Seite 2: „Hart, wortkarg und leidenschaftslos“

Der Platz in Don­caster liegt direkt neben dem Sta­dion. Erster Ein­druck: Ver­dammt, der Rasen ist in einem sehr guten Zustand. Wir müssen uns also schon mal eine andere Aus­rede über­legen. Lass uns gegen die Sonne spielen.“ In der Kabine der Grimsby-Fans geht es leb­haft zu wie in deut­schen Fuß­ball­um­kleiden, nur dass hier nun etwas häu­figer von Hitler oder Umschnall­dildos die Rede ist. Der Tor­wart hat noch ein paar Büchsen Bier in seiner Sport­ta­sche gefunden, zur Tar­nung schüttet er den Inhalt in Kaf­fee­be­cher und Plas­tik­fla­schen für die iso­to­ni­schen Getränke. Wel­come to Grimsby“, sagt er.

Wie abge­spro­chen spielen Grimsbys kickende Fans gegen die Sonne, und wie erwartet ver­lieren sie, wenn auch knapp mit 2:3. Ian, Josh und die anderen ziehen sich im Sta­dion um, streifen dezente schwarze Jacken und Pullis über. Nur ver­ein­zelt tragen Grimsbys Anhänger Tri­kots – und die meisten ent­gegen dem Kli­schee auch keine 150 Kilo mit sich herum. Denn so, als Kari­katur ihrer selbst, sind sie im ganzen Land bekannt. 2016 näm­lich spielte Sacha Baron Cohen, berühmt geworden als Borat“, in seinem neuen Film einen beson­ders, man muss es so sagen, aso­zialen und ein­fäl­tigen Eng­länder namens Nobby But­cher. Er trug einen Liam-Gal­lagher-Haar­schnitt, Adi­letten, ein ver­sifftes Trikot, hatte elf Kinder – und wohnte in Grimsby.

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Theodor Barth

Hart, wort­karg und lei­den­schaftslos“

Die Stadt und ihre Fisch­köpfe“ kamen in Cohens Film nicht son­der­lich gut weg, um es freund­lich aus­zu­drü­cken. So soll Nobbys Frau in einer Szene die Stärken ihres Mannes auf­zählen. Schwän­gern könne er sie, sagt sie, und das, ohne sie dabei auf­zu­we­cken. Doch Cohen steht bei den­je­nigen, die Grimsby ver­höhnen, nur hinten in einer sehr langen Schlange. Ein Abge­ord­neter aus Grimsby schrieb 2015 über seine Hei­mat­stadt, sie sei hart, wort­karg und lei­den­schaftslos, zudem daran gewöhnt zu leiden“. Der ehe­ma­lige Spieler Thomas Pin­ault wet­terte einst: Das ist wirk­lich kein schöner Ort zum Leben. Er ist alt, voll mit Fischern und stinkt auch die ganze Zeit nach Fisch.“

Wie reagieren die Bewohner und vor allem die Fans auf all diese Schmä­hungen? Auf die Grimsby-Art.

Rein in den Gäs­te­block beim Aus­wärts­spiel in Don­caster. Über 4000 Fans füllen die kom­plette Tri­büne. Mehr Aus­wärts­fans soll kein Verein in Eng­land an diesem Wochen­ende mit­ge­bracht haben, nicht mal in der ersten Liga. Trom­mel­schlag. Bämm. Bämm. Bä-bä-bä-bä-bämm. Aus 4000 Kehlen ertönt ein ein­ziges Wort: Fish!“ Dann klat­schen und schreien sie, wie es eben auf dem Button von Diane prangt, wieder und wieder: Clap, clap, fish. Es folgt: We only sing when we’re fishing.“ Wir singen nur, wenn wir fischen – statt des bekannten You only sing when you’re win­ning“. In Anleh­nung an God almighty“ nennt sich das Fan­zine des Klubs Cod Almighty“, also all­mäch­tiger Kabeljau. Jeder Fan behan­delt Harry Had­dock wie einen netten Ver­wandten und bringt ihn zu aus­ge­suchten Spielen mit. Harry Had­dock ist der Name eines auf­blas­baren Fisches. 

Die Ironie ver­bindet

In der langen Schlange der­je­nigen, die sich über Grimsby lustig machen, stehen die Ein­wohner näm­lich selbst ganz vorne. Sie drehen es um, die Ironie ver­bindet sie, als wäre der Hohn der anderen eine Aus­zeich­nung. Dann sind sie eben die auf­rechten Fisch­köppe, für die der Hafen­ge­stank ein Duft ist wie für andere Chanel No. 5.

Zur Halb­zeit liegt Grimsby mit 0:1 zurück. Iain regt sich dar­über auf, dass die Spieler planlos den Ball nach vorn schlagen. Josh nickt. Es sieht nicht gut aus. Die 4000 Fans haben ohne Unter­lass gesungen, zur Pause aber tapern sie grum­melnd in den spär­lich beleuch­teten Tri­bü­nen­un­terbau zu den Bier- und Pie-Ständen. Sehr gesittet stellen sich die Fans in die Reihen. Zunächst.

Mitten in das all­ge­meine Gemurmel stimmt eine Gruppe von Par­katrä­gern ein Lied­chen an, sie schun­keln etwas über­trieben und ver­schütten Bier. Ein stäm­miger Typ in rot-schwarzem Karo­hemd schaut hin­unter auf seinen trop­fenden Ärmel, dann zu den Jungs im Parka. Eine Sekunde über­legt er, was zu tun ist. Dann schnellen seine Arme nach oben. Er reißt den Mund und die Augen weit auf, er stimmt mit ein. Eeeeeevery-wheeeeere we go.“ Plötz­lich springen auf einer Fläche von viel­leicht 40 Qua­drat­me­tern 60 Men­schen umher, als hätte man sie aus einer Kon­fet­ti­ka­none geschossen. It’s the Grimsby boys making all the noise.“ Sie singen, über­schütten sich mit Bier, ein Kerl im Weih­nachts­mann­kostüm sitzt plötz­lich auf den Schul­tern seines Kum­pels. Zwei Rauch­töpfe zünden. Nebel, Bier­dunst, Pie-Geruch. Ein anderer Fan hockt auf einer über den Köpfen bau­melnden Decken­lampe. In den Worten der Ein­wohner am Vor­abend: Let’s go fucking mental!