11FREUNDE WIRD 20!

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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Unter­wegs mit den irren Dans von Grimsby Town FC.

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Diane schaut besorgt. Pass auf dich auf, wenn du in diese Straßen gehst“, sagt sie, eine herz­liche Dame mitt­leren Alters, und zeigt schräg nach links, eine kleine Anhöhe hinauf. Diane kennt hier jede Ecke. Hier in Grimsby, dieser Stadt, deren Name allein Frös­teln her­vor­ruft. Deren zwei Silben klingen wie in Laut gegos­sene Trau­rig­keit. Grimsby, das ist die Stadt, die letztes Jahr bei Abstim­mungen von ver­schie­denen Online­me­dien zum worst place to live in the UK“ gewählt wurde. Also zum schlimmsten Ort, an dem man in Groß­bri­tan­nien leben kann. Und wer schon einmal eine Indus­trie­stadt im Norden Eng­lands besucht hat, weiß, dass die Kon­kur­renz in diesem Wett­be­werb hoch ist.

Grimsby war mal der Stolz der bri­ti­schen Fischerei, nun stehen am Hafen so viele Gebäude leer, dass das Knarzen ihrer Türen bei Wind­stößen zu hören ist. In der Dun­kel­heit dient die Tesco-Leucht­schrift als Laternen­er­satz, rote Back­stein­häuser mit kleinen Vor­dä­chern reihen sich anein­ander, hier ein Pfand­leih­haus, da ein Studio zum Weg­la­sern von Tat­toos, davor hat jemand einen ver­beulten Armee­truck geparkt. Nicht mal großen Fuß­ball mag es hier geben, doch dafür, heißt es, die besten Aus­wärts­fans Eng­lands. Selbst Dianes Jacke erzählt davon, sie trägt einen Button am Kragen mit der Auf­schrift Clap, clap, fish“. Ein Spruch, den man erst später ver­steht, auf der Reise mit Grimsby Town FC.

Let’s go fucking mental

An der Grimsby Road ist es am frühen Abend noch leise, doch der Lärm der abzwei­genden Straßen dröhnt zwi­schen den Häu­sern her­über. Warum soll man auf­passen in diesen Straßen, Diane? Sind dort die harten Jungs unter­wegs, die Mobster von Grimsby etwa? Nein, nein, schlimmer“, ent­geg­nete sie. Heute ist Mad Friday. Die ganzen Büro­an­ge­stellten und Lehrer machen einen drauf. Das nimmt kein gutes Ende.“ Diane wiegt den Schlüs­sel­bund leicht in der Hand, dreht sich um und ver­ab­schiedet sich mit dieser tro­ckenen Pointe in ihr Haus. Mad Friday – das ist der letzte Freitag vor den Weih­nachts­fei­er­tagen. Der Tag, an dem sich nicht wenige Eng­länder, egal ob Büro­an­ge­stellte oder Lehrer, zwi­schen all der Besinn­lich­keit besin­nungslos trinken. Bilder der Exzesse in Leeds, in Man­chester, in Bir­mingham füllen andern­tags ganze Zei­tungs­seiten. Und Grimsby lässt sich bei dieser Tra­di­tion nicht zweimal bitten.

In den Neben­straßen tropfen Jungs mit gla­sigen Augen aus den Pubs. Vor den Ein­gängen ent­le­digen sich manche Männer ihrer Hosen, Frauen ihrer hoch­ha­ckigen Schuhe, die Front­scheiben der Autos werden mit Fish & Chips ein­ge­seift. Drinnen tanzen selbst betagte Damen im Stile von Beyoncé und geben Pfund­noten mit dem Mund weiter. Gegen die wabernde, freu­de­trun­kene Masse in Grimsby wirkt selbst der Kölner Kar­neval wie eine Partie Rommé im Kano­ni­ker­stift. Doch stellt man gegen­über Ein­woh­nern fest, was dies hier für eine wilde Party sei, ant­worten diese nur mit einem Kopf­schüt­teln. Das hier? Nein, nein. Morgen, mein Freund, da geht es los. Morgen spielt Grimsby Town FC. Aus­wärts. Vierte eng­li­sche Liga. Wenn der Klub irgendwo in Eng­land antritt, dann drehen sie durch. Oder wie es hier heißt: Let’s go fucking mental!

