Tommi Schmitt, pünkt­lich zum Start der Bun­des­liga dürfen Sta­dien im Regel­fall zu 20 Pro­zent aus­ge­lastet werden. Fuß­ball und Fans ver­eint – ist jetzt alles wieder gut?
Toni Leistner hat als First Mover ja bereits am Mon­tag­abend wieder die Nähe zu den Fans gesucht, des­halb bin ich froh, dass die DFL, die Ver­eine und die Gesund­heits­be­hörden nach­ziehen und zumin­dest einige Zuschauer wieder ins Sta­dion lassen. Aber unbän­dige Euphorie ver­spüre ich nicht. Es ist ja nicht so, dass wir zu Tau­senden dicht­ge­drängt auf den Rängen stehen, bier­du­schende Ekstase herrscht und Karl Lau­ter­bach mit Ben­galo-Fackel grö­lend am Zaun hängt. Aber das ist okay, anders wird es eben nicht gehen. Selbst­ver­ständ­lich bin ich – wie wir alle – mitt­ler­weile auch Viro­loge und kann bestä­tigen, dass es keinen Kipp­schalter gibt, der auf einen Schlag wieder Nor­ma­lität her­stellt. Viel­mehr geht es peu à peu.

Geben Sie’s doch zu: Sobald Sie eine Karte ergat­tern können, sind Sie der erste, der im Sta­dion steht.
Ich gestehe: Ich habe mir sogar die Nations League ange­guckt. Natür­lich gehe ich ins Sta­dion, wenn sich mir die Gele­gen­heit ergibt. Und selbst­ver­ständ­lich werde ich vorher überall behaupten, es nicht zu tun. Logisch. Da halte ich es mit Kevin Küh­nert, der die Geis­ter­spiele zunächst stark kri­ti­sierte, sich dann aber doch jedes Spiel seiner Arminia ansah. Wir sind nun mal Süch­tige. Das ist wie an Sil­vester. Alle sind sich einig, dass das ganze Fest Quatsch ist, aber am Ende steht man doch wieder mit Raclette-Käse-Mund­ge­ruch im Kreis und johlt Angels in den ver­ne­belten Nacht­himmel.

Tau­sende Zuschauer in Sta­dien, aber Fami­li­en­feiern mit höchs­tens 50 Leuten und Abstand im Rewe. Wie ist das den Leuten zu erklären?
Da lobe ich mir das Saar­land: Da sind eine Fami­li­en­feier und tau­sende Men­schen im Sta­dion wenigs­tens die­selbe Ver­an­stal­tung. Nein, natür­lich ist es nicht zu ver­stehen. Aber wir haben eben ein föde­rales System. Und ich gehe davon aus, dass sich DIE DA OBEN!!1!! Gedanken gemacht haben, was geht und was nicht. Und daran halte ich mich und renne jetzt nicht wut­ent­brannt auf den Reichstag zu, weil ich wieder Fuß­ball gucken will. Ich bleibe dabei: Wir müssen Schritt für Schritt Dinge wagen, um irgend­wann wieder Nor­ma­lität her­zu­stellen. Da wird auch mal die eine oder andere Ent­schei­dung nicht sinn­voll wirken. Für die Poli­ti­ke­rInnen und die Ver­ant­wort­li­chen der Ver­eine ist das eben auch die erste Pan­demie.

Auch vom Fan erwarte ich den nötigen Respekt. Wenn man den Underdog besiegt hat, sollte man nicht noch verbal drauf­treten.“

Tommi Schmitt

Sie haben es eben schon erwähnt: Hängen geblieben ist von der ersten Pokal­runde vor­der­gründig, dass Ham­burgs Toni Leistner den Infight mit einem Dresdner Fan suchte, nachdem der nach Spiel­schluss seine Familie belei­digt hatte.
Das Video der Aktion ging bei WhatsApp ja schneller rum als damals Max Kruses Pimmel-Streifen. Aller­dings sollte der Dynamo-Fan froh sein, dass Daniel van Buyten nicht mehr beim HSV kickt. Spaß bei­seite: Leistner muss sich da im Griff haben. Aber auch vom Fan erwarte ich den nötigen Respekt. Wenn man den Underdog besiegt hat, sollte man nicht noch verbal drauf­treten.

Leon Goretzka sagte, auf den Vor­fall ange­spro­chen, man müsse von einem Spieler erwarten können, dass er die Ruhe bewahrt, dass er dar­über steht.
Dass Leon Goretzka auf einer Pres­se­kon­fe­renz des FC Bayern vor dem ersten Bun­des­liga-Spieltag zu einem Vor­fall der Partie Dresden gegen Ham­burg befragt wird, lässt auch wieder tief bli­cken, was im Sport­jour­na­lismus falsch läuft. Aber nun gut. Natür­lich darf Leistner das nicht pas­sieren, immerhin erzeugen Fuß­ball­profis auch Bilder. Aber ich wüsste nicht, wie Leon oder ich reagiert hätten, wenn wir selbst Kinder hätten und uns solche Sätze über die Familie an den Kopf geworfen worden wären. Würde ich mir als Fan übri­gens auch zweimal über­legen. Bei Goretzkas Bizeps fliegst du vom Rudolf-Harbig-Sta­dion bis zur Frau­en­kirche.