Oh, wie groß und herr­lich ist doch die Bun­des­liga. Keine Fuß­bal­liga der Welt lockt mehr Fans in die Sta­dien. In der aktu­ellen Saison kamen durch­schnitt­lich 40.800 Zuschauer, zwölf Ver­eine hatten eine Aus­las­tung von über 90 Pro­zent. Die Klubs ver­kaufen ihre Tri­kots zum Preis eines Gebraucht­wa­gens und finden trotzdem noch Mil­lionen von dank­baren Abneh­mern. Und vor den Fress­ständen, an denen abge­stan­denes Light-Bier und Brat­wurst mit Leder­ge­schmack feil­ge­boten wird, drän­geln sich die Men­schen, als würde das Fünf­gän­ge­menü eines Ster­ne­kochs ser­viert. 

Es könnte also alles richtig toll sein, wäre da nur nicht diese ver­dammte 50+1‑Regel, wegen der unser Fuß­ball­vor­zei­ge­lu­xus­pro­dukt auf inter­na­tio­nale Pro­fi­geld­ver­mehrer immer noch wirkt wie ein Start-up-Unter­nehmen.

Häkel­gruppe im Silicon Valley

Denn hey, mal ehr­lich jetzt, die fette Kohle liegt nach wie vor in Spa­nien und vor allem in Eng­land. 6,9 Mil­li­arden Euro bekam die Pre­mier League von 2016 bis 2019 an TV-Gel­dern, das waren also 2,3 Mil­li­arden pro Spiel­zeit und somit fast dop­pelt so viel, wie die Bun­des­liga erhielt (1,16 Mil­li­arden). Für die kom­menden drei Jahre muss die Pre­mier League zwar kleine Ein­bußen hin­nehmen, trotzdem strahlt sie inter­na­tional so kräftig, dass die Bun­des­liga neben ihr manchmal wirkt wie eine Häkel­gruppe im Silicon Valley.

Klar, auf Mal­lorca lockt am Nach­mittag auch mal ein Spiel wie Hertha gegen Düs­sel­dorf ein paar Urlauber an, die neben ihrer gepflegten Druck­be­tan­kung zu einem Fuß­ball grölen oder rülpsen wollen. Aber wer inter­es­siert sich dafür in den USA, Süd­ame­rika oder Asien? Selbst Borussia Dort­mund, Schalke 04 oder der FC Bayern wirken fern der 16 (oder 17) Bun­des­länder wie B‑Ware.

Im Aus­land laufen die Kids lieber in Arsenal- oder Paris-Saint-Ger­main-Tri­kots herum. Und zur Not tut es auch eine Man­faster-United-Trai­nings­jacke:

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All Ori­ginal my friend!“ Man­faster United auf einem Markt in Kolkata.

Andreas Bock

In Indo­ne­sien zum Bei­spiel gibt es einen Fan­klub von Man­chester United, der über 30.000 Mit­glieder zählt und 114 Chapter im Land hat. Auch Ver­eine wie Real Madrid und Juventus Turin sind in Indo­ne­sien immens populär, sie haben des­halb sogar Web­sites in der Lan­des­sprache Bahasa Indo­nesia, und als die beiden Teams 2017 im Cham­pions-League-Finale auf­ein­an­der­trafen, ver­sam­melten sich überall im Land Zehn­tau­sende Men­schen zu Public Viewings. Einige erlebten aller­dings nicht mal den Anpfiff, denn die Fan­gruppen waren auf­ein­ander los­ge­gangen.

In Indien ist es ähn­lich. Als ich Anfang 2019 für eine Repor­tage in Kolkata war (11FREUNDE #208), wurde ich manchmal von anderen Sport­re­por­tern inter­viewt. Ein Deut­scher, der über indi­schen Fuß­ball berichtet – das wirkte auf sie gro­tesk. Sie fragten mich, ob Liver­pool oder Bar­ce­lona die Cham­pions League gewinnt. Was ich von Jürgen Klopp halte. Und wann sich Indien für eine WM qua­li­fi­ziert. Klar, Mario Götze kannten sie, und ja, den FC Bayern auch, aber das schien ein Aller­welts­verein zu sein, denn er war bereits im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League aus­ge­schieden. Sport­lich also in etwa so gut wie der FC Porto und Olym­pique Lyon. 

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Reporter im Ein­satz: Wann wird Indien die Fuß­ball-WM gewinnen?“

Sebas­tian Wells

Regel­recht irri­tiert schienen sie, als ich erklärte, dass mein Verein weder Dort­mund noch Bayern sei, son­dern der HSV. Sie wie­der­holten die drei Buch­staben, als würde es sich um ein che­mi­sches Ele­ment oder ein Medi­ka­ment gegen Durch­fall han­deln.