Unter­wegs im Namen von Grimsby

07.30 Uhr am Sams­tag­morgen, Matchday. Um halb eins tritt Grimsby in Don­caster an, vierte Liga, keine TV-Über­tra­gung, kein Spiel für Eil­mel­dungen. Iain und Josh tuckern in ihrem Klein­wagen über die Auto­bahn M180. Die beiden sind unter­wegs im Namen von Grimsby, schließ­lich sind sie die Innen­ver­tei­di­gung des Fan­teams. Egal ob in Car­diff oder in Barnet – bevor sie in den Aus­wärts­block gehen, um ihre Mann­schaft anzu­feuern, tragen sie selbst ein Spiel gegen die Fans des Heim­teams aus.

Im Kof­fer­raum wackeln die Bälle und die schwarz­weißen Tri­kots, vorne ruckelt der halb­leere Kaf­fee­be­cher von McDonald’s in der Hal­te­rung. Auf dem Bei­fah­rer­sitz hängt Iain, 30 Jahre alt, ein plau­dernder Mathe­lehrer, der sich vor­nehm für jedes Räus­pern ent­schul­digt. Seine Eltern sind aus Irland nach Grimsby gezogen, da war er zwei Jahre alt. Josh, der Fahrer, ist 21 und Kfz-Mecha­niker, ein langer Kerl, er spricht nicht mehr als ver­langt. Ich wohne nicht direkt in Grimsby, son­dern etwas außer­halb, in Boston“, sagt er. Sein Kumpel Iain schaut aus dem Fenster und mur­melt zwi­schen zwei Bissen in sein Fast-Food-Früh­stück: Irgendwie schon komisch, Josh.“ Pause. Was?“, fragt Josh. Ian blickt seinen Freund nun an. Ich meine, du stammst aus Boston und hast nicht mal einen zwölften Finger oder ein drittes Nasen­loch oder so. Du musst dort ein ziem­lich unge­wöhn­li­cher Typ sein.“ Josh betä­tigt den Blinker.

Der Platz in Don­caster liegt direkt neben dem Sta­dion. Erster Ein­druck: Ver­dammt, der Rasen ist in einem sehr guten Zustand. Wir müssen uns also schon mal eine andere Aus­rede über­legen. Lass uns gegen die Sonne spielen.“ In der Kabine der Grimsby-Fans geht es leb­haft zu wie in deut­schen Fuß­ball­um­kleiden, nur dass hier nun etwas häu­figer von Hitler oder Umschnall­dildos die Rede ist. Der Tor­wart hat noch ein paar Büchsen Bier in seiner Sport­ta­sche gefunden, zur Tar­nung schüttet er den Inhalt in Kaf­fee­be­cher und Plas­tik­fla­schen für die iso­to­ni­schen Getränke. Wel­come to Grimsby“, sagt er.

Wie abge­spro­chen spielen Grimsbys kickende Fans gegen die Sonne, und wie erwartet ver­lieren sie, wenn auch knapp mit 2:3. Ian, Josh und die anderen ziehen sich im Sta­dion um, streifen dezente schwarze Jacken und Pullis über. Nur ver­ein­zelt tragen Grimsbys Anhänger Tri­kots – und die meisten ent­gegen dem Kli­schee auch keine 150 Kilo mit sich herum. Denn so, als Kari­katur ihrer selbst, sind sie im ganzen Land bekannt. 2016 näm­lich spielte Sacha Baron Cohen, berühmt geworden als Borat“, in seinem neuen Film einen beson­ders, man muss es so sagen, aso­zialen und ein­fäl­tigen Eng­länder namens Nobby But­cher. Er trug einen Liam-Gal­lagher-Haar­schnitt, Adi­letten, ein ver­sifftes Trikot, hatte elf Kinder – und wohnte in Grimsby.

