Seite 4: Alles außer rational

Am Abend schäumen Grimsbys Pubs wieder über. Sie singen auf die Melodie von Blurs Tender“ zu Ehren von Stürmer Omar Bogle. Die Paria-Rolle jedoch ist nicht immer char­mant, es gibt hier nicht nur lus­tige Sprüche, son­dern wütende Kreuze. In der Gegend hier in North East Lin­colnshire stimmten im ver­gan­genen Sommer knapp 70 Pro­zent für den Brexit, in nur neun anderen Bezirken in Groß­bri­tan­nien war das Votum noch deut­li­cher. Nicht wenige denken, dass es die Ober­grenzen aus Brüssel für den Fisch­fang waren, die die hie­sige Indus­trie nie­der­zwangen. Hinzu kam eine gene­relle Ableh­nung gegen London und die eigene Regie­rung. Manchmal scheint es, als hätten der Spott und die Ver­nach­läs­si­gung Eng­lands diesem Ort eine spe­zi­elle Wider­bors­tig­keit ein­ge­trieben.

In der Halb­zeit­pause in Don­caster hielt ein Ordner einen Fan fest. Plötz­lich lief ein gutes Dut­zend anderer Fans zu den beiden, um einen der ihren kom­pro­misslos zu befreien. Die anderen feu­erten den Mob an, wie sie die Spieler anfeuern: Maaa-ri-neers“. Irgendwie war­tete man nur darauf, dass in dem Getümmel Grimsbys eigener Majestix auf einem Schild her­an­ge­tragen wird. Grimsby gegen den Rest der Welt.

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Theodor Barth

Bei einem Aus­wärts­spiel 2015 in Nails­worth nahmen Ordner einen Grimsby-Fan in den Schwitz­kasten, weil er einen auf­blas­baren Ball mit­ge­bracht hatte. Die Fan­ge­meinde war so empört, dass sie für das kom­mende Aus­wärts­spiel in Barnet zu einer Soli­da­ri­täts­ak­tion auf­rief: The Barnet infla­table inva­sion“ wurde legendär. Im Aus­wärts­block war wohl alles zu finden, was man auf diesem Pla­neten auf­blasen kann: ein Hai, eine Gum­mi­puppe, ein Dino­sau­rier, ein Penis, ein Krück­stock, ein Fla­mingo, eine Banane, ein Hammer, meh­rere Bälle, ein Pin­guin, ein Ret­tungs­ring, eine Ret­tungs­insel, ein Pokal – und natür­lich Harry Had­dock.

Alles außer rational

Die auf­blas­bare Inva­sion“ ver­deut­licht wie kaum eine andere die Men­ta­lität dieser Stadt. Soli­da­risch, humor­voll, etwas schräg. Rational sicher nicht. Diese stram­pelnde Hafen­stadt kann gleich­zeitig rau und warm­herzig sein. Selbst Elton John sang einmal über Grimsby: Take me back you rustic town, I miss your magic charm.“

Der Abend nach dem Spiel, Kris­tine steht in einem dieser Pubs in Grimsby, sie ist fast wie eine Frem­den­füh­rerin. An ihrem Hand­ge­lenk hat sie die drei Fische aus dem Wappen täto­wiert. Nie wohnte sie weiter weg als einen Kilo­meter von ihrem Geburts­haus, nur zu den vielen Aus­wärts­spielen hat sie die Stadt ver­lassen. Sie hilft dem Verein als eine Art Fan­be­treuerin, orga­ni­siert Treffen der jungen Sup­porter und hilft im Mari­ners Trust“, der Fanin­itia­tive. Viel mehr Grimsby passt nicht in ein Leben. Als der Klub 2015 knapp den Auf­stieg in die vierte Liga ver­passte, so Kris­tine, sam­melten die Fans Geld für Neu­ver­pflich­tungen unter dem Motto Ope­ra­tion pro­mo­tion“ (Ope­ra­tion Auf­stieg). Alte Fans brachten große Teile ihrer Rente zum Sta­dion, Kinder ihr Taschen­geld. Trotzdem erwar­teten die Orga­ni­sa­toren nicht viel. Das Ziel von 20 000 Pfund wirkte sehr opti­mis­tisch. Diesen Betrag“, sagt Kris­tine, hatten wir bereits am ersten Tag bei­sammen. Also machten wir ein­fach weiter.“ Am Ende mussten sie mehr­mals nach­zählen, um die Summe glauben zu können – 110 000 Pfund. Ein Jahr später stieg Grimsby Town auf.

Der Stadt mag es nicht gut gehen, doch für die Leute hier ist sie die beste der Welt. Und für all die Spötter, also für den Rest Eng­lands, in den sie ihren Fisch lie­fern, haben sie noch einen eigenen ganz spe­zi­ellen Gesang. Sie stimmen ihn aus­wärts beson­ders laut an. Egal wo sie spielen. We piss on your fish, yes we do.“ Wir pissen auf euren Fisch, oh ja, das tun wir.

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Theodor Barth