Seite 2: Wie die Nationalelf verliert ihre gesellschaftliche Bedeutung

Seit 2004 ist Bier­hoff in lei­tender Funk­tion für den Deut­schen Fuß­ball-Bund tätig. Er hat in dieser Zeit mit­er­lebt, wie die Natio­nal­mann­schaft, zunächst befeuert durch die WM im eigenen Land und später durch die sport­li­chen Erfolge, zu einem ernst­zu­neh­menden gesell­schaft­li­chen Player geworden ist. Genauso aber regis­triert er gerade einen Bedeu­tungs­ver­lust, der ihn offen­kundig schmerzt. Es ist ein­fach so, dass wir mit der Natio­nal­mann­schaft Sym­pa­thien ver­spielt haben“, sagte Bier­hoff. Wir sind nicht mehr Deutsch­lands liebstes Kind.“

Die Stim­mung hat sich gedreht. Gegen den Fuß­ball im All­ge­meinen, aber auch gegen die pro­mi­nen­teste Mann­schaft des Landes im Beson­deren. Die Freude am Fuß­ball, die spürt man gerade nicht“, sagte Bier­hoff. Dieses Thema treibt ihn um. Schon vor einem Monat hat er sich dem Spiegel“ zum Inter­view gestellt, in dem er sich als einer der füh­renden Ver­treter des Pro­fi­fuß­balls in Deutsch­land durchaus selbst­kri­tisch gab. Wir müssen auf­passen, dass wir das Rad nicht weiter über­drehen“, sagte er.

Aller­dings gilt gerade Bier­hoff seinen zahl­rei­chen Kri­ti­kern als jemand, der immer beson­ders kräftig mit­ge­dreht hat; der aus der Natio­nal­mann­schaft die Mann­schaft“ gemacht hat, weil sich das mut­maß­lich besser ver­markten lässt, und der Begriffe wie Sta­ke­holder“ in den Fuß­ball­dis­kurs ein­ge­bracht hat. Des­halb werden ihm viele seine Zer­knir­schung wohl auch nicht abnehmen, selbst wenn Bier­hoff sagte: Das lag mir irgendwie mal so am Herzen.“

Welche Schlüsse zieht Bier­hoff?

Ent­schei­dend wird sein, welche Schlüsse er aus der durchaus zutref­fenden Ana­lyse ziehen wird. Dass die Stim­mung nicht gut ist und die Natio­nal­mann­schaft seit 2018 quasi das WM-Vor­run­denaus in einer emo­tio­nalen Dau­er­schleife erlebt, ist keine neue Erkenntnis.

Genauso wenig ist es fair, dass die neue Genera­tion der Natio­nal­spieler mit Leuten wie Serge Gnabry, Leroy Sané oder Kai Havertz wei­terhin für die Min­der­leis­tung ihrer Vor­gänger in Haf­tung genommen wird. Zur Wahr­heit gehört aber auch, dass der Unmut sich weniger gegen die jungen Spieler richtet als gegen den alten Bun­des­trainer Joa­chim Löw, der trotz Russ­land 2018 eben wei­terhin im Amt ist. Das macht es nicht gerade ein­fa­cher, den Neu­an­fang glaub­würdig als sol­chen zu ver­kaufen.

Die Pan­demie hat die Ent­wick­lung zusätz­lich ver­schärft

Wir wollen nicht, dass die Men­schen sich vom Fuß­ball ver­ab­schieden“, sagte Bier­hoff. Eine ent­spre­chende Ten­denz war schon vor Corona zu beob­achten. Die Pan­demie aber scheint diese Ent­wick­lung noch einmal ver­schärft und beschleu­nigt zu haben. So wie es in den Jahren 2006 ff. als schick galt, sich als Fan des Fuß­balls und seiner gesell­schaft­li­chen Kraft zu erkennen zu geben, so scheint es jetzt zum guten Ton zu gehören, sich von diesem durch und durch ver­dor­benen Busi­ness abzu­wenden.

Bier­hoff emp­findet die ganze Stim­mung rund um den Fußall als ein biss­chen nebulös“. Es wird vieles zusam­men­ge­rührt: die Maß­lo­sig­keit des Geschäfts, absurde Gehälter, abstruse Ablö­se­summen, das Gebaren der inter­na­tio­nalen Ver­bände, die Skan­dale im und um den DFB. Der Ver­band hat in vielen Berei­chen unglaub­lich tolle Arbeit geleistet“, sagte Bier­hoff über seinen Arbeit­geber. Aber wir müssen auch rea­lis­tisch sein. Der DFB hat nicht dazu bei­getragen, dass das Bild besser wird.“

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.