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Theodor Barth

Hart, wort­karg und lei­den­schaftslos“

Die Stadt und ihre Fisch­köpfe“ kamen in Cohens Film nicht son­der­lich gut weg, um es freund­lich aus­zu­drü­cken. So soll Nobbys Frau in einer Szene die Stärken ihres Mannes auf­zählen. Schwän­gern könne er sie, sagt sie, und das, ohne sie dabei auf­zu­we­cken. Doch Cohen steht bei den­je­nigen, die Grimsby ver­höhnen, nur hinten in einer sehr langen Schlange. Ein Abge­ord­neter aus Grimsby schrieb 2015 über seine Hei­mat­stadt, sie sei hart, wort­karg und lei­den­schaftslos, zudem daran gewöhnt zu leiden“. Der ehe­ma­lige Spieler Thomas Pin­ault wet­terte einst: Das ist wirk­lich kein schöner Ort zum Leben. Er ist alt, voll mit Fischern und stinkt auch die ganze Zeit nach Fisch.“

Wie reagieren die Bewohner und vor allem die Fans auf all diese Schmä­hungen? Auf die Grimsby-Art.

Rein in den Gäs­te­block beim Aus­wärts­spiel in Don­caster. Über 4000 Fans füllen die kom­plette Tri­büne. Mehr Aus­wärts­fans soll kein Verein in Eng­land an diesem Wochen­ende mit­ge­bracht haben, nicht mal in der ersten Liga. Trom­mel­schlag. Bämm. Bämm. Bä-bä-bä-bä-bämm. Aus 4000 Kehlen ertönt ein ein­ziges Wort: Fish!“ Dann klat­schen und schreien sie, wie es eben auf dem Button von Diane prangt, wieder und wieder: Clap, clap, fish. Es folgt: We only sing when we’re fishing.“ Wir singen nur, wenn wir fischen – statt des bekannten You only sing when you’re win­ning“. In Anleh­nung an God almighty“ nennt sich das Fan­zine des Klubs Cod Almighty“, also all­mäch­tiger Kabeljau. Jeder Fan behan­delt Harry Had­dock wie einen netten Ver­wandten und bringt ihn zu aus­ge­suchten Spielen mit. Harry Had­dock ist der Name eines auf­blas­baren Fisches. 

Die Ironie ver­bindet

In der langen Schlange der­je­nigen, die sich über Grimsby lustig machen, stehen die Ein­wohner näm­lich selbst ganz vorne. Sie drehen es um, die Ironie ver­bindet sie, als wäre der Hohn der anderen eine Aus­zeich­nung. Dann sind sie eben die auf­rechten Fisch­köppe, für die der Hafen­ge­stank ein Duft ist wie für andere Chanel No. 5.

Zur Halb­zeit liegt Grimsby mit 0:1 zurück. Iain regt sich dar­über auf, dass die Spieler planlos den Ball nach vorn schlagen. Josh nickt. Es sieht nicht gut aus. Die 4000 Fans haben ohne Unter­lass gesungen, zur Pause aber tapern sie grum­melnd in den spär­lich beleuch­teten Tri­bü­nen­un­terbau zu den Bier- und Pie-Ständen. Sehr gesittet stellen sich die Fans in die Reihen. Zunächst.

Mitten in das all­ge­meine Gemurmel stimmt eine Gruppe von Par­katrä­gern ein Lied­chen an, sie schun­keln etwas über­trieben und ver­schütten Bier. Ein stäm­miger Typ in rot-schwarzem Karo­hemd schaut hin­unter auf seinen trop­fenden Ärmel, dann zu den Jungs im Parka. Eine Sekunde über­legt er, was zu tun ist. Dann schnellen seine Arme nach oben. Er reißt den Mund und die Augen weit auf, er stimmt mit ein. Eeeeeevery-wheeeeere we go.“ Plötz­lich springen auf einer Fläche von viel­leicht 40 Qua­drat­me­tern 60 Men­schen umher, als hätte man sie aus einer Kon­fet­ti­ka­none geschossen. It’s the Grimsby boys making all the noise.“ Sie singen, über­schütten sich mit Bier, ein Kerl im Weih­nachts­mann­kostüm sitzt plötz­lich auf den Schul­tern seines Kum­pels. Zwei Rauch­töpfe zünden. Nebel, Bier­dunst, Pie-Geruch. Ein anderer Fan hockt auf einer über den Köpfen bau­melnden Decken­lampe. In den Worten der Ein­wohner am Vor­abend: Let’s go fucking mental! 

