Sig­fried Held, Sie haben einige der denk­wür­digsten Spiele der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte bestritten. Das Euro­pa­po­kal­fi­nale 1966 mit Borussia Dort­mund, das WM-Finale in Wem­bley 1966 und das Halb­fi­nale 1970 gegen Ita­lien. Dabei sind Sie erst mit 14 Jahren über­haupt zum Fuß­ball gekommen.
Zum Ver­eins­fuß­ball, um genau zu sein. Ich bin mit 14, fast 15 Jahren dem TV Markt­hei­den­feld bei­getreten. Das war ein Ort in Unter­franken. Fuß­ball habe ich aber schon gespielt, seit ich laufen konnte. Wir waren Hei­mat­ver­trie­bene aus dem Sude­ten­land und wohnten in einem Flücht­lings­lager außer­halb des Ortes in Holz­wagen. Das war eine schwere Zeit, und das ein­zige Ver­gnügen für uns Kinder war der Fuß­ball. Wir haben oft sechs, sieben Stunden am Tag gespielt. Auf der Straße, auf der Wiese, auf dem Feld, in allen nur denk­baren Vari­anten. Zwei gegen zwei, drei gegen drei, zwei gegen einen. Zwi­schen­durch sind wir kurz zur Was­ser­lei­tung gerannt, und dann spielten wir weiter.

Hat man im Verein Ihr Talent rasch erkannt?
Das konnte man gar nicht. Ich hab näm­lich zuerst im Tor gestanden. Wir haben aber immer wahn­sinnig hoch gewonnen, und mir wurde schnell lang­weilig, nur hinten her­um­zu­stehen.

Zur Saison 1963/64 wech­selten Sie vom TV Markt­hei­den­feld in die Regio­nal­liga Süd­west zu Kickers Offen­bach. Da waren Sie schon 21 Jahre alt.
Heut­zu­tage wäre ich wahr­schein­lich schon früher ent­deckt worden. Aber damals gab es keine flä­chen­de­ckenden Sich­tungen. Wie sie bei den Kickers auf mich auf­merksam geworden sind, weiß ich nicht. Wir haben einige Monate vorher ein Vor­be­rei­tungs­spiel gegen einen Offen­ba­cher Vor­ort­verein gemacht, ver­mut­lich hat da einer zuge­schaut. Den Ver­trag hat mein Vater unter­schrieben. Ich war ja erst mit 21 Jahren im geschäfts­fä­higen Alter.

War das für Sie schon der Schritt in die große Fuß­ball­welt?
Dar­über habe ich mir damals nicht so viele Gedanken gemacht. Sicher war es auf­re­gend, plötz­lich vor 10 000 Zuschauern auf dem Bie­berer Berg zu spielen. Aber ich war vor allem damit beschäf­tigt, den Alltag zu orga­ni­sieren. Ich musste gleich­zeitig zum Wehr­dienst ins unter­frän­ki­sche Ham­mel­burg, das war etwa 120 Kilo­meter ent­fernt von Offen­bach. Und die Bun­des­wehr war damals noch längst nicht so kulant wie heute. An regel­mä­ßiges Trai­ning war gar nicht zu denken. Einmal in der Woche kam einer aus Offen­bach ange­reist und hat mit mir in meiner Mit­tags­pause trai­niert.

Zu den Spielen durften Sie aber?
Auch da gab es Schwie­rig­keiten. Einmal wollte ich für ein Spiel frei­ge­stellt werden, da sagte mir der Major: Wenn ich Ihnen jetzt frei­gebe, dann kommt das nächste Mal einer vom Kanin­chen­züch­ter­verein und will eben­falls weg.“ Ich bin dann durch die Kaserne gelaufen und habe einen gesucht, der den Bereit­schafts­dienst für mich erle­digt. Und erst als ich den gefunden hatte, durfte ich zum Spiel.

Sig­fried Held

Sig­fried Held wurde am 7. August 1942 im Sude­ten­land geboren. Über die Kickers Offen­bach kam er 1965 zu Borussia Dort­mund in die Bun­des­liga, mit denen er 1966 den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger gewann – der erste Euro­pa­po­kal­sieg einer deut­schen Mann­schaft über­haupt. Mit der Natio­nal­mann­schaft nahm er an den Welt­meis­ter­schaften 1966 und 1970 teil. Später trai­nierte er den FC Schalke 04 und war Natio­nal­trainer von Island, Malta und Thai­land.

Sie spielten zwei Jahre lang bei Kickers Offen­bach, in einer Sturm­reihe mit Herman Nuber und Sieg­fried Gast, und schossen in der Saison 1964/65 immerhin 15 Tore. Eine gute Bewer­bung für einen Wechsel in die Bun­des­liga.
Es hatten sich meh­rere Ver­eine um mich bemüht. Als Erstes und ziem­lich intensiv Hertha BSC. Die Ber­liner wurden schnell kon­kret, mit damals nicht ganz legalen Mit­teln. Der DFB hatte Vor­ver­träge mit Spie­lern ver­boten. Ich hab trotzdem einen unter­schrieben. Der galt aller­dings nur für die erste Liga und ver­fiel, als die Her­thaner 1965 aus der Bun­des­liga wegen ver­bo­tener Hand­gelder und zu hoher Gehälter geworfen wurden. Dass ich dann nach Dort­mund gewech­selt bin, lag daran, dass ich gleich­zeitig in der Mili­tär­na­tio­nal­mann­schaft spielte. Deren sport­li­cher Leiter, Major Rein, hatte Ver­bin­dungen zur Borussia.

Die gerade ein­ge­führte Bun­des­liga wirkte auf den deut­schen Fuß­ball­be­trieb auch des­halb revo­lu­tionär, weil sie dem Berufs­spie­lertum den Weg ebnete. Wie viel ver­dienten Sie, als Sie zur Borussia wech­selten?
Ich hatte schon ein etwas höheres Grund­ge­halt, etwa 1200 Mark, später 1700 Mark plus Prä­mien. Dazu kam noch die soge­nannte Jah­res­leis­tungs­prämie. Das hatte der Major für mich aus­ge­han­delt. Viel Spiel­raum gab es aber nicht, das war damals alles vom DFB streng regle­men­tiert.

Mit dem Wechsel nach Dort­mund kam Ihre Kar­riere richtig in Schwung.
Als ich zur Borussia ging, war mir klar, dass ich zu einer deut­schen Spit­zen­mann­schaft wech­selte. Der BVB war ja 1963 Meister geworden. Und ich wusste auch, dass ich in Dort­mund ganz anders im Schau­fenster stehen würde als in Offen­bach. Dass wir aller­dings gleich in meiner ersten Saison den Euro­pa­pokal holen würden, war jen­seits des Hori­zonts.