was gab Ihnen Hoff­nung?
Ich habe oft an das 6:6 mit Schalke gegen die Bayern einige Jahre zuvor gedacht. Manchmal werden Wunder im Fuß­ball wahr. Doch genau in dieser Phase ver­letzte ich mich wieder, hatte einen Mus­kel­fa­ser­riss in der Wade. Am Tag des Final­rück­spiels fragte mich dann unser Trainer Erich Rib­beck, ob ich mich denn wenigs­tens auf die Bank setzen kann. Ich ant­wor­tete: Trainer, ich würde mich selbst mit einem Bein­bruch auf die Bank setzen.“

Sie wurden in der zweiten Halb­zeit beim Stand von 1:0 ein­ge­wech­selt.
Ich dachte mir: Gleich kommt das Adre­nalin, da blen­dest du die Schmerzen aus, 30 Minuten gehen schon. Mein erster Ball­kon­takt auf links, eine Flanke auf Falko Götz – da stand es 2:0. Bum-Kun Cha erhöhte wenig später dann auf 3:0, Aus­gleich, Ver­län­ge­rung. Wir hatten uns in einen Rausch gespielt, die Spa­nier wussten gar nicht, wie ihnen geschah.

Im Elf­me­ter­schießen lag Espanyol dann wieder in Füh­rung.
Wir hatten gar keine Elfer geübt, schließ­lich konnte man nicht damit rechnen. Doch auch da drehten wir das Ding, ich schoss den letzten Elfer, Espanyol ver­schoss – wir hatten die Mis­sion impos­sible“ geschafft. Die Spa­nier waren nur gekommen, um den Pokal zu holen, nach dem Spiel bra­chen sie zusammen. Da konnte man schon Mit­leid haben. Aber für uns war der Abend ein­fach nur geil.

Wie war die Feier danach?
Direkt nach dem letzten Elfer drückte mir jemand eine Sekt­fla­sche in die Hand. Als mich dann Rolf Töp­per­wien inter­viewen wollte, hatte ich schon drei Viertel davon intus. Nach einem sol­chen Spiel geht das direkt ins Blut. Sicher­lich hatten wir immer gehofft, das Wunder zu packen. Doch richtig daran geglaubt haben wir auch erst nach dem 2:0.

Wenig später mussten Sie Ihre Kar­riere beenden. War der UEFA-Cup-Sieg Ihr schönster Erfolg?
Sicher, es ist bis heute Lever­ku­sens größter Titel. Es macht schon stolz, an diesem Fuß­ball­wunder wie auch an dem 6:6 mit Schalke gegen Bayern betei­ligt gewesen zu sein. Auch die Auf­stiege mit Schalke und Nürn­berg waren gran­dios. Nach einer Band­schei­ben­ver­let­zung musste ich mich aber end­gültig vom Pro­fi­fuß­ball ver­ab­schieden. Doch so man­ches Mal hat mich auch wäh­rend meiner Trai­ner­jahre das Fieber gepackt.

Inwie­fern?
Es gab ein Auf­stiegs­spiel mit dem FC Rhade, in dem ich es in den letzten zwanzig Minuten vor Anspan­nung nicht mehr aus­ge­halten habe. Ich dachte mir: Klaus, du musst der Mann­schaft helfen.“ Also wech­selte ich mich selbst ein. Doch das Kurio­seste pas­sierte bei einem Spiel in Waltrop, da hatte ich den kür­zesten Ein­satz meiner gesamten Kar­riere. Ich wech­selte mich wieder selbst ein und sah nur zwei Minuten später die Rote Karte. Unglaub­lich, in 13 Jahren Bun­des­liga hatte ich nur einmal Rot gesehen.

Obwohl Ihnen der Ruf als Klopper der Liga“ vor­aus­eilte.
Da können Sie mal sehen. Das war noch dazu im letzten Sai­son­spiel, die Sperre fiel so in die Som­mer­pause. Beim zweiten Mal wurde ich nach­träg­lich frei­ge­spro­chen. Richtig aus­setzen musste ich nur wegen Gelb­sperren. Das aller­dings nicht gerade selten.