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Theodor Barth

Es gibt keine rich­tige Erklä­rung, warum die Aus­wärts­fahrten von Grimsby Town in der vierten eng­li­schen Liga zu einem der­ar­tigen Phä­nomen wurden. Immerhin einige Ansätze: Als Grimsby 2010 in die fünfte Liga abstieg, fand das erste Aus­wärts­spiel in Crawley statt, einem Kaff unweit von London. Viele Grims­ba­rians wohnen mitt­ler­weile in der Haupt­stadt, weil sie dort Arbeit gefunden haben. Sie sahen dieses Aus­wärts­spiel und viele wei­tere als ihre ganz per­sön­li­chen Heim­spiele an. Zudem machten sich sei­ner­zeit auch viele Fans aus Trotz gegen den Nie­der­gang auf den Weg. Und so standen plötz­lich 1200 Grimsby-Fans in dem kleinen Sta­dion – und hin­ter­ließen damit nicht nur bei den 800 rest­li­chen Zuschauern einen blei­benden Ein­druck. Das war der Start­schuss“, sagt Ian. In der Folge waren Grimsbys Fans bei den Aus­wärts­spielen sogar lauter als zu Hause, wo der Zuschau­er­schnitt bei unge­fähr 5000 liegt. Auf Reisen waren sie mal kreativ, mal schlicht dada­is­tisch.

In Gates­head stürmten sie den Platz. In South­port rollte ein junger Fan in einer Regen­tonne die Stufen her­unter. Und eigent­lich überall besangen sie ihren Stürmer Lenell John Lewis, der den glei­chen Namen wie eine Laden­kette trägt, mit dem ein­gän­gigen Gesang: Lenell John Lewis – his name is a shop!“

Grimsby ist das letzte Aben­teuer

Die Jungs wissen, dass sie eine gute Zeit haben. Auch wenn der Fuß­ball mit­unter grottig ist“, sagt Iain, bevor ein wei­terer Befrei­ungs­schlag seiner Mann­schaft in Don­caster auf die Tri­büne fliegt. Vor ihm springen einige 18-Jäh­rige auf den roten Plas­tik­sitzen herum, bis ein Sitz in der Mitte durch­bricht. Sie beachten das Ziga­ret­ten­verbot, denn sie rei­chen statt­dessen Joints herum. Wohl nir­gendwo auf den oft über­teu­erten und ste­rilen Tri­bünen der Pre­mier League sam­meln sich so viele junge Fans wie in diesen Reihen. Aus­wärts mit Grimsby, das ist das letzte Aben­teuer.

Ein Gesang der Jugend­li­chen wird von einem Teil der Tri­büne über­nommen. Peter Sut­cliffe is a friend of ours.“ Was die Frage auf­wirft: Wer ist Peter Sut­cliffe? Iain zögert etwas, dann gibt er zu: Das ist jetzt viel­leicht nicht unser hellster Moment. Er sitzt gerade im Gefängnis und sie singen davon, dass sie ihn befreien wollen.“ Was hat er gemacht? Nun ja, er war ein berüch­tigter Seri­en­killer. Er hat Leute hier in York­shire umge­bracht.“ Humor der Küste, selten mit Milch ver­dünnt.

Schluss­pfiff. All die Gesänge, die Trom­mel­schläge, das Klat­schen der Fans haben dem über­for­derten Team von Grimsby Town nicht geholfen. End­stand 0:1. Iain und Josh fahren erschöpft zurück, zwei Spiele an einem Tag, beide ver­loren, ab nach Grimsby, vorbei an dem Armee­truck, den Pubstraßen, zurück nach Hause, die beiden ver­ab­schieden sich. Nächste Woche wird es hei­melig. Da kommen der Weih­nachts­mann und Accrington Stanley FC.

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Theodor Barth

Am Abend schäumen Grimsbys Pubs wieder über. Sie singen auf die Melodie von Blurs Tender“ zu Ehren von Stürmer Omar Bogle. Die Paria-Rolle jedoch ist nicht immer char­mant, es gibt hier nicht nur lus­tige Sprüche, son­dern wütende Kreuze. In der Gegend hier in North East Lin­colnshire stimmten im ver­gan­genen Sommer knapp 70 Pro­zent für den Brexit, in nur neun anderen Bezirken in Groß­bri­tan­nien war das Votum noch deut­li­cher. Nicht wenige denken, dass es die Ober­grenzen aus Brüssel für den Fisch­fang waren, die die hie­sige Indus­trie nie­der­zwangen. Hinzu kam eine gene­relle Ableh­nung gegen London und die eigene Regie­rung. Manchmal scheint es, als hätten der Spott und die Ver­nach­läs­si­gung Eng­lands diesem Ort eine spe­zi­elle Wider­bors­tig­keit ein­ge­trieben.

