Oliver Bier­hoff kämpfte um die Kon­trolle, und es war ein schwie­riger Kampf. Seine rechte Hand spielte mit der Was­ser­fla­sche, die vor ihm auf dem Tisch stand. Bier­hoff schob sie ein Stück nach rechts, weg von den anderen Fla­schen. Er drehte sie um ihre Achse und schob sie noch ein Stück nach rechts. Kippte sie zur Seite und schob sie noch ein Stück nach rechts.

Solche Anzei­chen von Ner­vo­sität kennt man eigent­lich gar nicht von Oliver Bier­hoff, der nach all den Jahren in der Öffent­lich­keit, ein echter Medi­en­profi ist. Und der natür­lich auch weiß, wie man solche Bilder ganz ein­fach ver­hin­dert. Nach ein paar Minuten ver­barg der Manager der Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft seine Hände ein­fach unter dem Tisch.

Klar und unver­stellt sollte seine Bot­schaft rüber­kommen.

Wenn Bier­hoff vor Län­der­spielen zur Pres­se­kon­fe­renz der Natio­nal­mann­schaft gebeten wird, geht es oft um all­täg­liche Klei­nig­keiten, um den Gesund­heits­zu­stand von Spieler X oder die Frage, ob denn Tor­hüter Y diesmal wohl spielen darf. In unre­gel­mä­ßigen Abständen nutzt Bier­hoff seine Auf­tritte vor der Presse aber auch dazu, von sich aus ein paar Bot­schaften zu plat­zieren. Pro­aktiv heißt das im immer etwas manie­rierten Mar­ke­ting­jargon.

Bier­hoff spricht Grund­sätz­li­ches an

Am Montag, zwei Tage vor dem Freund­schafts­län­der­spiel der deut­schen Natio­nal­mann­schaft gegen Tsche­chien in Leipzig, war es wieder einmal so weit: Bier­hoff fühlte sich durch die all­ge­meinen Umstände offenbar genö­tigt, ein paar grund­sätz­liche Dinge jen­seits pro­faner Auf­stel­lungs­fragen anzu­spre­chen. Eine gute Vier­tel­stunde dau­erte seine Regie­rungs­er­klä­rung ans deut­sche Fuß­ball­volk.

Bier­hoff warb in seiner Rede für die jungen deut­sche Natio­nal­mann­schaft, der es gerade schwer fällt, das Land für sich zu begeis­tern. Obwohl sie Herz und Lei­den­schaft zeige. Er redete gegen die all­ge­mein schlechte Stim­mung an, die sich wie eine dunkle Wolke“ über der Natio­nal­mann­schaft geschoben habe – und die seiner Mei­nung nach die Fal­schen in den Schatten stellt. Mir tut’s immer sehr weh, wie mit den jungen Spie­lern umge­gangen wird“, sagte er. Die jungen Spieler haben echt unser Ver­trauen ver­dient.“

Seit 2004 ist Bier­hoff in lei­tender Funk­tion für den Deut­schen Fuß­ball-Bund tätig. Er hat in dieser Zeit mit­er­lebt, wie die Natio­nal­mann­schaft, zunächst befeuert durch die WM im eigenen Land und später durch die sport­li­chen Erfolge, zu einem ernst­zu­neh­menden gesell­schaft­li­chen Player geworden ist. Genauso aber regis­triert er gerade einen Bedeu­tungs­ver­lust, der ihn offen­kundig schmerzt. Es ist ein­fach so, dass wir mit der Natio­nal­mann­schaft Sym­pa­thien ver­spielt haben“, sagte Bier­hoff. Wir sind nicht mehr Deutsch­lands liebstes Kind.“

Die Stim­mung hat sich gedreht. Gegen den Fuß­ball im All­ge­meinen, aber auch gegen die pro­mi­nen­teste Mann­schaft des Landes im Beson­deren. Die Freude am Fuß­ball, die spürt man gerade nicht“, sagte Bier­hoff. Dieses Thema treibt ihn um. Schon vor einem Monat hat er sich dem Spiegel“ zum Inter­view gestellt, in dem er sich als einer der füh­renden Ver­treter des Pro­fi­fuß­balls in Deutsch­land durchaus selbst­kri­tisch gab. Wir müssen auf­passen, dass wir das Rad nicht weiter über­drehen“, sagte er.

Aller­dings gilt gerade Bier­hoff seinen zahl­rei­chen Kri­ti­kern als jemand, der immer beson­ders kräftig mit­ge­dreht hat; der aus der Natio­nal­mann­schaft die Mann­schaft“ gemacht hat, weil sich das mut­maß­lich besser ver­markten lässt, und der Begriffe wie Sta­ke­holder“ in den Fuß­ball­dis­kurs ein­ge­bracht hat. Des­halb werden ihm viele seine Zer­knir­schung wohl auch nicht abnehmen, selbst wenn Bier­hoff sagte: Das lag mir irgendwie mal so am Herzen.“

Welche Schlüsse zieht Bier­hoff?

Ent­schei­dend wird sein, welche Schlüsse er aus der durchaus zutref­fenden Ana­lyse ziehen wird. Dass die Stim­mung nicht gut ist und die Natio­nal­mann­schaft seit 2018 quasi das WM-Vor­run­denaus in einer emo­tio­nalen Dau­er­schleife erlebt, ist keine neue Erkenntnis.

Genauso wenig ist es fair, dass die neue Genera­tion der Natio­nal­spieler mit Leuten wie Serge Gnabry, Leroy Sané oder Kai Havertz wei­terhin für die Min­der­leis­tung ihrer Vor­gänger in Haf­tung genommen wird. Zur Wahr­heit gehört aber auch, dass der Unmut sich weniger gegen die jungen Spieler richtet als gegen den alten Bun­des­trainer Joa­chim Löw, der trotz Russ­land 2018 eben wei­terhin im Amt ist. Das macht es nicht gerade ein­fa­cher, den Neu­an­fang glaub­würdig als sol­chen zu ver­kaufen.

Die Pan­demie hat die Ent­wick­lung zusätz­lich ver­schärft

Wir wollen nicht, dass die Men­schen sich vom Fuß­ball ver­ab­schieden“, sagte Bier­hoff. Eine ent­spre­chende Ten­denz war schon vor Corona zu beob­achten. Die Pan­demie aber scheint diese Ent­wick­lung noch einmal ver­schärft und beschleu­nigt zu haben. So wie es in den Jahren 2006 ff. als schick galt, sich als Fan des Fuß­balls und seiner gesell­schaft­li­chen Kraft zu erkennen zu geben, so scheint es jetzt zum guten Ton zu gehören, sich von diesem durch und durch ver­dor­benen Busi­ness abzu­wenden.

Bier­hoff emp­findet die ganze Stim­mung rund um den Fußall als ein biss­chen nebulös“. Es wird vieles zusam­men­ge­rührt: die Maß­lo­sig­keit des Geschäfts, absurde Gehälter, abstruse Ablö­se­summen, das Gebaren der inter­na­tio­nalen Ver­bände, die Skan­dale im und um den DFB. Der Ver­band hat in vielen Berei­chen unglaub­lich tolle Arbeit geleistet“, sagte Bier­hoff über seinen Arbeit­geber. Aber wir müssen auch rea­lis­tisch sein. Der DFB hat nicht dazu bei­getragen, dass das Bild besser wird.“

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.