Seite 3: Das letzte Abenteuer
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Theodor Barth

Es gibt keine rich­tige Erklä­rung, warum die Aus­wärts­fahrten von Grimsby Town in der vierten eng­li­schen Liga zu einem der­ar­tigen Phä­nomen wurden. Immerhin einige Ansätze: Als Grimsby 2010 in die fünfte Liga abstieg, fand das erste Aus­wärts­spiel in Crawley statt, einem Kaff unweit von London. Viele Grims­ba­rians wohnen mitt­ler­weile in der Haupt­stadt, weil sie dort Arbeit gefunden haben. Sie sahen dieses Aus­wärts­spiel und viele wei­tere als ihre ganz per­sön­li­chen Heim­spiele an. Zudem machten sich sei­ner­zeit auch viele Fans aus Trotz gegen den Nie­der­gang auf den Weg. Und so standen plötz­lich 1200 Grimsby-Fans in dem kleinen Sta­dion – und hin­ter­ließen damit nicht nur bei den 800 rest­li­chen Zuschauern einen blei­benden Ein­druck. Das war der Start­schuss“, sagt Ian. In der Folge waren Grimsbys Fans bei den Aus­wärts­spielen sogar lauter als zu Hause, wo der Zuschau­er­schnitt bei unge­fähr 5000 liegt. Auf Reisen waren sie mal kreativ, mal schlicht dada­is­tisch.

In Gates­head stürmten sie den Platz. In South­port rollte ein junger Fan in einer Regen­tonne die Stufen her­unter. Und eigent­lich überall besangen sie ihren Stürmer Lenell John Lewis, der den glei­chen Namen wie eine Laden­kette trägt, mit dem ein­gän­gigen Gesang: Lenell John Lewis – his name is a shop!“

Grimsby ist das letzte Aben­teuer

Die Jungs wissen, dass sie eine gute Zeit haben. Auch wenn der Fuß­ball mit­unter grottig ist“, sagt Iain, bevor ein wei­terer Befrei­ungs­schlag seiner Mann­schaft in Don­caster auf die Tri­büne fliegt. Vor ihm springen einige 18-Jäh­rige auf den roten Plas­tik­sitzen herum, bis ein Sitz in der Mitte durch­bricht. Sie beachten das Ziga­ret­ten­verbot, denn sie rei­chen statt­dessen Joints herum. Wohl nir­gendwo auf den oft über­teu­erten und ste­rilen Tri­bünen der Pre­mier League sam­meln sich so viele junge Fans wie in diesen Reihen. Aus­wärts mit Grimsby, das ist das letzte Aben­teuer.

Ein Gesang der Jugend­li­chen wird von einem Teil der Tri­büne über­nommen. Peter Sut­cliffe is a friend of ours.“ Was die Frage auf­wirft: Wer ist Peter Sut­cliffe? Iain zögert etwas, dann gibt er zu: Das ist jetzt viel­leicht nicht unser hellster Moment. Er sitzt gerade im Gefängnis und sie singen davon, dass sie ihn befreien wollen.“ Was hat er gemacht? Nun ja, er war ein berüch­tigter Seri­en­killer. Er hat Leute hier in York­shire umge­bracht.“ Humor der Küste, selten mit Milch ver­dünnt.

Schluss­pfiff. All die Gesänge, die Trom­mel­schläge, das Klat­schen der Fans haben dem über­for­derten Team von Grimsby Town nicht geholfen. End­stand 0:1. Iain und Josh fahren erschöpft zurück, zwei Spiele an einem Tag, beide ver­loren, ab nach Grimsby, vorbei an dem Armee­truck, den Pubstraßen, zurück nach Hause, die beiden ver­ab­schieden sich. Nächste Woche wird es hei­melig. Da kommen der Weih­nachts­mann und Accrington Stanley FC.

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Theodor Barth