In der Halb­zeit­pause in Don­caster hielt ein Ordner einen Fan fest. Plötz­lich lief ein gutes Dut­zend anderer Fans zu den beiden, um einen der ihren kom­pro­misslos zu befreien. Die anderen feu­erten den Mob an, wie sie die Spieler anfeuern: Maaa-ri-neers“. Irgendwie war­tete man nur darauf, dass in dem Getümmel Grimsbys eigener Majestix auf einem Schild her­an­ge­tragen wird. Grimsby gegen den Rest der Welt.

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Theodor Barth

Bei einem Aus­wärts­spiel 2015 in Nails­worth nahmen Ordner einen Grimsby-Fan in den Schwitz­kasten, weil er einen auf­blas­baren Ball mit­ge­bracht hatte. Die Fan­ge­meinde war so empört, dass sie für das kom­mende Aus­wärts­spiel in Barnet zu einer Soli­da­ri­täts­ak­tion auf­rief: The Barnet infla­table inva­sion“ wurde legendär. Im Aus­wärts­block war wohl alles zu finden, was man auf diesem Pla­neten auf­blasen kann: ein Hai, eine Gum­mi­puppe, ein Dino­sau­rier, ein Penis, ein Krück­stock, ein Fla­mingo, eine Banane, ein Hammer, meh­rere Bälle, ein Pin­guin, ein Ret­tungs­ring, eine Ret­tungs­insel, ein Pokal – und natür­lich Harry Had­dock.

Alles außer rational

Die auf­blas­bare Inva­sion“ ver­deut­licht wie kaum eine andere die Men­ta­lität dieser Stadt. Soli­da­risch, humor­voll, etwas schräg. Rational sicher nicht. Diese stram­pelnde Hafen­stadt kann gleich­zeitig rau und warm­herzig sein. Selbst Elton John sang einmal über Grimsby: Take me back you rustic town, I miss your magic charm.“

Der Abend nach dem Spiel, Kris­tine steht in einem dieser Pubs in Grimsby, sie ist fast wie eine Frem­den­füh­rerin. An ihrem Hand­ge­lenk hat sie die drei Fische aus dem Wappen täto­wiert. Nie wohnte sie weiter weg als einen Kilo­meter von ihrem Geburts­haus, nur zu den vielen Aus­wärts­spielen hat sie die Stadt ver­lassen. Sie hilft dem Verein als eine Art Fan­be­treuerin, orga­ni­siert Treffen der jungen Sup­porter und hilft im Mari­ners Trust“, der Fanin­itia­tive. Viel mehr Grimsby passt nicht in ein Leben. Als der Klub 2015 knapp den Auf­stieg in die vierte Liga ver­passte, so Kris­tine, sam­melten die Fans Geld für Neu­ver­pflich­tungen unter dem Motto Ope­ra­tion pro­mo­tion“ (Ope­ra­tion Auf­stieg). Alte Fans brachten große Teile ihrer Rente zum Sta­dion, Kinder ihr Taschen­geld. Trotzdem erwar­teten die Orga­ni­sa­toren nicht viel. Das Ziel von 20 000 Pfund wirkte sehr opti­mis­tisch. Diesen Betrag“, sagt Kris­tine, hatten wir bereits am ersten Tag bei­sammen. Also machten wir ein­fach weiter.“ Am Ende mussten sie mehr­mals nach­zählen, um die Summe glauben zu können – 110 000 Pfund. Ein Jahr später stieg Grimsby Town auf.

Der Stadt mag es nicht gut gehen, doch für die Leute hier ist sie die beste der Welt. Und für all die Spötter, also für den Rest Eng­lands, in den sie ihren Fisch lie­fern, haben sie noch einen eigenen ganz spe­zi­ellen Gesang. Sie stimmen ihn aus­wärts beson­ders laut an. Egal wo sie spielen. We piss on your fish, yes we do.“ Wir pissen auf euren Fisch, oh ja, das tun wir.

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Theodor Barth